N°11DEBATTE | 30.10.20

Ein hartes Reiskorn

Was uns Good Ol’ Uncle Ben kurz vor seinem Abtritt über die Geschichte und Gegenwart von Rassismus und Antirassismus in den USA zu erzählen hat. Eine Skizze.

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Von Richard Schuberth

Richard Schuberth lebt und arbeitet als freier Autor in Wien.
Illustration: Christoph Kleinstück

He don’t plant tators

He don’t plant cotton

And them that plants ’em is soon forgotten

But ol’ man river

He jes’ keeps rolling along

Aus dem Song Ol’ Man River

Uncle Ben wird nicht mit einem Jazzbegräbnis im New-Orleans-Stil beerdigt werden, sondern diskret im Firmenarchiv von Mars Incorporated, dem Hersteller von »Uncle Ben’s Reis«, verschwinden. Von der orangen Packung aber wird ab 2021 ein etwas farbloses »Ben’s Original« prangen. »Wir ändern nicht nur unseren Namen und das Bild auf der Verpackung«, verkündet die PR-Abteilung feierlich, »sondern ergreifen auch Maßnahmen zur Förderung von Inklusion und Gerechtigkeit, und das geht einher mit einem neuen Markenzweck, wonach Möglichkeiten geschaffen werden sollen, die jeder/jedem einen Platz am Tisch bieten.« Womit die Konzernleitung zumindest eingesteht, dass das bislang nicht der Fall war. Zudem kündigt sie auf ihrer Website Maßnahmen zur Ausbildung von schwarzen Köchen und Köchinnen und Universitätsstipendien für junge Menschen aus »benachteiligten Communities« in Mississippi an, woher die Marke einen Gutteil ihres Reises bezieht.

Hier trennt sich im Antirassismus der klassenkämpferische Reis von der liberalen Spreu. Liberale, die im Rahmen der Black Lives Matter-Proteste beim Straßenkampf mitunter bewunderungswürdige Radikalität an den Tag legten, können – ein Ziel ist erreicht, der Kapitalismus vom Rassismus gesäubert und Uncle Ben Personalchef geworden (er darf weiße Mitarbeiter feuern) – beruhigt zu ihren Netflix-Serien zurückkehren. Doch der Kapitalismus, mögen radikalere Linke postulieren, ist auf Rassismus gebaut, und selbst racial awareness verwertet er noch als brand. Beides ist richtig und naiv zugleich, denn Marketing ist nun mal die Muttersprache des Kapitalismus, und nichts gibt es, einschließlich der Kritik an ihm selbst, was er nicht vermarkten würde. Des Weiteren ist er weder Protestant noch Rassist noch Eishockeyfan, sondern nutzt und forciert auf nationaler wie globaler Ebene gesellschaftliche Spaltungen zur ihm je funktionalen Horizontalisierung und Vertikalisierung der Gesellschaft – einerseits also, um sich kulturell oder biologisch legitimierte Hierarchien an Arbeitskraft zu reservieren, andererseits um durch kulturelle Spaltungen und Konflikte Solidarisierung entlang der Klassengrenzen zu verhindern. Mitunter galoppiert er wie Mars Incorporated medienwirksam als Vorreiter im Kampf gegen jene Ungleichheit voraus, auf deren Konstanz und Vertiefung seine Prosperität schmarotzt. 

Wer nicht von Klasse sprechen will, sollte auch vom Rassismus schweigen. Uncle Ben wäre ein tauglicher Führer durch die »Intersektionalität« von Rasse und Klasse. Die Geschichte der USA ist eine der ethnisierten sozialen Kämpfe. Dass diese konkurrierenden Communities dann unter der Klammer einer homogenen weißen Mehrheit zusammenfanden, ist nicht ohne das Konstrukt des Schwarzen möglich. Uncle Ben’s Reis ist nur in Kontrast zu Uncle Ben’s Teint so blütenweiß.

