N°7/8KULTUR | 28.06.20

»Diese Zeilen brechen Wände«

In der Debatte um den Rapper Haftbefehl ist der gleiche Mix aus Exotisierung und Ablehnung wiederzufinden, mit dem schon seit Jahren über Integration geredet wird. Anfang Juni ist sein neues Album DWA erschienen.

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Von Mahdi Rahimi

Haftbefehl
DAS WEISSE ALBUM Urban (Universal Music) Juni 2020


Der Rapper Chuck D von Public Enemy bezeichnete Rap einst als »Black America‘s CNN«. Dieses Etikett wird seit 30 Jahren zitiert, wenn es darum geht, die politische Dimension des Genres zu erklären. Als Ausdrucksform einer gesellschaftlichen Schicht, der man sonst kaum einen Raum gibt, thematisiert Rap Rassismus, Polizeigewalt, Kritik am Spätkapitalismus und selbstbestimmte Lebensentwürfe jenseits bürgerlicher Wertvorstellungen. Selbst dann, wenn Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner einen Song machen, in dem sie mit ihrem Reichtum protzend über italienische Luxusartikel rappen, hat Rap eine politische Dimension. Das 400 Jahre alte Konzept der Sklaverei hatte für diese Menschen schließlich keinen Luxus vorgesehen.

Die Blindheit hiesiger Politredakteure gegenüber den Strukturen von Polizeigewalt und Rassismus im eigenen Land (bei gleichzeitigem Verständnis für die Black Lives Matter-Mobilisierungen in den USA) findet seine Entsprechung im Feuilleton in der Ignoranz gegenüber deutschsprachigem Rap. Der deutsche Hip-Hop, der in liberalen Medien am meisten Anklang findet, ist heute immer noch der aus den 1990er Jahren oder referenzieret auf diesen. Er entstand unter völligem Ausschluss der Unterschicht und genauso wurde er auch popularisiert. Biedere Produktionen belanglosen Inhalts. Songtitel wie Fremd im eigenen Land von Advanced Chemistry dienten bloß als Feigenblatt einer Industrie, die hauptsächlich Musik produzierte, in der es im Grunde genommen, um nichts ging – in einem Deutschland nach der Wiedervereinigung und vor Hartz IV. 

Dabei drängt sich seit zumindest zehn Jahren der Rapper Haftbefehl als musikalischer Zeitzeuge einer »migrantischen Unterschicht« auf, der uns ähnlich wie Chuck D‘s »Black America‘s CNN« mit Nachrichten beliefert. Die Auseinandersetzung mit seinem musikalischen Schaffen findet auf Nebenschauplätzen statt. Dennoch war in den letzten Jahren niemand im deutschsprachigen Rap vergleichbar tonangebend wie Haftbefehl, sei es thematisch oder stilistisch. Worte wie Chabo, Babo, Brudi und Para wurden durch ihn in den alltäglichen Sprachgebrauch eingeführt. Seine Alben ebneten den Weg für ein neues Genre im deutschen Rap, das Anleihen beim amerikanischen Trap- und Gangsterrap nimmt, inhaltlich und politisch aber auf einer anderen Ebene steht, wie die düster-sozialkritischen Verse aus dem Song Azzlackz sterben jung verdeutlichen. Wenn er auf 1999 Pt.5, einem der prägendsten Lieder seines eben erst erschienenen neuen Albums DWA (Das Weiße Album), »Diese Zeilen brechen Wände so wie Pink Floyd, Deepe Message in die Fresse Diggi enjoy« rappt, dann ist das keine Übertreibung, denn Haftbefehl hat diese Musikform in der Tat buchstäblich aufgebrochen. 

