N°7/8DEBATTE | 29.06.20

Da braut sich was zusammen 

Die Covid-19-Krise führte an den britischen Universitäten zu mehr Online-Unterricht. EdTech-Firmen nutzen diese Entwicklung für eine aggressive Expansion, die Milliardengewinne verspricht. 

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Von Mariya P. Ivancheva
Illustration: Christoph Kleinstück

Mariya P. Ivancheva ist Aktivistin und Sozialwissenschafterin an der University of Liverpool und setzt sich mit der Arbeit im Universitätssektor auseinander.

Mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie ließen die Universitäten in vielen Ländern ihren Lehrbetrieb hauptsächlich online stattfinden. Bei diesem Umzug in die virtuelle Sphäre wurde häufig die Hilfe privater Edtech-Firmen herangezogen, also Unternehmen, die digitale Bildungstechnologien anbieten. Nun wurden in der öffentlichen Debatte bereits eine Reihe berechtigter Bedenken geäußert – etwa was den Zugang zu Geräten, Internetverbindungen oder geeigneten Lernorten für Studierende aus armen oder prekären Haushalten betrifft. Seltener jedoch wurden die Auswirkungen der Online-Lehre auf die Arbeit im Wissenschaftsbereich diskutiert.

Die Maßnahmen der Universitäten sind angesichts der sträflichen Verantwortungslosigkeit der Regierung unter Boris Johnson, die in Großbritannien bis Anfang Juni ungefähr 45.000 Todesopfer gefordert hat, unterstützenswert. Zugleich aber beschleunigt der Umstieg auf Online-Lehre bestehende Trends in einem krisengeschüttelten Sektor. Durch Online-Lehre können Studierende zwar ihr Studienjahr abschließen, Universitätsangestellte haben indes wesentlich weniger Garantien. Viele Universitäten haben Beurlaubungsmodelle für ihre Angestellten vorgeschlagen. Ungefähr 50 Prozent der Lehre wird jedoch von prekär Beschäftigten mit rein auf die Lehrtätigkeit beschränkten Verträgen geleistet. Es steht zu befürchten, dass man angesichts der drohenden Krise viele dieser Verträge einfach auslaufen lässt oder dass Beschäftigte direkt gekündigt werden. 

Gerade in Großbritannien lässt sich beobachten, welche Folgen Privatisierung, Finanzialisierung und aggressive Expansionsstrategien im tertiären Bildungssektor haben: Während die Pensionen des wissenschaftlichen Personals an private Offshore-Firmen ausgelagert werden, haben Universitäten milliardenschwere Kredite aufgenommen, um private Studentenheime hochzuziehen (für deren Errichtung und Betrieb wiederum Offshore-Firmen zuständig sind).

»UNTER DEN BEDINGUNGEN EINES MITTLERWEILE HOCHGRADIG  VON MARKTKRÄFTEN DURCHDRUNGENEN SEKTORS BEGÜNSTIGEN DIESE LÖSUNGEN GROSSE UNTERNEHMEN UND FÜHREN ZU MEHR, NICHT WENIGER UNGLEICHHEIT.«

Während diese neuen, völlig lieblosen Heime und Freizeitanlagen für Studierende wie Pilze aus dem Boden schießen, sind die Hörsäle überfüllt und die Mittel für Beratungseinrichtungen werden just in einem Moment gekürzt, da man von einer Epidemie psychischer Erkrankungen unter Studierenden sprechen kann. Die Liste der Kritikpunkte ließe sich um einige Punkte verlängern.

EdTech-Firmen treten angesichts dieser Probleme mit Maximen wie »Nutzer- und Lösungsorientierung« auf den Plan. Sie gerieren sich dabei als technologiestarke und »revolutionäre« Problemlöser in Sachen soziale Ungleichheit und als Mittel zur Überwindung des elitären und exklusiven Charakters höherer Bildung. Nun wurden bestimmte Techniken – sei es die alte Briefschule, der Unterricht über Radio oder jüngst eben der Einsatz digitaler Geräte und Plattformen – schon seit langem für Fern-Unterricht verwendet, als Angebot gerade für jene, die kein Vollzeitstudium vor Ort absolvieren konnten. 