Die FAZ titelte, dass Uncle Ben nun endlich »frei« sei. Doch war dieser nie Sklave. Dennoch hat die Verwechslung Methode: Die Fixierung auf die extremste Form der Ausbeutung, die Sklavenwirtschaft, neigt dazu, den Rassismus in den USA als anachronistisches Fortleben eines vormodernen Überlegenheitsgefühls zu interpretieren, das bei den liberalen Werten der Chancengleichheit eben noch nicht wirklich angekommen sei. Das weiße Banjolied vom Rassismus der falschen Haltung, das den Blues des systemimmanenten Rassismus übertönen soll.

Der Rassismus der Porträts von Uncle Ben und der Pfannkuchen-Tante Jemema aber liegt weniger in einer Idyllisierung eines rassifizierten Dienstboten- oder Sklavenverhältnisses als im Imago eines harmonischen Postbürgerkriegskonsenses, welcher dem hart arbeitenden Reisbauern Ben und der mütterlichen Nationalernährerin Jemema sogar eine gewisse Würde als Ersatz für ihre soziale Mobilität konzediert. In einer geschichtslos heilen Welt, in welcher der Bauer Ben mit white collar und Fliege sogar die Accessoires des gehobenen Dienstleistungssektors als der Obergrenze seines möglichen Aufstiegs verpasst bekam: Modell stand ihm der Chicagoer Oberkellner Frank Brown.

Relikte der Sklavengesellschaft sind die rassistische Abschätzigkeit der Anreden »Tante« und »Onkel« für ältere Schwarze, denen »Mr.« und »Mrs.« verwehrt wurden – und der Reisanbau selbst. Als drittwichtigstes Produkt der Plantagenwirtschaft war der Reis samt dem erforderlichen Knowhow direkt aus Westafrika nach Ostamerika verpflanzt worden, afrikanische Reisanbauspezialisten erzielten auf den Sklavenmärkten von Charleston und Savannah die höchsten Kaufpreise.

Gordon Harwell benannte seine Reismarke 1937 angeblich nach einem schwarzen Farmer aus Texas namens Ben, der besonders hochwertigen Reis anbaute. Dies reproduziert den Mythos der fairen Nachbarschaft und egalitärer Tauschbeziehungen weißer und schwarzer Bauern, einem liberalen Ende der Rassenhierarchien unter dem Signum des Agrarmarktes. 

Mit dem Verschwinden von Bens väterlichem Lächeln von unseren Reispackungen, das der USA 74 Jahre lang die Absolution erteilte für alles, was sie Afroamerikanern antat, antut und antun wird, verschwindet auch ein Symbol für die Vielschichtigkeit rassistischer Verhältnisse und ihrer Verschränkung mit dem sozialen Gefälle, durch deren Ausblendung ein weißer Mittelschicht-Antirassismus in eben jenen abstrakten phänotypischen Essenzialismus zurückfällt, für den er den gängigen Rassismus gegen Afroamerikaner hält. In diesem Sinne führt die awareness, keine Schwarzen als Diener zu vermarkten, schnurgerade zu der unawareness dafür, dass das auf idyllisierende Weise die noch immer vorherrschende soziale Realität abbildet. Und doch hat der gute alte Uncle Ben als alltagskulturelles Pin-up ausgedient – passender wären da schon Passfotos erschöpfter westafrikanischer Kinder, und zwar nicht auf den Reis-, sondern den Schokoladepackungen von Mars Incorporated. Denn während der Konzern symbolträchtig den Nachkommen der Sklaven von Mississippi Unistipendien kredenzt, bezieht er Kakao von der Elfenbeinküste, der von größtenteils versklavten Kinderarbeitern aus Burkina Faso geerntet wird. 

Unheimlich mag noch einer oder zwei Generationen das Verschwinden von Bens Gesicht auf »Ben’s Original« dünken, wenn sie ihr Gumbo mit gutem Gewissen würzen, so als habe man eine Narbe mit Laser entfernt, aber nicht das Unrecht, das sie verschuldete. Und die abgeschafften Lügenmärchen von den gutmütigen Haussklaven oder den respektablen Reisbauern und Maîtres d’hôtel werden zu Voodoogeschichten mutieren. Denn solange die Verhältnisse, die Rassismus reproduzieren, nicht abgeschafft sind, wird euch Uncle Ben in eure Träume verfolgen.