N°6DEBATTE | 27.05.20

Schrumpfen ist keine Lösung

Die Forderung nach einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung ignoriert soziale Probleme. Ein Pfad hin zu ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit sieht anders aus. 

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Von Stephan Schulmeister

Illustration: Christoph Kleinstück

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien. Sein Buch Der Weg zur Prosperität wurde 2020 mit dem Wissenschaftspreis der Keynes-Gesellschaft ausgezeichnet.

Laut der Degrowth-Bewegung können die ökologischen (Über-)Lebensbedingungen nur durch ein kontrolliertes Schrumpfen der Gesamtproduktion erhalten bleiben. Ein »grünes Wachstum« biete keinen Ausweg, da die so geschaffenen Einkommen gemäß dem »Rebound-Effekt« wieder in umweltbelastenden Konsum fließen.

Allerdings: Damit eine Bewegung nachhaltige Veränderung schafft, muss sie Erklärungen und Lösungen für alle bedrückenden Probleme entwickeln, also durch Aufklärung und Programm das Vertrauen und Engagement einer wachsenden Zahl von Menschen gewinnen. Es braucht auch konkrete Zwischenziele und die »Geduld der kleinen Schritte«, damit sich immer mehr Betroffene der Bewegung anschließen. (Das erfolgreichste Beispiel für einen so erkämpften Wandel schaffte die Sozialdemokratie zwischen den 1870er und 1970er Jahren). Die bedrückendsten Probleme heute sind der Verlust der ökologischen Nachhaltigkeit (insbesondere durch die Erderwärmung) und der Verlust der sozialen Nachhaltigkeit (durch Arbeitslosigkeit, atypische Beschäftigung, Armut und steigende Ungleichheit). Beide Problemarten müssen in Angriff genommen werden, doch die Degrowth-Forderung ignoriert die sozialen Probleme: Sie werden durch eine schrumpfende Gesamtproduktion sogar massiv verschärft.


WÖRTER: 320

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