10 | DEBATTE | 01.10.21

Gegen die Ethnisierung sozialer Bewegungen 

Seit Sommer bereisen Delegationen der Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN) Europa. Der Besuch erinnert uns daran: Die Zapatistas sind eine sozialrevolutionäre Bewegung.

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VON JENS KASTNER

Jens Kastner lebt und arbeitet als Soziologe und Kunsthistoriker in Wien.

Illustration: Lea Berndorfer

Als sie 1994 mit ihrem »¡Ya Basta!« (»Es reicht!«) die weltpolitische Bühne betraten, richteten sie sich gegen Neoliberalismus, Armut und Rassismus. Ihre Ziele waren von Anfang an universelle: Demokratie, Freiheit, Würde, Bildung, Gesundheit. Manche ihrer Slogans – »Fragend schreiten wir voran« (»preguntando caminamos«) – brachen mit linker Avantgardelogik, andere knüpften an linksradikale Traditionen an: »todo para todos«, »Alles für alle!«, das proklamierte 1933 schon der Anarchokommunist Erich Mühsam.

All das ist nachzulesen in den vielen Kommuniqués und Verlautbarungen der Bewegung, die sich nach dem Revolutionär Emiliano Zapata (1879–1919) benannt hatte, nicht zuletzt, um auf die unabgegoltenen Ansprüche der Mexikanischen Revolution (1910–1920) hinzuweisen. In den 1990er und 2000er Jahren stießen die Zapatistas mittels zahlreicher transnationaler Initiativen die globalisierungskritischen Proteste mit an. Die aktuelle Reise nach Europa setzt die Reihe dieser transnationalen Mobilisierungen von den »Intergalaktischen Treffen« 1996 und 1997 bis zur »Kleinen Zapatischen Schule« 2014 fort. Spätestens seit 2003 liegt der Fokus ihrer Aktivitäten in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos, wo die Zapatistas einige Landkreise und Gemeinden kontrollieren und selbst verwalten. In der bitterarmen Region ist eine autonome Infrastruktur für Bildung und Gesundheit aufgebaut worden, landwirtschaftliche und andere Betriebe werden kollektiv geführt. 


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