N°6KULTUR | 27.05.20

Episoden, in denen Deutsche sterben 

Mit Hunters erschien zuletzt auf Amazon eine poppige Actionserie von und mit Robert De Niro über Nazijäger in der Ära Jimmy Carters. Leider überspannt sie den Bogen, wo sie sich der Shoah mit den Mitteln des Unterhaltungsfernsehens nähert.

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Von Stefan Schmitzer

Große Empörung löste 2017 die Linke-Politikerin Sarah Rambatz aus, als sie auf Facebook, nach Filmempfehlungen gefragt, für »grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben« plädierte. Selbst Funktionäre ihrer eigenen Partei stimmten in den Shitstorm »besorgter Bürger« ein, der auf ihr Statement folgte. Ihren Listenplatz für die Bundestagswahl war Rambatz los. Dabei hatte sie nichts Aufregenderes artikuliert als eine Vorliebe für Produktionen der Unterhaltungsindustrie, die ihren normativ erwarteten, freudvoll-kathartischen Gewalt-Slapstick eben gegen die Körper von Nazis richten (statt gegen Aliens, Vietcong, Zombies, Terroristen oder Autos) – ein wohlbekanntes Setting zur Befriedigung eines wohlverständlichen Bedürfnisses.

2009 war es bekanntlich Quentin Tarantino, der mit Inglourious Basterds die speziellen Tropen und Klischees jenes Genres auf die Höhe des einundzwanzigsten Jahrhunderts hob. Für sein übliches Verfahren zur Berichtigung der Weltgeschichte mit den Mitteln der B-Movies konnte er dabei aus einem so reichen Schatz an Konstellationen, Bildern, Plots und Standardfiguren schöpfen, dass die markanteste Filmmusik, zu der je »Deutsche starben« – Walter Kubicz-ecks Soundtrack zur antifaschistischen Actionserie Das unsichtbare Visier –, unzitiert blieb.


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Natürlich ist der Wunsch nach »Filmen, in denen Deutsche sterben« nicht annähernd das Gleiche wie der vom Online-Mob angstlüstern herbeihalluzinierte Wunsch, Deutsche real zu töten. Inwiefern die »Deutschen« in Rambatz’ Beschreibung und den Produkten der Traumfabrik, auf die sie sich bezieht, eben durchaus Nazis sind, und nicht etwa treuherzige Vollwaisen von zufällig deutscher Herkunft, das sollte jedem und jeder unmittelbar ersichtlich sein. Und ja, organisierte Gewalt gegen die Bewohner einer als Nazi-Armee organisierten Nation war zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt nötig, um das völlige Versinken der Welt in der Barbarei zu verhindern. Zu beklagen, dass das Trauma dieser Gewalt weiterlebt, heißt auch, das Weiterleben derjenigen zu beklagen, die vor Hitlers Volk gerettet werden konnten.

Warum sich 2020, drei Jahre später, an diese Debatte erinnern? Nun: Jüngst haben keine Geringeren als der Produzent David Weil und die Oscar-Preisträger Robert De Niro und Jordan Peele mit Hunters eine Serie geschaffen, der es wirklich nicht an Deutschen mangelt, die sterben, und ebenso wenig an sympathischer Klarheit darüber, dass Gewalt gegen Nazis prinzipiell gerechtfertigt ist. Firm in den Darstellungskonventionen der auf Hochglanz polierten Neo-Exploitation-Filme nach Tarantino et al. verankert, erzählt die Serie von einer genretypisch bunt zusammengewürfelten Truppe von Nazijägern im Amerika der Carter-Ära. Die Serie legt es offenkundig darauf an, jene aufgewühlte Atmosphäre zu provozieren, die im Kleinen bei der »Rambatz-Affäre« aufkam.

