N°6KULTUR | 27.05.20

Ästhetik des Aufruhrs 

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Die Möglichkeiten, die in unserer Wirklichkeit schlummern, sind durch die Arbeit des Aufruhrs zu erkunden. Zu Michael Scharangs neuem Roman.

Von Alfred J. Noll

Michael Scharang
Aufruhr
Ein Roman
Suhrkamp Verlag, 2020, 305 Seiten
EUR 25,70 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 34,50 (CH)

Vor Zeiten hat man sich die Geschichte einer Insel erzählt. Infolge eines Erdbebens war sie mit einem Stoß aus der Tiefe irgendwo vor Sizilien aufgetaucht. Und in Marcello Fois’ Schwestern heißt es darüber: »Wo zuvor nur die horizontale Fläche des Wassers gewesen war, ragte nun die aufgekommene Erde empor.«

Nicht das Erscheinen des neuen Romans von Michael Scharang ist es, dessentwegen wir die Allegorie von der plötzlich auftauchenden Insel bemühen. Vielmehr ist es das, worum es in Aufruhr geht. Nichts rührt sich in unserem Land. Aber plötzlich kommt etwas in Bewegung. Unvermutet wird das Feste flüssig, das Erstarrte rührt sich. Etwas taucht auf, woran keiner gedacht hat. Der Aufruhr beginnt, all jenen zum Trotz, die ihn nie sahen.

Worum es geht, ist im ersten Satz des Romans schon vollständig erzählt: »Die Geschichte begann in New York, fand ihre Fortsetzung in Wien und endete damit, dass die österreichische Regierung ins Ausland flüchtete.« Mehr braucht es nicht für eine gute Geschichte.

Zwischen New York und Wien und dem Auszug der österreichischen Regierung liegen die Ankunft des einnehmenden, 50-jährigen Maximilian Spatz in Wien und seine unbesorgte Verliebtheit in Anna Berg, die sich als Betriebsrätin in einem Kaufhaus in der Mariahilfer Straße müht und deretwegen Spatz sich im Kaufhaus als Schaufensterdekorateur beschäftigen lässt. Und wiederum dazwischen liegen die Bekanntschaften des Maximilian Spatz mit allerlei Menschen aus vielerlei Branchen: mit Franz Montefiori, dem gerissenen Geschäftsmann, der mit Elefantenknochen handelt und sich auch als Schausteller eignet; mit Philipp Zappel, der ein Gespür hat für das, was die anderen hören wollen, und organisieren kann; mit Frau Ehrenreich, die über die Vergangenheit Bescheid weiß und auch sonst klug ist; mit David Intrator, dem Patienten Spatz’, der aus New York nachkommt und biographisch bedingt ausgewiesener Kampfstratege ist; mit dem Direktor des Statistischen Zentralamtes, den die schlechten Zahlen müde gemacht haben; mit der agilen Gretel, die rasch Sprecherin der Aufständischen wird; und natürlich mit Direktor Kreuzteufel, dem sich raffiniert dünkenden Geschäftsführer des Kaufhauses in der Mariahilfer Straße, das einmal »Klippenbock & Brunsbüttel«, ein anderes Mal »Kloppenbeug & Furzbeutel« heißt.

Es geht um praktische Arbeit. Das »Büro der Revolution« ist eröffnet, um der Betriebsrätin Anna Berg im Lohnkampf gegen Kreuzteufel beizustehen: Wie lässt sich gegen einen stärkeren Gegner gewinnen? Welcher Trick muss angewendet werden, um eine Betriebsversammlung stattfinden zu lassen? Wer organisiert was? Wer kann was beschaffen? Wen muss man überzeugen? Welche Ideen lassen sich verbreiten? All das ist anstrengende Arbeit an der Seite der Lohnabhängigen gegen den Lohndrücker, bis es zum Streik kommt – der in einem großen Fest endet. Wenn man nicht verlieren darf, muss man feiern.

Das Beispiel macht Schule in ganz Österreich – Erfolg ist ansteckend. Der Aufruhr wird zur Massenbewegung. Trickreich erwecken die Aufständischen den Anschein übermächtiger Stärke. Die Regierung verlässt mit drei Bussen für drei Monate das Land, und im Österreichischen Rundfunk wird verkündet, was zu sagen ist. Es geht um Befreiung: »Welche Wünsche sie auch äußern, wir werden sie erfüllen. Das ist ein großes Versprechen. Die nächsten drei Monate, in denen die Aufständischen den Ton angeben, diese Zeit des Interregnums, welche die Aufständischen Das Provisorium nennen, ist die Zeit der großen Versprechen – Versprechen, die gehalten werden.«

Hier findet keine Revolution statt, aber die Aufständischen übernehmen die Macht. Alle machen mit, nur die Faschisten nicht. Hier gibt es keine revolutionäre Programmatik, und noch weniger gibt es scheinrevolutionäre Phrasen. Jedoch: Die vom Kapitalismus herbeigeführten Zustände werden plastisch als veränderungsbedürftig und als unmittelbar auch veränderungsfähig anschaulich gemacht. 

