N°2 KULTUR | 30.01.20

Die ganze Misere

Als erster südkoreanischer Film überhaupt hat Parasite im letzten Jahr die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Bong Joon Ho richtet den Fokus darin auf jene, denen Würde, Selbstachtung
und gesellschaftlicher Status genommen wird. Nun stehen die Oscars an.

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VON MAX BALHORN, SEOUL

Der Text von Max Balhorn ist in voller Länge in der US-amerikanischen Zeitschrift Jacobin erschienen. Aus dem Englischen von
Mounira Zennia.
Fotos: Filmladen


Mit einem weltweiten Umsatz von über 120 Millionen Dollar ist Parasite – Bong Joon Hos siebter Film – jetzt schon sein erfolgreichster. Die Filme des Regisseurs sind oftmals gekennzeichnet durch randständige Charaktere, die den Kampf gegen die Herrschaftsverhältnisse aufnehmen – wie in Barking Dogs Never Bite und in The Host –, und auch Parasite wird als hellsichtige und unzweideutige Kritik an den ungleichen Wohlstandsverhältnissen der koreanischen Gesellschaft gefeiert, als Sinnbild für die grassierenden Klassenungleichheiten und die allgemeine Frustration über den Mangel an sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in einem der reichsten Länder Asiens. Doch wer den Fokus allein auf Fragen des materiellen Wohlstands legt, läuft Gefahr, die subtileren Ebenen der vernichtenden Kritik zu übersehen, die in Bong Joon Hos Film angelegt ist. Denn Parasite richtet die Aufmerksamkeit auch darauf, wie arbeitenden Menschen Würde, Selbstachtung und gesellschaftlicher Status genommen wird.

Im Zentrum stehen dabei die Kims, eine verarmte Arbeiterfamilie, die durch eine Reihe ausgefuchster Betrügereien in die Welt der Reichen eindringt. Zunächst ergattert ihr Sohn, Ki-woo, über einen Freund einen lukrativen Job als Nachhilfelehrer für die Tochter der wohlhabenden Familie Park. Da die Parks nur einen College-Studenten akzeptieren, die Kims sich aber die Studiengebühren dafür niemals leisten könnten, taucht Ki-woo mit einer Immatrikulationsbescheinigung auf, die seine künstlerisch veranlagte Schwester für ihn gefälscht hat.


WÖRTER: 1450

LESEZEIT: 10 MINUTEN

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Krasse Gegensätze

Überrascht von der Naivität der Reichen, gelingt es Ki-woo, nach und nach seine gesamte Familie bei den Parks zu beschäftigen. Ki-woos Schwester, Ki-jeong, wird die »Kunsttherapeutin« des etwas sonderbaren Sohns der Parks. Ki-woos Vater, Ki-taek, wird als persönlicher Chauffeur der Familie angestellt. Ki-woos Mutter, Chung-sook, bringt sich als neues Mädchen für alles ein, nachdem die Familie die langjährige Haushälterin verdrängt hat. Indem sie ihre Familienverhältnisse geheim halten, entkommen die Kims in wenigen Wochen der scheinbar aussichtslosen Armut – sie scheinen den Jackpot geknackt zu haben. 

Die Familie verkörpert die ganze Misere der koreanischen Arbeiterinnenklasse. Vollgepackt leben sie in einer schäbigen Kellerwohnung in Seoul, wo sie jede Nacht von Betrunkenen belästigt werden, die neben ihrem Küchenfenster auf die Straße urinieren. Die Kims ernähren sich von billiger Pizza, und selbst als sie zu etwas Geld kommen, feiern sie beim günstigen All-You-Can-Eat-Buffet einer Gaststätte für Taxifahrer. 

Nirgendwo in Asien sind die Lebensmittel teurer als in der koreanischen Hauptstadt. Die unterschiedlichen Ernährungsweisen der Wohlhabenden und Armen sind ein eindrucksvoller Hinweis auf die enormen Ungleichheiten in Seoul. Tatsächlich erhalten über 20 Prozent jener Einwohnerinnen Seouls, die unterdurchschnittliche Löhne bekommen, keine ausreichenden Nährstoffe durch ihre tägliche Nahrung – viermal mehr als im Landesdurchschnitt. Zehn Prozent von ihnen leiden an Ernährungsunsicherheit, was bedeutet, dass sie keinen verlässlichen Zugang zu Nahrung haben, die nötig ist, um ein gesundes, aktives Leben zu führen. Das führt zu hohen Raten an Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit und Herzkrankheiten unter der armen Bevölkerung Seouls.

