12/1 | DEBATTE | 01.12.21

Nach unten getreten, nach oben gebuckelt 

Wie erzählen wir die Geschichte des Systems Kurz? Am besten aus der Perspektive seiner Opfer.

________________________

VON BENJAMIN OPRATKO

Benjamin Opratko ist Redakteur des TAGEBUCH.

Illustration: Anna Gusella

Es ist nicht gesagt, dass Sebastian Kurz als politischer Akteur tatsächlich Vergangenheit ist. Ein Kommentator kalauerte jüngst, die verdächtige Ruhe erinnere an jene im Kinderzimmer. Dass Kurz etwas Neues ausheckt, ist nicht auszuschließen, und ob er sich ein weiteres Mal erfolgreich neu erfinden kann, bleibt offen. Wie Natascha Strobl im TAGEBUCH NO 11/2021 feststellte, begann mit dem Rücktritt des nun ehemaligen Bundeskanzlers der »Kampf um den Geschichtseintrag«. 

Der aktuelle Kanzlerdarsteller, Alexander Schallenberg, verteidigte die katastrophale Pandemiepolitik der Regierung jüngst mit dem Hinweis, ein Buch sei von hinten immer leichter zu lesen als von vorne. Das weist den Adelsspross nicht unbedingt als emsigen Leser aus. (Versuchen Sie einmal, diesen Text von hinten nach vorne zu lesen!) Unbeabsichtigt lieferte Schallenberg damit aber einen wertvollen Lektürehinweis zu Kurz’ Kanzlerschaft. Denn diese droht nun in der öffentlichen Wahrnehmung alleine von ihrem Ende her erzählt zu werden: von den Chats aus, die manipulierte Umfragen, gefügige Medieneliten und skrupellose Inszenierungsmaschinerien enthüllten. 

Das ist zweifellos ein Kapitel der Geschichte, doch es sollte nicht das einzige bleiben. Es ist an der Zeit, die Geschichte des Systems Kurz aus der Perspektive seiner Opfer zu erzählen. Der ehemalige Caritas-Präsident Franz Küberl kolportierte kürzlich, dass Kurz im Herbst 2015, damals noch als Bundesminister für Europa, Integration und Äußeres, schon auf dem Weg zum Wiener Westbahnhof gewesen sei, um sich unter jene zu gesellen, die die dort ankommenden Geflüchteten willkommen hießen. Angeblich erhielt Kurz im Auto einen Anruf, einer seiner Vertrauten wies ihn auf die laut Umfragen kippende Stimmung in der Bevölkerung hin – und Kurz drehte um. 

Der Rest ist bekannt. Kurz setzte auf maximale Härte, bestritt einen erfolgreichen Wahlkampf mit der Behauptung die »Balkanroute geschlossen« zu haben und erntete ab, was die FPÖ über Jahrzehnte an Ressentiments gesät hatte. Jede seiner Regierungen verband seither ihre »Sozialmaßnahmen« mit rassistischem Ausschluss, die Trumpfkarten im politischen Tagesgeschäft hießen »Flüchtlingswelle« und »Politischer Islam«. 

Sebastian Kurz ist nicht nur durch geschickte Medienmanipulation an die Macht gekommen. Sein System war als politische Spaltmaschine konzipiert, zur Bearbeitung einer echten, das soziale und individuelle Leben bedrohenden Krise erwies es sich deshalb als völlig ungeeignet. Am Ende steht die Vervielfachung seiner Opfer. Auch diese Geschichte muss erzählt werden.