N°5KULTUR | 27.04.20

Der Blinde und der Seher

An dieser Stelle dokumentieren und kontextualisieren wir Beiträge aus fast fünf Jahrzehnten TAGEBUCH. In dieser Ausgabe: eine Stellungnahme Ernst Fischers zu den Attacken des SED-Funktionärs Horst Sindermann.

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Tagebuch Nummer 3 März 1964

»Ach, Sindermann, du blinder Mann, du richtest nur noch Schaden an«, sang Wolf Biermann, Jahre bevor er aus der DDR ausgesperrt wurde, und reagierte damit auf eine plumpe Drohung des Ersten Sekretärs der SED-Bezirksleitung Halle, Volkskammerabgeordneten und zukünftigen Politbüromitglieds Horst Sindermann. Schon früher, 1963, hatte Ernst Fischer dessen Zorn auf sich gezogen, weil er bei der Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice in der ČSSR die Aktualität von Kafkas Werk für die sozialistischen Gesellschaften betont hatte, denen er überdies Entfremdungserscheinungen attestierte. Auf Sindermanns Attacke im Neuen Deutschland antwortete Fischer mit einer Stellungnahme, die zwar in der Volksstimme und im Tagebuch erschien, vom Parteiorgan der SED jedoch nicht veröffentlicht wurde. Fischer wurde 1969 aus der KPÖ, Sindermann zwanzig Jahre später aus der SED-PDS ausgeschlossen.

Die Stellungnahme Ernst Fischers

Ernst F i s c h e r hat dazu dem „Neuen Deutschland” folgendes geschrieben:

Im Bericht des Politbüros der SED, den das Zentralorgan der SED am 13. Februar veröffentlichte, wurde ich des „Revisionismus” angeklagt. Ebenso wurden Kommunisten anderer Länder gerügt. Ich verzichte in diesem Zusammenhang auf Polemik und stelle nur fest, daß in dem Bericht Verdächtigungen eingestreut sind, wie zum Beispiel, es gehe darum, „die sozialistische Ordnung zu negieren”. Der Berichterstatter verschweigt, was ich sagte, unterschiebt mir jedoch, was ich angeblich „will” – nämlich: „den grundlegenden Unterschied zwischen bürgerlicher und sozialistischer Gesellschaft verwischen und aufheben”. 

Der Beweis dafür sollen „neue Frühlingstheorien” sowie die Propagierung eines „Realismus ohne Ufer” (D’un Réalisme sans Riva­lichen Buches „Realismus ohne Ufer” („D’un Réalismu sans Riva­ges”), das Louis Aragon als ein „Ereignis” begrüßt hat, heißt nun freilich nicht Ernst Fischer, sondern Roger Garaudy und ist Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs. [*] Ich stimme mit den ästhetischen Auffassungen Aragons und Garaudys weitgehend überein und verhehle nicht, daß ich die in der DDR herrschenden Kunsttheorien ablehne. 

Was in der Tat ich gesagt habe, sind die im Bericht zitierten Worte, „daß unter dem Eis der Fluß sich bewegt hat und daß, indem er das Eis durchbricht, Welle um Welle vorwärtsdrängt“. Ich beschrieb damit den Eindruck, den im Frühjahr 1963 die Teilnehmer an der Kafka-Konferenz in der Tschechoslowakei – außer den Delegierten der DDR – von der ermutigenden Gemeinsamkeit ihrer Auffassungen hatten. 

Der Satz, mit dem der Berichterstatter dieses Zitat kommentiert, ist offenkundig eine Fehlleistung. Fischer wolle also, heißt es in dem Bericht „… den Marxismus-Leninisums fortspülen lassen”. Für viele Marxisten, zu denen ich mich zähle, ist der Marxismus-Leninismus nicht die Eisdecke, sondern der vorwärtsdrängende Strom.

(Aus „Volksstimme”, 21. Februar 1964)

[*] Satzfehler aus dem Original übernommen, korrekt hätte es vermutlich heißen sollen: »Der Beweis dafür sollen ›neue Frühlingstheorien‹ sowie die Propagierung eines ›Realismus ohne Ufer‹ sein. Der Autor des Buches ›Realismus ohne Ufer‹ (›D’un Réalisme sans Rivages‹), das Louis Aragon als ein ›Ereignis‹ begrüßt hat, heißt nun freilich nicht Ernst Fischer, sondern Roger Garaudy und ist Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs«, Anm.

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