N°7/8DEBATTE | 01.07.21

Himmelfahrtskommando Olympia

Japan hält trotz Covid-Krise an der Ausrichtung der Olympischen Spiele fest. Auch abgesehen davon haben die Spiele viele Schattenseiten.

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VON JANA VOLKMANN

Jana Volkmann ist Redakteurin des TAGEBUCH.

Austernlarven setzen sich gern an harten Gegenständen fest. Daher kommen in der Austernzucht Dachziegel zum Einsatz, die im Meer versenkt werden, auf dass sich die Larven darauf niederlassen. An Schwimmkörpern, die in Gewässern um Tokio für niedrigen Wellengang sorgen, haben sich zuletzt ebenfalls massig Austern festgesetzt – doch über die freut sich niemand: Hier sollen in wenigen Wochen die olympischen Ruderteams zu Wasser gehen. Das Regelwerk sieht vor, dass an den Austragungsorten keine Wellen den Ablauf stören. Die Austern könnten jedoch die Schwimmkörper versenken. Dabei ist die Invasion der Schalentiere beileibe nicht die einzige Hürde, die Japan am Weg zu den Olympischen und Paralympischen Spielen zu nehmen hat. Im Juli und August sollen die – pandemiebedingt verschobenen – Spiele stattfinden. Zum Redaktionsschluss Mitte Juni stand nicht fest, ob japanisches Publikum anwesend sein darf. Denn wie die Sicherheitsmaßnahmen konkret aussehen sollen, ist zu weiten Teilen noch unklar.

Die Regierung um den konservativen Premier Yoshihide Suga lässt sich zwar von Expertengremien beraten, aber eher pro forma, wie die Süddeutsche Zeitung kürzlich berichtete. Sicherheitsbedenken werden geflissentlich ignoriert. Damit setzt Suga fort, was sein Vorgänger Shinzo Abe begann. Er nutzt die Olympischen Spiele als Gelegenheit, ein Japan zu präsentieren, das sich von der Katastrophe von Fukushima erholt hat. Man sprach von »fukkou gorin«, Spielen des Wiederaufbaus. Das Auftaktspiel im Baseball, wichtigster Sport in Japan, wird in einem Stadion in Fukushima stattfinden. Die schwer getroffene, zu den ärmeren des Landes zählende Region soll so wiederbelebt werden. Allerdings ist der tatsächliche Wiederaufbau ins Stocken geraten, weil viele Gelder in die Sportstätten geflossen sind. Die Spiele scheinen sakrosankt. Zur Erinnerung: Der Olympia-Enthusiast Abe hatte 2016 bei der Abschlusszeremonie der Spiele in Rio einen bizarren Cosplay-Auftritt hingelegt, verkleidet als Super Mario.

»An den Austragungsorten beschleunigen sich GentrifiziErungsdynamiken, wenn Unternehmen und Sponsoren die Städte vereinnahmen.«

Dabei stehen die Olympischen Spiele nicht nur für sportliche Höchstleistungen, Entertainment und das, was man landläufig als Völkerverständigung bezeichnet. An den Austragungsorten beschleunigen sich Gentrifizierungsdynamiken, wenn Unternehmen und Sponsoren die Städte vereinnahmen. Hinzu kommen Korruption, die Ausbeutung der Arbeiterinnen, und fatale ökologischen Auswirkungen. Darüber hinaus wurden in Tokio Obdachlose aus Parks vertrieben. Die Menschen, die ohnehin am prekärsten leben, werden um ihre Existenzgrundlage gebracht, sie haben bei diesem medialen Großereignis keine Lobby. Es gibt jedoch zahlreiche NOlympics-Bewegungen, die über die Schattenseiten der Spiele aufklären und gegen Gentrifizierung, Vertreibungen und Ausbeutung vorgehen. Besonders prominent tut sich NOlympics LA hervor – Los Angeles soll 2028 Austragungsort der Sommerspiele sein; dem sehen die Aktivisten angesichts der Turbogentrifizierung in ihrer Stadt mit Sorge entgegen. Auch in Japan gab es Proteste, aktivistische Zusammenschlüsse wie »Hangorin no kai« sind transnational vernetzt und organisieren Widerstand gemeinsam mit Gruppen aus Rio, Pyeongchang und anderen künftigen oder ehemaligen Austragungsorten.

Man kann eine Menge kritisieren an Japans Umgang mit den Spielen inmitten der Pandemie. Im nächsten Schritt wäre zu überlegen, ob es sinnvoll ist, die Olympischen Spiele in ihrem jetzigen Ausmaß überhaupt weiterzuführen. Ihre Meriten für den Sport sind unbestritten, aber es ist untragbar, dass leistbarer Wohnraum verschwindet und der ganze Pomp auf Kosten der Ärmsten geht. Dieses Schema zieht sich durch die jüngere Geschichte der Spiele, unabhängig von der Pandemie. Aber das Himmelfahrtskommando, während einer globalen Gesundheitskrise eine derartige Großveranstaltung über die Bühne zu bringen, könnte Anlass liefern, sich mit den größeren politischen und sozialen Zusammenhängen zu befassen.