N°10| KULTUR | 01.10.21

Engels als Ethnologe und Historiker

 

Der Wiener ADV-Verlag der Gruppe »Der Funke« hat einen Klassiker der marxistischen Literatur neu aufgelegt: Engels’ Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats.

________________________

VON RICHARD SCHUBERTH

Richard Schuberth lebt und arbeitet als freier Autor in Wien. Zuletzt erschien von ihm Lord Byrons letzte Fahrt. Eine Geschichte des griechischen Unabhängigkeitskrieges (Wallstein, 2021).

Kaum hatte das Bürgertum mit großer Kraftanstrengung die Gottgewolltheit feudaler und absolutistischer Macht zumindest ideell auf den »Misthaufen der Geschichte« befördert, setzte es ideologisch seine eigene Gottgewolltheit an deren Stelle – oder versuchte sich wissenschaftliche und philosophische Legitimation zu verleihen. Nicht nur präsentiert sich der Kapitalismus, bis heute, als alternativloses Ende der Geschichte, er tut auch so, als wäre er in der Menschheit immer schon in nuce angelegt gewesen. In gleicher Weise stellte die bürgerliche Gesellschaft ihren soziologischen Nukleus, die patriarchale Kernfamilie, als anthropologische Invariante hin. Bis Friedrich Engels auf den Plan trat und den Zweifeln an dieser biederen Erfolgsgeschichte ein wissenschaftliches Fundament verlieh.

Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats ist nicht allein ein Eckpfeiler marxistischer Ideologieproduktion, sondern wird von Ethnologie, Geschichtswissenschaft und Soziologie als einer ihrer Schlüsseltexte akzeptiert. Dass sich die von Engels nachgezeichnete Genese von den Formationsphasen »Wildheit« über »Barbarei« hin zur »Zivilisation« auf den Bahnen des damals modischen und mittlerweile relativierten Kulturevolutionismus bewegte, ändert nichts an der Gültigkeit vieler seiner Thesen. 

Basis des 1884 erschienenen Buchs waren Karl Marx’ Exzerpte von Lewis Henry Morgans bahnbrechendem Werk Ancient Society (1877). Morgan, der dem Irokesenstamm der Seneca als Jurist im Kampf gegen Landraub durch eine Immobiliengesellschaft beistand und von ihnen adoptiert wurde, hatte deren Clanstrukturen in Abgleich mit der antiken Gentilgesellschaft als Grundlage einer evolutionistisch-materialistischen Theorie universeller Gesellschaftsentwicklung herangezogen. Marx und Engels muss das Buch wie ein unerwartetes Geschenk vorgekommen sein, das Missing Link, das ihnen zur ethnologisch-historischen Fundierung ihrer Theorie fehlte. Engels ergänzte Marx’ Vorarbeit mittels eines hermeneutischen Ansatzes, der geschichtliche, mythologische, literarische und ethnografische Quellen synthetisierte, durch eigene Studien zu keltischen, germanischen, und indischen Stammesgesellschaften.

Als wissbegierige Kosmopoliten rezipierten Marx und Engels mehr als nur irgendwer ihrer Zeitgenossen den damals aktuellen Wissensstand, für ihr konkretes Sujet etwa Johann Jakob Bachofens Das Mutterrecht, den Schotten J. F. McLennan und eben Morgan. 

Den Spekulationen um ein originäres Matriarchat war Engels bereits eine Nasenlänge voraus, ist er sich doch des hypothetischen Charakters eines solchen durchaus bewusst, bezeichnet selbst Bachofens Begriff »Mutterrecht« als unpassend, da es empirisch zunächst nur um die Abstammung von der Mutterlinie geht, und obwohl er den gentilen Sozietäten eine vergleichsweise höhere Stellung der Frau konzediert, hält er sich mit der Annahme einer historischen Frauenherrschaft auffällig zurück.

Der Begriff »Barbarei«, für jene mittlere Epoche einer egalitären Gentilgesellschaft, in der sich Ackerbau und Viehzucht herausbilden, mag nach heutigen Maßstäben nicht besonders woke klingen, doch verwendet ihn Engels, der ihn von Morgan übernahm, nie wertend, was in Anbetracht seiner dialektischen Methodik auch nicht angemessen wäre. Die evaluative Aufladung hat ihm 1916 im Schatten des Ersten Weltkriegs Rosa Luxemburg in die Schuhe geschoben, als sie schrieb: »Friedrich Engels sagte einmal: Die bürgerliche Gesellschaft steht vor dem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.« Allerdings hat dies Engels weder je gesagt noch geschrieben, zumal er dieser hypothetischen Formation aufgrund ihrer Egalität und der Gleichberechtigung der Geschlechter eine gewisse Sympathie entgegenbrachte. Doch auch die verkneift er sich als wissenschaftlicher Geist, denn im Vergleich zu den damals hegemonialen romantischen Sozialisten geht es ihm vorrangig um die nüchterne Darstellung der Genese von Klassenherrschaft, die sich retrospektiven Idyllisierungen vorbürgerlicher Zustände verweigert. Zwischen den Zeilen blitzt hie und da sein Faible für irische Kultur durch, das er jedoch ebenso zügelt wie seine in anderen Texten geäußerte Verachtung für Slawen, welche er mit Marx teilte und die beide als veritable Rassisten ausweist (was sich durch Tuchfühlung mit russischen Sozialisten und Sozialistinnen dankenswerterweise abmilderte). Es gibt kein Zurück in ein fiktives Goldenes Zeitalter, denn trotz ihrer Egalität verhindere der Kollektivzwang der Gentilordnung jene Individualisierung, die zumindest ein Verdienst der herrschenden Klassen der kapitalistischen Gesellschaft sei und in der erst herzustellenden klassenlosen auf dem höchsten Stand der Produktivkräfte allen Menschen zugänglich werden müsse – ein kleiner Wink auch an moralisierende Neo-Linke, die Gesellschaft mit Gemeinschaft verwechseln und Individualität mit Egoismus. 


WÖRTER: 1106

LESEZEIT: 8 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: