N°12/1DEBATTE | 30.11.20

Totalversagen

Österreichs Gesundheitssystem wankt unter der Wucht der zweiten Covid-19-Welle.

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VON FABIAN LEHR
ILLUSTRATION: LEA BERNDORFER 
Fabian Lehr ist ein kommunistischer Blogger. Er lebt und arbeitet in Wien.

Österreich diskutiert dieser Tage, ob Karl Nehammer nach dem Versagen in der Terrorprävention noch als Innenminister tragbar ist. Verständlich. Umso erstaunlicher ist, dass keine solche Diskussion um Gesundheitsminister Rudolf Anschober geführt wird. Immerhin ist Österreich gerade vom Corona-Musterknaben Europas zum Land mit den höchsten Infektionsraten der Welt geworden. 

Unter Anschobers Verantwortung wurden ab Mai, als es noch mehrere tausend tatsächliche aktive Infektionen gab, fast alle Schutzmaßnahmen aufgehoben. Wenige Wochen später kam die Maskenpflicht zurück, Veranstaltungen unterlagen stärkeren Restriktionen, schließlich galt bei der Einreise nach Österreich immer häufiger die Testpflicht. Diese Maßnahmen verlangsamten das Fortschreiten der Epidemie so weit, dass es noch einige Monate möglich war, die Augen vor dem zu schließen, was kommen sollte. Seit dem Sommer steigen die Infektionszahlen aber wieder ununterbrochen an.

Hat man die Monate des gedämpften Infektionsgeschehens genutzt, um neues Personal für das Contact-Tracing zu rekrutieren? Hat man neue Krankenhauskapazitäten und Isolationseinrichtungen für Infizierte aufgebaut, wie China das am Höhepunkt der Epidemie vorgeführt hat? Hat man Vorräte an Tests angelegt und neue Laborkapazitäten zur Auswertung geschaffen? Hat man ein Konzept entwickelt, um in einer zweiten Welle den Schulunterricht in einer Weise abhalten zu können, bei der Schulen keine Seuchenherde werden? Die Antwort auf all diese Fragen lautet Nein.

Mit den kühlen Temperaturen nahm die Ausbreitung der Epidemie in Österreich ab Ende September enorm zu. Der letzte Mensch in Europa, der von dieser zweiten Welle Kenntnis nahm, scheint Rudolf Anschober gewesen zu sein. Erst kürzlich erzählte der Minister nämlich, dass ihm Ende Oktober (!) gedämmert sei, wie ernst die Lage ist, und dass es nun einen neuen Lockdown brauche. Viel zu spät wurde der »Lockdown light«, erst Mitte November ein »harter« Lockdown ausgerufen, inklusive Schul- und Einzelhandelsschließungen. Die Produktion bleibt indes weiter aufrecht; und abgerechnet werden soll zwei Tage vor dem traditionellerweise stärksten Einkaufstag des Jahres, am 8. Dezember. Es gilt die Weihnachtsumsätze zu retten. 

Es ist wohl nicht mehr abwendbar, dass in der zweiten Welle mehr Menschen sterben werden als in der ersten. Das hätte verhindert werden können. Ein Wort des Bedauerns für dieses politische Totalversagen ist der Gesundheitsminister bis heute schuldig geblieben. Es wäre höchst an der Zeit, über seinen Rücktritt zu diskutieren.