N°9DEBATTE | 30.08.20

Die Schwäche des Bürgertums

In der Schweiz betrachtete es die städtische Bourgeoisie als ihre Pflicht, sich in Medien von gewisser Qualität darzustellen. In Österreich dagegen sind sie im Besitz einer Art lokaler Lumpenbourgeoisie.

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Von Armin Thurnher
Illustration: Christoph Kleinstück

Armin Thurnher ist Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung Falter.

Das österreichische Problem ist das Fehlen oder die Schwäche seines Bürgertums. Joseph II. dekretierte bürgerlichen Fortschritt von oben. Eine bürgerliche Revolution gab es wohl, aber ihr fehlte der gesellschaftliche Nachdruck. Erst als jüdisches Bürgertum die Gesellschaft der Monarchie durchflutete, änderte sich das. Ihm verdanken wir die Wiener Moderne und die einzige Zeitung von internationalem Rang, die Neue Freie Presse. Das Schicksal dieses Bürgertums ist bekannt.

Nach 1945, als sich die Alliierten in Deutschland um Reeducation und Errichtung einer gegen Totalitarismus immunen Medienöffentlichkeit bemühten, ignorierten sie Österreich wegen dessen Bedeutungslosigkeit. So entwickelte sich eine provinzielle, von Parteien und Interessenvertretungen geprägte Medienlandschaft, deren beste Erzeugnisse immer josephinisch geprägt blieben, vom Neuen Österreich bis zum ORF.


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