N°9DEBATTE | 30.08.20

Weimar Calling

Die Angst vor einer Cancel Culture ist bei genauerem Hinsehen ein Konstrukt. Wovor sich das vereinigte bürgerliche Establishment so fürchtet, macht aber reale Verhältnisse unsichtbar.

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Von Natascha Strobl

Natascha Strobl ist Politikwissenschafterin mit Schwerpunkt Rechtsextremismus. Auf Twitter analysiert sie unter #NatsAnalyse regelmäßig autoritäre Sprachmuster und rechte Diskursstrategien.

Ein Gespenst geht um im Feuilleton: das Gespenst der Cancel Culture. Neben der Political Correctness und den »Man darf ja überhaupt nichts mehr sagen«-Monstern schon das dritte Ungeheuer, das die hehre Meinungsfreiheit all jener bedroht, die gut bezahlt und aus einem sicheren Jobs heraus den öffentlichen Diskurs bestimmen. Aus dem Untergrund ihrer auflagenstarken Blätter wehren sie sich mit letzter Kraft gegen die schärfste Waffe, die die linke Gruselarmee ins Feld führt: die Kritik.

Wovor sich das vereinigte bürgerliche Establishment so fürchtet, ist bei genauerem Hinsehen ein Konstrukt. Erst wird ein unsichtbarer Feind in die Welt gesetzt, der angeblich überall lauert. Dieser Feind ist eine Phantasmagorie, die unglaublich mächtig und zugleich eine unbedeutende Minderheit ist. Nur in dieser Doppelkonstruktion wähnt man sich als unterdrückter Widerstandskämpfer, aber auch als Mehrheitsvertreter. Der nebulöse Feind kommt »aus Amerika«, und man weiß ja, dass dort alles verrückt ist und man »die von dort« sowieso nicht ernst nehmen kann. Irgendjemand hat einmal etwas von Trigger-Warnungen erzählt und von Büchern, die an Universitäten angeblich nicht mehr gelesen werden dürfen oder gar verbrannt werden, wer weiß das schon genau. Nachgeprüft hat es niemand, aber es wird wohl stimmen. Schließlich entsteht Wahrhaftigkeit durch Wiederholung. Trumps USA sind in Wahrheit in der Hand von einigen außer Rand und Band geratenen progressiven Aktivistinnen, die das ganze öffentliche Leben, aber vor allem die heiligen Universitäten, zum Erliegen bringen. Konservative und rechte Positionen fristen ein marginalisiertes und ressourcenloses Dasein im Untergrund. Ein dystopisches Szenario für das deutschsprachige Feuilleton. Es herrscht offenbar größte Angst vor einer düsteren Zukunft. Dementsprechend tut man sich zusammen, um aus einer David-Position gegen Goliath anzukämpfen. 

Goliath ist in diesem Fall eine nicht näher benannte geheime linke Elite, die alle Fäden in der Hand hält – egal ob auf der Straße, im Parlament, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder im Kulturbetrieb. Immer wieder werden einzelne Personen dieser Elite zugeordnet, nie wird aufgelöst, wie sie tatsächlich strukturiert ist. So bleibt das Mysterium einer unsichtbaren und überall lauernden Gefahr. Zugleich verhindert diese pathosgeladene Drohkulisse jede tatsächliche Konfrontation. Man kann sich vielmehr an freien Journalisten mit 150-Euro-Aufträgen abarbeiten, indem man sie zu Frontkämpfern dieses nicht fassbaren Bösen macht. Machtverhältnisse hin oder her. 

»NÜCHTERN BETRACHTET MUSS MAN FESTSTELLEN, DASS DAS BÜRGERLICHE ESTABLISHMENT EINEN KULTURKAMPF GEGEN EIN LINKES PHANTOM FÜHRT.«

Nüchtern betrachtet müsste man andernfalls feststellen, dass das völlig außer Rand und Band geratene bürgerliche Establishment ohne Rücksicht auf selbstauferlegte Kriterien wie Recherche, Belege oder Check-Recheck-Doublecheck einen Kulturkampf gegen ein linkes Phantom führt. Der Boden des Realen und Faktischen wird in Windeseile verlassen, um eine imaginierte Gefahr zu bekriegen. Da wird sogleich ironiefrei der Vergleich mit der Weimarer Republik bemüht, wie unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Man könnte das mit einem belustigten Kopfschütteln ignorieren, hätte es nicht konkrete Auswirkungen. Zum Beispiel, dass reale Verhältnisse unsichtbar werden. Dass wir in einer Realität leben, in der mutige Frauen wie Idil Baydar oder Janine Wissler Todesdrohungen von einem »NSU 2.0« bekommen. Nazis kritisieren nicht und canceln auch nicht. Sie ermorden Menschen, die sie nicht mögen – wie der NSU. Und wie schon in den zwanziger Jahren der Weimarer Republik. 

In seiner Infamität ist der Weimar-Vergleich insofern nicht gänzlich unpassend: Schon damals hatte das bürgerliche Establishment so viel Angst vor Linken, dass es nicht auf der Straße, aber in den Zeitungen und Zeitschriften, die »rote Gefahr« mit Feder und Bleistift zu bekämpfen suchte. Der Fortgang der Geschichte ist bekannt.