10 | DEBATTE | 01.10.21

Kein Ende des ewigen Krieges 

Der Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bedeutet nicht das Ende des US-geführten »Krieges gegen den Terror«. Er ist Teil seiner Neuerfindung.

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VON SAMUEL MOYN

Samuel Moyn ist Professor für Geschichte und Rechtswissenschaft an der Yale University. Sein jüngstes Buch Humane. How the United States Abandoned Peace and Reinvented War ist im September 2021 im Verlag Farrar, Straus and Giroux erschienen. 
Aus dem amerikanischen Englisch von Benjamin Opratko.

Illustration: Lea Berndorfer

Bis zum Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan und der Eroberung Kabuls durch die Taliban hatte es sich die amerikanische Öffentlichkeit leisten können, den Krieg gegen den Terror weitgehend zu ignorieren. Nun sieht sie sich zu einer kollektiven Gewissenserforschung gezwungen. Gestritten wird darüber, ob Joe Bidens Entscheidung, die militärische Unterstützung der afghanischen Regierung aufzugeben, richtig oder falsch war, und wer für die Folgen verantwortlich gemacht werden sollte. Doch das lenkt von zwei wichtigen Wahrheiten ab. Erstens, dass der Afghanistankrieg, zumindest jener, in dem US-amerikanische Truppen vor Ort der entscheidende Faktor waren, schon lange vorbei war. Und zweitens, dass der globale, von den USA geführte und sich stetig ausweitende Krieg gegen den Terror im Prinzip und in der Praxis weitergeführt wird.

Joe Biden hat zwar die US-Truppen zum zwanzigsten Jahrestag von 9/11 aus Afghanistan abgezogen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die USA aufhören würden, in der Region aktiv zu sein. Biden hat bloß zu Ende geführt, was George W. Bush begonnen hatte und seine Nachfolger fortgeführt haben: die Umwandlung des Krieges gegen den Terror von einem konventionellen militärischen Feldzug zu einer globalen Operation, die auf dem Einsatz von Drohnen, Spezialeinheiten und Langstreckenwaffen beruht. 

Unter George W. Bush hatten sich die USA auf den Krieg im Irak konzentriert. In Afghanistan und den umliegenden Grenzregionen experimentierte sie derweil mit neuen Methoden der Kriegsführung. Barack Obama versuchte zwar zunächst – auf Anraten der von ihm konsultierten Experten für Aufstandsbekämpfung – die Region mit einer Truppenaufstockung zu befrieden; im Rahmen dieser als »Surge« bekannten Offensive waren zeitweise 100.000 US-Soldatinnen und -Soldaten in Afghanistan im Einsatz. 

»Obama verantwortete 563 Drohnenangriffe, zehnmal so viele wie sein Vorgänger. In jedem Jahr seiner Amtszeit genehmigte seine Regierung mehr Einsätze von kleinen militärischen Spezialeinheiten als im Jahr zuvor.«

In seiner zweiten Amtszeit musste Obama das Scheitern dieser Strategie eingestehen. Er erklärte seine Unterstützung für einen kompletten Truppenabzug und verringerte die Truppenstärke rapide.


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