Scharang hat ein Programm. Es ist so einfach, dass nur wenige es verstehen wollen. Der Roman, so sagt er uns, zeigt die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wir lesen, wie es um die Verhältnisse steht. Dies aber führt der Roman uns vor Augen, indem er Vorschläge macht, wie die Verhältnisse doch anders sein könnten. Der Roman, so sagt uns Scharang, stellt erfundene Personen in eine gute Geschichte. Obzwar die fiktionale Geschichte nicht die unsere ist, so können wir sie uns doch unentwegt als die unsere vorstellen, erwächst sie doch ausschließlich aus dem, was unsere reale Geschichte ausmacht. Auch erfundene Personen haben, so sagt uns Scharang, Probleme mit sich und mit ihrer Geschichte. Ein Problem ernst nehmen aber heißt, es in Hinsicht auf seine Entstehung, seinen Bestand und seine möglichen Lösungen hin zu erörtern – und also muss aus der Form der romanhaften Darstellung immer wieder in Richtung Essay ausgebrochen werden. Nur so, sagt uns Scharang, können wir uns auf intelligente Weise gegen die Realität stellen. Der Weg in den Literaturbetrieb ist ihm damit verwehrt.

Deshalb haben Edward Hopper, Picasso, Tizian und Tintoretta ihre Auftritte, deshalb muss von Charlie Chaplin und von Alban Berg die Rede sein, deshalb dürfen Adorno und Hegel nicht weniger fehlen als Otto Wagner und Adolf Loos. Deshalb muss es um die bevorstehende radikale Änderung des Verhältnisses zwischen Stadt und Natur gehen: »Die Menschheitsgeschichte ist Teil der Naturgeschichte. Vertreibt der Mensch die Natur, treibt er die Natur auch aus sich selbst aus. Schwer verstümmelt bleibt er zurück.« Deshalb muss Oscar Wilde sagen, dass in der antiken Sklavenhaltergesellschaft für den Sklaven immerhin gesorgt wurde; die Neuzeit aber proklamiert, es dürfe keine Sklaven geben, nur um die Sklaven, die sie hält, nicht versorgen zu müssen. Deshalb muss Hegels Weltgeist situativ angemessen ins Recht gesetzt werden.

Scharang besticht durch sein sprachliches Können. Was verständlich ist, muss dennoch sein Publikum nicht unterschätzen. Die offenkundige Wahrheit der von Anna Berg ausgesprochenen Sätze: »Die Arbeiterinnen und Arbeiter hier, sagt sie, sind der letzte Dreck. Die Flüchtlinge von dort sind der allerletzte Dreck. Arbeiter und Flüchtlinge müssen zusammenhalten. Sonst flüchten die Arbeiter zu den Faschisten und die Faschisten erschlagen die Flüchtlinge«, wird sofort gebrochen: »Versteht das jemand?, fragte Spatz«, und ebenso schnell wird diese Wahrheit wieder befördert: »Es scheint so zu sein, antwortete Anna.« 

Zu Montefiori, demjenigen, der zuvor sagte: »Mir ist jede Art des Denkens recht, die mich davor bewahrt, in Resignation zu versinken«, sagt Spatz: »Franz, ich kenne dich als Realisten. Ich mich auch, erwiderte Montefiori, damit ist es jetzt vorbei. Wir gehorchen bei unserer Arbeit im Kaufhaus nicht dem Realitätsprinzip […] Sich an der Wirklichkeit zu orientieren ist die Aufforderung des Sklavenhalters an den Sklaven. Ich lehne mich dagegen auf. Und wie?, fragte Spatz. – Ich muss es erst lernen, so wie jede und jeder andere auch. Uns aufzulehnen, haben wir verlernt, es wurde uns ausgetrieben, und wir haben es geschehen lassen. Die große Arbeiterbewegung dieses Landes, was hat sie nicht alles erkämpft! Wir bauen nicht auf nichts auf, wenn wir uns auflehnen.«

Scharangs Buch kommt zur Unzeit – also genau richtig. Die Machtverhältnisse sind, wie sie sind. Aber so muss es nicht bleiben. Scharangs Buch ist streckenweise genial witzig, sein mitunter aufbrausender komödiantischer Furor ist nicht gegen den Ernst der Sache gerichtet. Seine Heldinnen arbeiten und feiern, sie lieben, und deshalb vermögen sie praktisch noch besser zu arbeiten – und deshalb auch etwas zu bewirken. Die Praxis ist das Himmelstor zur guten Theorie. Scharangs Ästhetik des Aufruhrs kann der Realität die Stirn bieten, weil Scharang einen Kopf hat. 

Am Ende des Buches stehen David Intrator und Frau Ehrenreich vor Otto Wagners Postsparkassengebäude und Spatz wird nach New York berichtet: Wir »standen davor, umkreisten es, standen wieder davor und ließen die Schönheit auf uns wirken, bis unsere Gemüter sich aufgehellt hatten«. So mag es den Leserinnen und Lesern von Scharangs Buch geschehen, wenn sie verständig genug sind, sich von Wahrheit und Schönheit dieses Buches führen zu lassen. 

Die Geschichte von der aufgetauchten Insel erzählte Ernesto seiner Tochter. Über sie wird geschrieben: »Allessandra hatte kein Anzeichen von Staunen erkennen lassen, ihre Faszination war in Sekundenschnelle erloschen, weil Inseln nicht einfach plötzlich auftauchen.« – Oh doch, sagt uns Michael Scharang. Die Möglichkeiten, die in unserer Wirklichkeit schlummern, sind durch die Arbeit des Aufruhrs zu erkunden. »Die Vernunft setzt sich allerdings nicht ohne Machtmittel durch.«