N°7/8KULTUR | 29.06.21

Anders reisen

Reisen ist wieder möglich. Zwei jüngere Publikationen erlauben es, sich auf die geografisch verstreuten Spuren von Marx und Engels zu begeben.

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VON WOLFGANG HÄUSLER

Wolfgang Häusler lebt als emeritierter Professor für Österreichische Geschichte in Wien und forscht zu Fragen der Revolution und Demokratie.

Vorweg: Anerkennung und Dank für die originelle Idee und Gestaltung eines alternativen Reiseführers zu Lebensorten und Wirkungsstätten der beiden »Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus«, der Theoretiker und Praktiker revolutionärer Weltveränderung, Karl Marx und Friedrich Engels. Geburts- und Jugendorte, Trier und Barmen/Wuppertal, liegen nur scheinbar auseinander: An Mosel und Rhein sind wir in der deutsch-französischen Kontakt- und Konfliktzone der modernen europäischen Geschichte. Beider, Marx’ und Engels’, Heimat wurde nach den Umwälzungen der napoleonischen Ära das westliche Standbein des preußischen Staates zur nationalen Einigung Deutschlands durch Eisen und Blut. Epochale Widersprüche können hier erlebt werden: Bei einer Reise nach Trier gelang es mir, in Koblenz das Geburtshaus Metternichs zu sehen – der österreichische Staatskanzler der europäischen Reaktion wird in der Einleitung zum Manifest unter den »Hetzjägern« auf das »Gespenst des Kommunismus« genannt –, ehe ich abends die Geburtsstadt von Marx erreichte. Studium beziehungsweise Militärdienst, unter dem Einfluss der revolutionären Wende der Philosophie Hegels, bestimmten den parallelen Werdegang der späteren Freunde, der mit Paris, Brüssel, Manchester und London im Horizont von Industriekapitalismus und Weltwirtschaft, französischem Empire und britischem Empire stand, mit der globalen Perspektive über den Atlantik.

Erstaunlich viele Schauplätze haben sich erhalten, so das Berliner Café Stehely des junghegelianischen Doktorclubs und das schon von den Aufklärern besuchte Café de la Régence in Paris, Ort der entscheidenden Begegnung und fruchtbaren »Übereinstimmung«. Ersteres ist heute eine Buchhandlung, recht so. Das mehrheitlich von Chinesen besuchte Marx-Geburtshaus in der Trierer Brückenstraße, seit 1928 (mit Unterbrechung) in der Obhut der SPD, dient als Museum und Forschungsstätte, das Familienwohnhaus gegenüber der Porta Nigra beherbergt einen 1-Euro-Shop. Nahebei, am Simeonsstiftplatz, wurde 2018 die Marx-Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan errichtet, mit 5,50 Meter zahlenmystisch an den Geburtstag (5. Mai) erinnernd, vorwärtsschreitend mit windbewegtem Mantel, in der Tradition der Lenin-Ikonografie. Ganz anders der konfuzianische alte Engels vor dem ehemaligen Geburtshaus im Barmener Engelsgarten, auch er eine Spende Chinas, vom Staatskünstler Zeng Chenggang (2014). 

Wohnhäuser, teils karge Unterkünfte im Exil oder noble Logis wie Engels’ Londoner Residenz in 122 Regent’s Park Road mit bestens sortiertem Weinkeller, sind ebenso dokumentiert wie Schulen und Universitäten, Bibliotheken, Zeitungsredaktionen und Versammlungsorte der frühen Arbeiterbewegung; eine nachvollziehbare Londoner Kneipentour fehlt nicht. In Manchester steht eine 2017 überführte Engels-Statue aus Poltava/Ukraine als Platzhalter für die Industriegeschichte; Little Ireland, woher Engels Partnerinnen Mary und Lizzy Burns kamen, und Chetham’s Library blieben erhalten. Familienmitglieder, namentlich Marx’ Gattin Jenny von Westphalen und die Töchter Jenny, Laura und Eleanor »Tussy«, sind in ihren Lebensstationen belegt. Die Haushälterin, ja Familienerhalterin Helene »Lenchen« Demuth hat 2012 ein sensibles Denkmal in ihrer saarländischen Geburtsstadt St. Wendel (von Kurt Tassotti) erhalten: Die schwangere Frau blickt auf ein Porträt von Marx, Erinnerung an den verleugneten Sohn Frederick.


WÖRTER: 1834

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