N°6 | KULTUR | 01.06.21

Eine korrekte und eine unkorrekte Biografie

Abgeschmackt, hervorragend: Ein Arzt und ein Comiczeichner versuchen sich an Lebensbeschreibungen Thomas Bernhards.

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VON JANKO FERK

Janko Ferk ist Jurist, Literaturwissenschafter und Schriftsteller. Er lebt in Klagenfurt/Celovec.

Thomas Bernhard wäre im heurigen Februar neunzig Jahre alt geworden. Eigentlich unvorstellbar, ein greiser Bernhard, gleichsam als Prototyp des grantelnden Österreichers …

Zur Erinnerung an den nicht nobelpreisbedachten Schriftsteller – oder gar zur Feier – sind in seinem Hausverlag zwei Biografien erschienen, eine sehr ernst zu nehmende und eine sozusagen zum Vergnügen der Bernhard-Gemeinde, die es wohl immer noch gibt. Ein Autor, der Holzfällen und Heldenplatz geschrieben hat, gerät nicht leicht in Vergessenheit. Ein Monument der deutschsprachigen Literatur bleibt überdies die Auslöschung mit ihren 650 absatzlosen Seiten über Franz-Josef Murau, schlechthin ein Opus magnum.

Peter Fabjan, Bernhards Halbbruder und Leibarzt der letzten Jahre, hat einen »Rapport«, gemeint ist wohl ein Tätigkeitsbericht, verfasst. Die umfassendste Lebensbeschreibung hat bisher der in Salzburg lehrende Germanist Manfred Mittermayer im Jahr 2015 abgeliefert, ein ehrgeiziges Buch. Fabjan bietet – naturgemäß als naher Verwandter – unbekannte und neue Aspekte, was den Bericht besonders interessant macht. Die familiären und medizinischen Einsprengsel als Zuwaage machen das Originäre aus.Immerhin meldet sich nicht jeden Tag ein Bruder zu Wort. Fabjan betitelt seinen »Rapport« mit Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard, obwohl es, wie der Autor ehrlich und offen protokolliert, nicht selten am Nebentisch oder mit einem Respektabstand geführt wurde. Bezeichnend ist ein Farbfoto im Buch, das Thomas Bernhard mit Marianne Hoppe beim Abendessen zeigt. Fabjan durfte, »wieder einmal zum Chauffeur geworden, vom Nebentisch aus ein überaus herzliches Gespräch zwischen den beiden« beobachten – wie ein Zaungast. Eine abschließende Biografie liefert der Mediziner Peter Fabjan nicht. Es sind Aspekte, die er anreißt, und pure Informationen ohne artifiziellen Anspruch. Achtzig Seiten lang legt er den familiären Stammbaum dar, verweist auch auf den Erzeuger des Schriftstellers, Alois Zuckerstätter, dem der Sohn sehr ähnlich sah. In dieser Stammbaumprosa erzählt Fabjan über seinen Vater und Bernhards Stiefvater etwas ganz anderes als der Halbbruder in seiner fünfbändigen Autobiografie. Fabjan stellt ihn als kulturinteressierten Menschen dar, der die Schriftstellerkarriere seines Stiefsohns mit Wohlwollen verfolgte.

Signifikant in der Beschreibung ist der erste Satz. »Der Weg meines Bruders Thomas war ein einziges Bestreben, sich aus den beengenden Familienbanden zu befreien und sich ein Leben als Künstler zu erkämpfen.« Peter Fabjans Herkunft war eigentlich keine andere, weshalb man wohl konstatieren darf, dass er sich ein Leben als anerkannter Arzt erobern wollte – und dies auch getan hat. Beide haben sich – der eine künstlerisch, der andere akademisch – eine Sonderstellung erarbeitet. Sie haben sich, wie es Thomas Bernhard gegenüber seinem Bruder formuliert hat, »halt durchgesetzt«. Beiden war der Weg in dieser Weise nicht vorbestimmt, zumal die Familie immer wieder um den »nackten Existenzerhalt« kämpfen musste. Ein paar Dinge nennt Fabjan beim Namen. Er bezeichnet seinen Bruder als areligiös und asexuell, was im Zusammenhang mit Bernhards Lebensmenschen, der Ministerialratswitwe Hedwig Stavianicek, eine aufschlussreiche Information ist. Fabjan zeichnet ein Charakter- und Persönlichkeitsporträt, wie es bisher unbekannt war. Das Buch ist eigentlich eine Doppelbiografie. Fabjan gibt so viel aus seinem eigenen Leben »an der Seite von Thomas Bernhard« preis, dass eine autobiografisch grundierte Parallelgeschichte entsteht.


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