N°9 KULTUR | 30.08.20

Das K-Wort

Dient es der Gerechtigkeit, Wörter zu tilgen, oder werden damit nur all jene Auseinandersetzungen vermieden, die ein Verständnis erst möglich machen?

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Von Hazel Rosenstrauch

Nach dem Titel von Hazel Rosenstrauch Beim Sichten der Erbschaft, Mischtechnik: Edgar Honetschläger, 1992

Das N-Wort darf und soll man nicht mehr verwenden, es wird aus Kinderbüchern und überhaupt gestrichen; das R-Wort soll aus der deutschen Verfassung verschwinden. Wie aber steht es um das K-Wort? 

Zuletzt fiel es mir in einer Ausstellung im Wien Museum (zu Prä-Corona-Zeiten) auf. Da stand ganz ohne Erklärung oder Entschuldigung, dass Mira Lobe zunächst für kommunistische Zeitungen tätig war und ihre ersten Bücher im kommunistischen Globus-Verlag veröffentlichte. Das wäre, ging mir damals durch den Kopf, in Deutschland auch heute noch nicht möglich. 

Von Mira Lobe stammt eines meiner frühesten identitätsstiftenden Kinderbücher: Der Tiergarten reis/ßt aus (am Titelblatt war das kleine s ausgestrichen und mit dem nun weitgehend eliminierten scharfen ß ersetzt). Das Äffchen, das dem Zoowärter die Schlüssel entwendet und alle Tiere freilässt, war mein Held – ob es vielleicht eine Äffin war, spielte damals keine Rolle. Im Nachhinein wundert mich doch, dass ein solch antiautoritäres Werk für Kinder unter kommunistischer Aufsicht erscheinen konnte. Die Verwunderung über eine Erwähnung des kommunistischen Hintergrunds der mittlerweile berühmten Autorin hat damit zu tun, dass ich viele Jahre im Westen Deutschlands gelebt habe, genauer gesagt in der »selbständigen politischen Einheit Westberlin« – ein verdächtiger Ausdruck, weil DDR-Jargon. In Westberlin war der Antikommunismus noch ein bisschen heftiger als in »Restdeutschland« – noch so ein politisch nicht korrekter Begriff für jenen Teil des Landes, der von den West-Alliierten besetzt war. 

Aber zurück zum K-Wort. Mein Leben hat sich auf vielfache Weise mit diesem Begriff verknüpft, und ich kam oft in Situationen, in denen ich erklären musste, dass K in Österreich etwas anderes bedeutete als in Deutschland, weil Kommunisten nie an der Macht waren, sondern eine kleine, nach dem Staatsvertrag noch kleinere Opposition, die nichts anrichten konnte, ungeliebt, verdächtigt, am Rande. Das war der Unterschied zu den Ländern hinter dem »Eisernen Vorhang« (Westjargon), und anders als im Westen Deutschlands gab es in Österreich kein Berufsverbot für Ks oder gar deren Nachgeborene. Karrieremöglichkeiten, zumal im öffentlichen Dienst, waren zwar begrenzt, aber es gab diese österreichische Spezialität von Kommunisten im – auch höheren – Polizeidienst. 

Man muss keine Historikerin sein, um zu wissen, dass sich Ideen, Wahrnehmungen und Gefühle, erst recht politische Einschätzungen mit der Zeit ändern. Wer hätte im 19. Jahrhundert (oder davor) gedacht, dass Frauen, Juden und Schwarze eines Tages als vollwertige Menschen anerkannt, Schwule nicht mehr eingesperrt oder gar umprogrammiert werden und konservative deutsche Politiker von der »christlich-jüdischen Tradition« ihres Landes sprechen, wie das seit einiger Zeit sogar in Bayern passieren kann. 


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