N°2KULTUR | 01.02.21

Eine Literaturaffäre als Ende der Kubanischen Revolution

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VON DAVID MAYER

Im Frühjahr 1971 wurde der kubanische Lyriker Heberto Padilla (1932–2000) zuerst verhaftet, dann zu einer erniedrigenden öffentlichen »Selbstkritik« genötigt. Die Padilla-Affäre gilt unter Historikerinnen heute als entscheidende Zäsur in der nachrevolutionären Geschichte Kubas. Nach den bewegten, von intellektueller Offenheit geprägten 1960er Jahren und einer Reihe von Krisenmomenten – unter anderem das Scheitern der »Gran Zafra« im Jahre 1970, einer voluntaristischen Kampagne für eine Rekord-Zuckerernte – symbolisierte sie einen Kurswechsel: Sowjetisierung, bürokratische Institutionalisierung sowie Jahre der intellektuellen Enge. Franz Marek kommentierte die Ereignisse im Wiener Tagebuch und erkannte in ihnen hellsichtig das Ende der Kubanischen Revolution in ihrer ursprünglichen Form.

Franz Marek

Triste Handelsbilanz

»Die Verhaftung Padillas löste den Protest zahlreicher westeuropäischer und lateinamerikanischer Intellektueller aus, die in der Vergangenheit ihre Solidarität mit Kuba unzweideutig unter Beweis gestellt hatten. Padilla ist am 27. April aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem er in einer an unrühmliche Prozesse erinnernden selbstzerfleischenden ›Selbstkritik‹ seine Fehler zugegeben, den französischen Wissenschaftler Dumont und den bekannten Publizisten Karol als ›eindeutige Agenten des CIA‹, den deutschen Schriftsteller Enzensberger als übelwollenden Gegner Kubas ›entlarvt‹ hatte. 

[…]

Enzensberger hätte vor seiner Reise nach Kuba jeden als Revisionisten verdonnert, der auch nur einen Aspekt des kubanischen Regimes nicht bejaht hätte. Nach seiner Rückkehr hat er eine eher zurückhaltende Kritik der letzten zwei bis drei Jahre des kubanischen Regimes im ›Kursbuch‹ veröffentlicht.

[…]

Es geht in der Tat darum, daß Kuba in den letzten zwei bis drei Jahren, offensichtlich unter starkem wirtschaftlichem Druck und ständig von den USA bedroht, seine ursprüngliche Orientierung geändert hat. Das kam schon deutlich während der tschechoslowakischen Tragödie zum Ausdruck [als Castro den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der ČSSR guthieß, Anm.]. Die Padilla-Affäre bestätigt nun eine Entwicklung, die auf verschiedenen Gebieten deutlich geworden ist. Der Import russischer Methoden bei der Auseinandersetzung mit Künstlern und der Produktion lächerlicher Verleumdungen ist unausweichlich mit dem Verlust von Sympathien bei authentischen Revolutionären verbunden. Und dieses Manko im Export dürfte auch durch eine gesteigerte Zuckerausfuhr nicht kompensiert werden.«