N°9DEBATTE | 01.09.21

Was, wenn wir die Bösen sind? 

Der Afghanistankrieg wurde mit Lügen begründet. Einige Leute erzählen sie immer noch.

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VON DANIEL BESSNER UND DEREK DAVISON

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der US-amerikanischen Monatszeitschrift The New Republic erschienen. Daniel Bessner ist Joff Hanauer Honors Professor für westliche Zivilisation an der University of Washington. Derek Davison ist Autor und Analyst und berichtet schwerpunktmäßig über US-Außenpolitik und inter-nationale Angelegenheiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Lisa Kreutzer.

Von seinen Anfängen im Jahr 2001 bis zu seinem schmachvollen Ende war der Krieg der USA in Afghanistan von Lügen geprägt. Es war eine Lüge, als George W. Bush im Jahr 2001 zu den Soldaten sagte: »Eure Mission ist definiert, eure Ziele sind klar … Wir werden nicht scheitern.« Es war eine Lüge, als Barack Obama im Jahr 2016 verkündete, Amerika habe erfolgreich »afghanische Kräfte ausgebildet, die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen«. Und es war jedes einzelne Mal eine Lüge, wenn Expertinnen und Beamte darauf bestanden, dass der Sieg unmittelbar bevorstünde.

Nach dem Fall Kabuls kursieren erneut Lügen. In der New York Times behauptete Frederick Kagan, dass »eine katastrophale Übernahme durch die Taliban nicht unvermeidlich war«, obwohl es seit Jahren offensichtlich war, dass die afghanische Regierung ohne die Unterstützung USA fallen würde. Im Wall Street Journal konstatierten der ehemalige Nationale Sicherheitsberater H. R. McMaster und sein Co-Autor, dass »die Weigerung, dem afghanischen Volk die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen, […] China, Russland und andere Gegner ermutigt, die USA zu einem unzuverlässigen Partner zu erklären«, obwohl die USA immer wieder bewiesen haben, dass sie genau das sind. Und wieder in der New York Times schrieb Bret Stephens verblüfft, dass »das Desaster in Afghanistan uns nach Hause folgen wird«, als ob die Militarisierung der US-Polizeiarbeit, die im Zuge des Krieges gegen den Terrorismus stattfand, dem Land nicht bereits erheblichen Schaden zugefügt hätte. 

»Die usa sind nicht die ›unentbehrliche Nation‹, von der Madeleine Albright im Jahr 1998 sprach. Wenn überhaupt, dann sind Sie das Gegenteil.«

Es ist schwer vorstellbar, dass die Genannten wirklich glauben, dass die Sicherheits- oder Wirtschaftsinteressen der USA durch den Sieg der Taliban beeinträchtigt werden. Vielmehr hat man den Eindruck, dass sie verärgert und beschämt sind, dass eine kleine paramilitärische Gruppe in der Lage war, die Unfähigkeit der USA zu offenbaren, fremde Nationen nach ihrem Bild umzugestalten.


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