N°3KULTUR | 01.02.21

Die Commune und pluralistische Gegenmacht

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VON DAVID MAYER

Die Pariser Kommune ist einer der grundlegenden Bezugspunkte aller linken Strömungen. Sie lässt sich in ihrer Bedeutung nur verstehen, wenn man – wie der langjährige Chefredakteur des Wiener Tagebuch Franz Marek anlässlich ihres 100. Jubiläums im Jahre 1971 bemerkte – mit in Betracht zieht, wie sie im jeweiligen historischen Kontext angerufen und interpretiert wurde. Marek zögerte in diesem Sinne nicht, seine eigene, auf das Jahr 1971 gerichtete Sicht hinzuzufügen – die uns heute, zur 150. Wiederkehr (siehe dazu den Beitrag von Wolfgang Häusler ab Seite 46), wiederum als unweigerlich historisch erscheinen muss.

Franz Marek

Die Pariser Kommune

Von der Pariser Kommune schrieb Marx im ›Bürgerkrieg in Frankreich‹, daß sie eingeschreint bleiben wird im Herzen der Arbeiterklasse. Aber es ist verständlich, daß die Arbeiterbewegung diesem grandiosen Phänomen ihrer Geschichte jeweils andere Seiten abgewonnen hat. Zum 75. Geburtstag der Pariser Kommune hatten Betrachtungen im Zeichen der Erfahrungen der antifaschistischen Resistance dominiert, die selbst den konservativen katholischen Dichter François Mauriac zur Feststellung veranlaßt hatte, daß nur die Arbeiterklasse die Nation nicht verraten habe – er sprach von Frankreich. […]

Zum 100. Geburtstag der Pariser Kommune müssen andere Überlegungen in den Vordergrund gestellt werden, die – streng genommen – mehr den Adressen des Generalrats der Ersten Internationale entsprechen, die Marx dreimal umgeschrieben hat. Es geht vor allem um das Wesen der Arbeitermacht, um die endlich entdeckte Form der Regierung der ›hervorbringenden gegen die aneignenden Klassen‹ […]. […] Das Zentralkomitee der Pariser Kommune bezeichnete Marx als eine ›Selbstregierung der Produzenten‹ – und hier sind wir auch bei dem Hauptgedanken des ›Bürgerkriegs‹ und bei der Hauptlehre der Pariser Kommune. […]

Die Form, in der dies geschah, bewies – so Karl Marx –, daß die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschinerie nicht einfach in Besitz nehmen und für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen könne[.] […]

Die Kommune hat zu diesem Behufe – so fügte Engels hinzu – zwei unfehlbare Mittel angewendet: die Wahl aller verwaltenden, richtenden und lehrenden Beamten, die jederzeit absetzbar blieben, und den Arbeiterlohn für alle öffentlichen Dienststellen. Engels bezeichnete nach diesem Kommentar die Kommune als Diktatur des Proletariats – es hat ihn offenbar nicht gestört, daß diese erste Form einer Arbeitermacht nicht unter der Führung einer einzigen Gruppierung stand: nicht das unwichtigste Merkmal der Pariser Kommune für eine Zeit, in der nicht nur stipendierte Überbauräte, sondern auch radikale Studentengruppen das Bekenntnis zum Pluralismus in der Arbeiterbewegung als Ausdruck des Revisionismus werten, überzeugt, daß ihre jeweilige Gruppe den Kern der künftigen Führungspartei darstellt, was nicht wenig zu ständigen Kernspaltungen beiträgt.«