In einer Szene bemerkt das jüngste Familienmitglied der Parks, dass der Fahrer, die Haushälterin, der Nachhilfelehrer und die Kunsttherapeutin alle gleich riechen – eine Konsequenz aus dem modrig-feuchten Geruch der Wohnung, der an der Kleidung der Kims haftet. Ihr Leben steht in krassem Gegensatz zu dem der wohlhabenden Parks, die das seltene Privileg genießen, ein luxuriöses, eingezäuntes Grundstück mit einem großflächigen, landschaftlich gestalteten Vorgarten zu bewohnen – Grünflächen, die im dicht gebauten Seoul praktisch unbekannt sind. 

Keinen Plan haben

Der Familienvater Ki-taek, der sich als erfahrener Chauffeur ausgibt, erfindet seinem neuen Chef gegenüber eine Geschichte, um seine Liebe zu seinem vorgeblich langjährigen Beruf vorzuspielen. Herr Park nickt und antwortet: »Ich schätze Menschen, die über einen langen Zeitraum im selben Bereich arbeiten.« Das Thema der professionellen Verbindlichkeit, die Notwendigkeit, »einen Plan zu haben« und eigenverantwortlich zu handeln, zieht sich durch den gesamten Film. Als Ki-woo auf dem Weg zu seinem Vorstellungsgespräch mit seinem gefälschten Dokument im Eingang ihres Hauses steht, sagt er zu seinem Vater: »Ich sehe das nicht als Straftat. Irgendwann werde ich diese Universität besuchen. Sagen wir, ich habe die Unterlagen schlicht und ergreifend ein bisschen früher erhalten.« Sein Vater reagiert erfreut: »Oh, dann hast du also einen Plan!« Als der Nachbar über ihnen sein WLAN-Passwort ändert, fragt Chung-sook ihren Mann: »Unsere Telefone sind tot. Nun auch unser WLAN. Also, was ist dein Plan?« Zu einem späteren Zeitpunkt, als das Stadtviertel der Kims überflutet wurde und die Familie in einer überfüllten Turnhalle übernachten muss, sagt Ki-taek zu seinem Sohn: »Ki-woo, weißt du, welcher Plan niemals scheitert? Keinen Plan zu haben. Weißt du warum? Wenn du einen Plan machst, wird es im Leben niemals so laufen.«

Die Überschwemmungsszene ruft Erinnerungen an die Überflutungen im Stadtteil Mangwoh in den 1980er Jahren hervor. Mangwoh ist eine einkommensschwache Gegend, die an eine Mülldeponie grenzt. Die Stadtverwaltung hatte die Deiche entlang des Flusses Han grob vernachlässigt – die verheerenden Fluten stellten das Leben der Armen und Alten, die dort lebten, auf den Kopf. In der Folge reichten die Anwohner Mangwons erfolgreich eine Sammelklage gegen die Stadt ein, aus der später die erste Organisation menschenrechts- und demokratieorientierter Anwälte in Südkorea hervorgehen sollte.

Dankbarkeit und Demut

Zur Halbzeit nimmt Parasite eine dramatische Wende, als die verdrängte Haushälterin Moon-gwang auftaucht, während die Parks über das Wochenende verreist sind. In Panik und verwirrt stürzt sie in einen geheimen Kellerraum, wo sich ihr Ehemann Geun-sae seit vier Jahren vor Kredithaien versteckt hält. 