Unter den Bedingungen eines mittlerweile hochgradig von Marktkräften durchdrungenen Sektors begünstigen diese technologiebasierten Lösungen jedoch ausschließlich große Unternehmen und führen zu mehr (und nicht weniger) Ungleichheit. Bereits vor der Covid-19-Pandemie setzten einige Universitäten auf MOOCs (offen zugängliche Online-Großvorlesungen), Kurzseminare und zur Gänze online absolvierbare Studien. Diese wurden meist gemeinsam mit Firmen konzipiert, die sich auf die Bereitstellung und Verwaltung geeigneter Online-Plattformen spezialisiert haben, ein Bereich, der im Fachjargon als »Online Program Management« (OPM) bezeichnet wird. Dieser Sektor umfasst mittlerweile über 60 Unternehmen, deren gemeinsamer Jahresgewinn sich aktuell auf 3 Milliarden US-Dollar beläuft und bis 2025 auf 7,7 Milliarden steigen soll. Das Geschäftsmodell dieser Firmen ist lukrativ: Sie erhalten 50 bis 70 Prozent der Kursgebühren und erhalten Zugriff auf vermarktbare Nutzerdaten, während sie ein relativ geringes Startkapital, eine technische Plattform und Unterstützung bei der Suche nach Mitarbeiterinnen bieten. 

Im Gegensatz zu anderen Giganten der EdTech-Industrie, die ihre Dienste unter ihrem Namen anbieten, treten OPMs unter dem Namen ihrer Partneruniversität auf, insbesondere bei ihren Kerndiensten, nämlich der Erstellung von Studienplänen und bei der Betreuung von Studierenden. Dafür greifen sie in zweifacher Weise auf unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit von Wissenschaftlern zurück: Erstens erscheinen diese OPM-Studiengänge als Teil des »normalen« Angebots der Universitäten, der zusätzliche Arbeitsaufwand der Uni-Mitarbeiterinnen wird weder extra bezahlt noch mit einem eigenen Stundenkontingent ausgestattet. Zweitens heuern diese Firmen prekäre Wissenschafter an, um sie im Stil der Gig-Economy für eng begrenzte Aufgaben relativ schlecht zu bezahlen. 

Wenn sich nun im Zuge von Covid-19 der Notbehelf der Fernlehre zu einem neuen Modell der Online-Bildung wandelt, besteht die Gefahr, dass die wachsende Zahl arbeitsloser Wissenschafter zu einer akademischen Reservearmee für die OPMs werden. Ohne Vertretung durch die Uni-Gewerkschaften könnten sie zudem dazu herangezogen werden, Streiks der an der Universität Beschäftigten zu umgehen. Dies würde die um sich greifende Prekarisierung und die zunehmende Spaltung von Lehre und Forschung verstärken, die bereits durch die Forschungs-Finanzierungspolitik hervorgebracht wurde. Eine Politik, die im Übrigen auch die EU in Form von ihrer Forschungsförderung betreibt. 

Wird sich dagegen Widerstand formieren? Die britische Gewerkschaft des wissenschaftlichen Uni-Personals, die University and College Union (UCU), machte seit 2018 international mit Mobilisierungen zu Pensionen und Arbeitsüberlastung von sich reden. Ob sie für die neue Herausforderung gerüstet ist, muss sich zeigen. Für die Universitäten in anderen Ländern sollte die Entwicklung in Großbritannien als Warnung dienen, dass der politisch wie sozial hochsensible Bereich der höheren Bildung von profitgierigen Kapitalgruppen gerade erst entdeckt wurde – und für diese ist eine Krise wie die jetzige eine willkommene Gelegenheit, ihre Interessen voranzutreiben.