»WIE MIGRANTISCHE
ARBEIT IN ÖSTERREICH
ORGANISIERT WIRD, IST
NICHTS ANDERES ALS
FLÄCHENDECKENDER
RASSISMUS.«

Man würde gerne kindlich dazu klatschen, wenn hier überlebensgroße Symbolfiguren der amerikanischen Gesellschaft proaktiv, cool und mit aller gebotenen Härte gegen ihre abwechselnd banal-bösen und comicschurkenhaften Gegner vorgehen. Diese Gegner sind explizit jene Kohorten von Nazi-Experten für alles Mögliche, die nach dem Krieg und mit Billigung der CIA im Zuge der Operation Paperclip alle Ebenen des amerikanischen Lebens infiltrierten. Damit hat die Serie sogar, der Pulp-Ästhetik zum Trotz, so etwas wie einen volksbildnerischen Anspruch. Man könnte hier fast – sozusagen anknüpfend an die Miniserie Holocaust aus 1978 und ihre damalige Rezeption – ein Gespräch über die Möglichkeiten des Fernsehens als Ort moralischer Diskurse eröffnen. Doch Hunters laboriert an einem schweren künstlerischen Fehlgriff, der sowohl das kindliche Beklatschen als auch die ernste Debatte unmöglich macht: Denn nicht nur die Gegenwart von anno Carter wird hier weniger abgebildet als vielmehr poppig überformt, sondern eben auch die Vergangenheit einiger unserer Heldinnen als KZ-Insassen. Eine zentrale Rolle für den Plot in den Siebzigern spielt das, »was damals wirklich geschah«. Das macht es unvermeidlich, mit dieser so gearteten Wahrheit stückweise, vermittelt durch mehrere unzuverlässige Erzähler und unvollständige Perspektiven, herauszurücken: Auschwitz als Ratekrimi.

Die KZ-Szenen disqualifizieren die Serie doppelt: einmal als Unterfangen, welches die Erinnerung an die Shoah auf die Höhe ihrer jeweiligen Zeit bringen soll; und einmal als Unterhaltungsprogramm, in dem Deutsche sterben. Es ist schlicht nicht möglich, sich fiktional zurechtgemachte KZ-Folter als Teil eines Spaßprogramms anzusehen, ohne zum Mittäter zu werden. Egal, wie sehr die Serie die militante Bekämpfung des Faschismus propagiert, KZ-Folter in einem Unterhaltungsprogramm bleibt Unterhaltung durch KZ-Folter. Tarantino ist in Inglourious Basterds mit dieser Problematik genau richtig umgegangen, denn bei ihm sind die Lager einfach nicht Teil der spielerisch-brutalen Rachefantasie, die wir zu sehen bekommen. Ganz ähnlich wie im Übrigen Mel Brooks, der in Blazing Saddles jede Sorte von Rassismus gegen Afroamerikaner persifliert – aber trotzdem die Darstellung einer Galgenschlinge um den Hals seines Protagonisten ausspart, um die Trivialisierung rassistischer Lynchjustiz zu vermeiden.

Wie erfreulich wäre es gewesen, wenn Hunters eine Serie geworden wäre, in der bloß vor dem Hintergrund der Ära Carter »Deutsche sterben«, umgebracht von alleroberflächlichst aufgemachten Platzhaltern für die Freuden der zivilisierten Welt (und wenn nur der westlichen). Leider funktioniert aber auch die antifaschistische Pop-Volksfront in der Serie nur, weil reale Konflikte der Siebziger in den USA unter den Teppich gekehrt werden. Wenn die Story beispielsweise einen stramm-patriotischen Vietnamveteranen und eine ebenso stramme Black-Panther-Aktivistin kommentarlos gemeinsam einem Team angehören lässt, gibt sie zu erkennen, dass ihr beide Identitäten – Veteran und Bürgerrechtlerin – nur austauschbare Oberflächenphänomene sind: Zeitkolorit wie die unvermeidlichen Koteletten und der R&B aus den Autoradios. 

Was als pop-kulturelle Intervention in der Ära Trump gedacht war, gerät so zu einer Art internem Memo über die Beschränkungen der US-liberalen Geschichtsauffassung.