Geun-sae hatte sich von einem Kredithai Geld geliehen, um einen King Castella Shop zu eröffnen – eine Kette von Kuchengeschäften, deren Hype 2017 von Taiwan aus auf Korea übergeschwappt war. Aufgrund der niedrigen Start-up-Kosten war es relativ günstig, einen King Castella Shop zu eröffnen und zahlreiche Südkoreanerinnen setzten ihre gesamten Ersparnisse aufs Spiel, um durch den Trend an Reichtum zu gelangen. Bald war der Markt übersättigt und die Blase platzte. Zurück blieben hunderte, wenn nicht tausende Menschen mit massiven Schulden, die sie nicht zurückzahlen konnten. Solche Geschichten sind in Korea weitverbreitet. Der Mangel an stabilen Vollzeitbeschäftigungen und Vorsorgeleistungen treibt viele Familien dazu, ein eigenes Geschäft zu gründen, in der Hoffnung, ihre Kinder aufs College schicken und sich mit ein paar Ersparnissen zur Ruhe setzen zu können. Dies bildet den Hintergrund für die Leben der beiden Familien mit ihren Kellerbehausungen in Parasite. In Geun-saes Fall wird er buchstäblich unter die Erde getrieben.

Just als die Kims aus ihrer eigenen Kellerbehausung in das palastähnliche Anwesen der Parks übersiedelt sind, erfahren sie also, dass eine andere Arbeiterinnenklasse-Familie im Kellergeschoss unter ihnen eingeschlossen ist.

Ki-taek wird auch Zeuge eines verstörenden Rituals. Geun-saes stellt sich vor die aus einem Finanzmagazin herausgerissene Seite, die Herrn Park als »CEO of the Year« feiert, und dankt ihm für »Essen und Unterkunft« – gefolgt von dem Ausruf »Respekt!« Ki-taek fragt ihn perplex: »Das machst du jeden Tag?« Daraufhin offenbart ihm Geun-sae, dass er den Parks auch täglich Dankesbekundungen per Morsezeichen sendet, indem er die Lichtschalter vom Keller aus manipuliert. Unfähig, Parallelen zwischen Geun-saes und seiner eigenen misslichen Lage zu ziehen, fragt Ki-taek ihn: »Wie kannst du an so einem Ort leben? Was wirst du künftig tun? Hast du keinen Plan?«

Was Bong Joon Hos Kritik am Leben im Kapitalismus so vernichtend erscheinen lässt, ist die Darstellung der Demoralisierung unter den Arbeiterinnen im Neoliberalismus. Gefangen in regelmäßigen Armutsperioden, sind die Kims immer auf der Jagd nach einem Job, einem freien WLAN-Signal oder einem Mittel, um dem Lumpengeruch, der sie als Arme stigmatisiert, zu entkommen. Immerzu sind sie dabei, neue Pläne auszuhecken, um sich eine Lebensgeschichte zu schreiben, die Respekt verdient hat. Die Charaktere der Arbeiterinnenklasse in Parasite verinnerlichen die Logik des Spätkapitalismus: Menschen wie die Kims, aber auch Gen-sae, sehen ihre eigene Armut als selbstverschuldet. Sie äußert sich aber auch in dem unverdienten »Respekt« gegenüber den Reichen. Dankbarkeit und Demut halten die Kellerbewohnerinnen davon ab, eine gemeinsame Identität zu bilden und aus Solidarität Widerstandskraft zu schöpfen.

Kultur der Eigenverantwortlichkeit

In Südkorea wurde der Film weithin positiv aufgenommen. Er trifft hier auf eine Generation junger Menschen, die nichts anderes als grassierende Gentrifizierung, Luftverschmutzung, steigende Lebenshaltungskosten oder die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt kennengelernt hat; und die neoliberale Kultur der Eigenverantwortlichkeit, welche die südkoreanische Gesellschaft durchdringt – Bong Joon Ho parodiert sie meisterhaft. Sie ermahnt die Arbeiterinnen dazu, die volle Verantwortung für ihre finanziellen Belange zu übernehmen und degradiert sie gleichzeitig zu Menschen, denen weder Respekt noch Menschlichkeit entgegenzubringen ist. Ki-taeks Aussage, dass es das Beste sei, »keinen Plan zu haben«, ist eine Diagnose für das Leben in Südkorea nach der neoliberalen Umstrukturierung: Wenn die Arbeiterinnen vereinzelt und isoliert werden, verlieren sie die Fähigkeit, Zukunftspläne zu schmieden, büßen sie die Sicherheit ein, die es braucht, um einem Leben Bedeutung zu geben. Und am Ende schlagen manche von ihnen um sich.

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