Haftbefehl kommt von der Straße und trägt alle (negativen) Stereotypen des Kanacken stolz zur Schau. Seine Musik macht er für die Azzlackz, die »asozialen Kanacken« – Leute aus seinem Umfeld, die seine Herkunft teilen. Aykut Anhan, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, wuchs als Sohn einer kurdisch-türkischen Gastarbeiterfamilie mit zwei Brüdern in Offenbach in einer 40-Quadratmeter-Wohnung auf und verlor mit 14 Jahren seinen depressiven Vater durch Suizid. Im Alter von 21 Jahren floh er durch halb Europa, weil er wegen Drogenhandels per Haftbefehl gesucht wurde – daher rührt auch sein Künstlername. Der Rapper musste in jungen Jahren zusehen, wie Freunde und Kinder aus seiner Umgebung, aus Deutschland, der einzigen Heimat, die sie kannten, abgeschoben wurden. Seit seinem ersten Album Azzlack Stereotyp rappt Haftbefehl vom Leben der sogenannten Gastarbeiterkinder, deren Eltern das deutsche Wirtschaftswunder mitaufgebaut hatten und denen am Ende nichts als Depressionen & Schmerz – so einer seiner Songtitel – blieben: wegen eines diskriminierenden Staatsbürgerschaftsgesetzes, wegen der Aufopferung der eigenen psychischen und physischen Gesundheit durch körperliche Schwerarbeit, wegen des alltäglichen Rassismus, der Gewalt, und wegen der geringen sozialen Aufstiegschancen. Seit einem Jahrzehnt bietet die Figur Haftbefehl der Mehrheitsgesellschaft die Chance, in ein Milieu zu blicken, das die Realität von Solingen, Hanau, NSU und AfD nicht bloß aus Zeitungsberichten kennt. Ein Milieu, das tagtäglich erlebt, wie durch Hartz IV die Menschenwürde am Eingang zum Arbeitsamt abgegeben wird. Im Grunde findet sich in Haftbefehls Arbeiten all das wieder, was Oliver Nachtwey in Die Abstiegsgesellschaft beschrieben hat. Mit dem Unterschied, dass das Hörbuch wesentlich unterhaltsamer ist . 

In der gängigen Haftbefehl-Rezeption findet sich kein gesteigertes Interesse am Aufspüren dieses Subtextes. Das hat nicht nur, aber auch mit ihm selbst zu tun. Bis heute haften dem Rapper Antisemitismus-Vorwürfe an. »George Bush und das Judentum, Taschen voll mit Kies, nur Waffen verkaufen«, rappte er etwa mit 20 Jahren. Eine Textzeile, für die er sich mehrmals entschuldigte. Seine Lyrics wurden dennoch als Beleg für ein notorisches Antisemitismusproblem unter Migranten und migrantischen Rappern verbucht. Haftbefehls sorgloser Umgang mit anti-jüdischen Ressentiments passte ins Bild eines elitären Kultur- und Musikjournalismus, dem jeglicher Bezug zum Leben eines Aykut Anhan fehlt, der sich dem Faszinosum des ungehobelten und rauen, gleichzeitig humorvollen und coolen Kanaken aber nicht entziehen kann. Es ist kein Zufall, dass der gleiche Mix aus Exotisierung und Ablehnung, mit dem Integrationsdebatten seit Jahren schon geführt werden, bei der Auseinandersetzung mit Haftbefehl wiederzufinden ist. Seine Musik erfährt, gleich dem gesellschaftlichen Milieu dem er entstammt, wenig öffentliche Aufmerksamkeit, es sei denn, sie eignet sich als Projektionsfläche für alles Rückschrittliche, Sexistische und Bedrohliche, das die Mehrheitsgesellschaft lieber bei Migranten und weniger bei sich selbst sehen möchte.In seinem Essay Notes on Deconstructing ›The Popular‹ schrieb Stuart Hall einst scharfsinnig, dass die Populärkultur einer jener Orte sei, »wo sich der Kampf für und gegen eine Kultur der Mächtigen abspielt: sie ist auch der Einsatz, der dabei gewonnen oder verloren werden kann. Sie ist die Arena von Zustimmung und Widerstand.« Alles andere ist vollkommen uninteressant.