N°6KULTUR | 27.05.20

Comics für die »Infantilgesellschaft«

An dieser Stelle dokumentieren und kontextualisieren wir Beiträge aus fast fünf Jahrzehnten TAGEBUCH. In dieser Ausgabe: eine Intervention der späterhin prominenten Journalistin Elizabeth T. Spira zum Charakter von Comics.

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Originaltext: Toni Spira

Die Haltung der Linken zur »Kultur« ist bekanntlich von Widersprüchen geprägt. Zwei klassische Positionen in den vielstimmigen Diskussionen sind einerseits eine normative, an einem klassizistischen Ideal gemessene Vorstellung eines Menschlich-Erhabenen, das gegen die manipulativen Hervorbringungen der Kulturindustrie in Stellung gebracht wird. Andererseits finden sich Sichtweisen, die alle kulturellen Praktiken neugierig vermessen, ganz gleich, ob sie scheinbar unbehelligt von unten kommen oder von oben als Kulturindustrie-Produkte zumindest Räume für ein Gezerre um »Bedeutung« öffnen. Die österreichische Journalistin Elizabeth T. Spira (1942–2019) stand mit ihrer legendären Fernsehreihe Alltagsgeschichten gewiss für solch einen erweiterten Kulturbegriff. Das Alltägliche erschien darin als Sphäre, in der Menschen beständig (und oft genug komisch) Vorgefertigtes und Konformes mit einem Eigensinn mischen, der im günstigen Falle emanzipatorische Potenziale zeigt. Anfang der 1970er Jahre veröffentlichte die Tochter von Leopold Spira unter dem Namen Toni Spira indes auch einige Texte im Wiener Tagebuch. Darunter finden sich die im Oktober 1970 abgedruckten Fünf Thesen über Comic-Strips. In Reibung mit ihrem eigenen späteren Schaffen neigt sie darin zu einer gegenüber den Erzeugnissen der Massenkultur skeptischen Grundhaltung.

Fünf Thesen über Comic-Strips 

»Bis heute als Trivialliteratur in dunklen Winkeln gelesen, sind Comic-Strips […] nun für Kulturtiger salonfähig geworden. […] Die Umfunktionierung der Comics zum Aufklärungs- und Agitationsmittel der linken Bewegung macht zudem eine Analyse notwendig: denn es erscheint fragwürdig, ob Comics auf Grund ihrer ideologischen und formalen Implikationen als emanzipatorisches Instrument der visuellen Kommunikation geeignet sind. […]

Form und Inhalt stehen sich nicht beliebig instrumentell gegenüber, sie sind interdependent. Die formale Struktur des Comics ist bedingt durch die kommerziell-ideologische Entwicklung: die Bilder dieses Genres können nur exemplarische Momente darstellen. […] Die Dinge werden nicht geschildert, sondern nur genannt: amputierte Realität. […] 

Die Personen der Comics sind auf Grund der formal bedingten Detailarmut figural: sie sind bloße Handlungsträger ohne innere Konturen, d. h. durch ihre Äußerlichkeiten dogmatisch symbolisiert. […]Die Sprache der Comics ist die Sprache der Konvention: der Formen-Kanon archaischer Urlaute (POW, WAP, BANG, PENG), entwickelt in jahrzehntelanger Comicstradition, potenziert die Stereotypisierung der exemplarischen Bilder. Die Sprache erfüllt eine reine Signalfunktion, die durch ihre Undifferenziertheit keinen Reflexionsanstoß bringt. Es sind die Botschaften der Infantilgesellschaft, deren emblemhafter Charakter zur Realitätsverarmung beitragen.«

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