N°12/1 | KULTUR | 01.12.21

Ernst Fischer – ein Begriff von »links«

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VON DAVID MAYER

Wiener Tagebuch

Nr. 1, Jänner 1972

Ernst Fischer war eine der zentralen intellektuellen und politischen Figuren der österreichischen Nachkriegsgeschichte und gehörte jahrelang der Parteispitze der KPÖ an. In den 1960er Jahren nahm er eine zunehmend kritische Position ein, ihm wird mitunter die Schöpfung des Begriffs »Panzerkommunismus« zugeschrieben. Interessantes Detail: Ernst Fischer wird in der englischsprachigen Welt heute noch als eine der wichtigsten Stimmen einer marxistisch inspirierten Kunsttheorie genannt (seine Notwendigkeit der Kunst von 1959 wurde 1963 als The Necessity of Art veröffentlicht), während er im deutschen Sprachraum in dieser Rolle beinahe vergessen ist. 1969 aus der KPÖ ausgeschlossen, fungierte er als einer der Macher des nun unabhängigen Wiener Tagebuchs. In Reaktion auf eine vom schillernden deutschen Publizisten Gerhard Szczesny in Buchform veröffentlichte Lossagung von der Linken (Das sogenannte Gute, 1971) versuchte sich Ernst Fischer im Januar 1972 an einer Definition von Linkssein. Auffällig ist, wie diese nicht nur die »harten« sozioökonomischen Fragen aufwirft, sondern auch weichere »ethische« Grundsätze in den Mittelpunkt rückt. Zweimal Erwähnung in diesem Kurzvermächtnis wenige Monate vor seinem Tod im Juli 1972 findet: die Freundlichkeit. 

Ernst Fischer

Die unbequeme Linke

[…]

»In diesem Kontext ist die Frage unabweisbar: Was ist links? 

Der Begriff ist unbestimmt und relativ. Ich möchte dennoch versuchen, auf einige Komponenten hinzudeuten.

Links sein heißt, mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung nicht übereinstimmen: 

weil in ihr die Güter und die Chancen ungerecht verteilt sind;

weil sie die Geschäftstüchtigen, die Habsüchtigen und die Herrschsüchtigen privilegiert;

weil sie die Gleichberechtigung der Geschlechter nur formell, nicht faktisch anerkennt;

weil sie die vielseitige Entwicklung menschlicher Fähigkeiten, die Selbstbestimmung der Menschheit unterbindet;

weil sie zu Egoismus, Verantwortungslosigkeit und rücksichtsloser Konkurrenz, nicht zu Solidarität, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit erzieht;

weil sie zu wenig Freiheit, zu wenig demokratische Entscheidung zuläßt;

weil für sie nicht der Mensch, sondern die Macht, das Prestige, die Sicherung des Etablierten den Vorrang hat.

Die Auflehnung gegen diese Zustände kommt von links, nicht von rechts.

Man kann in einer Gesellschaft, deren Triebkraft der Profit ist, nicht Enklaven des Sozialismus errichten, doch jede linke Gemeinschaft sollte trachten, die menschlichen Beziehungen und Eigenschaften der von ihr angestrebten Gesellschaft zu stimulieren, also nicht nur Festigkeit, sondern auch Freundlichkeit, nicht nur Zuversicht, sondern auch kritisches Denken, nicht nur den Mut zur Aktion, sondern auch die Synthese von Vernunft und Phantasie.

Ein Beispiel zu geben, vorwärtszudrängen, den Kampf aufzunehmen, den Kampf um radikale, konsequente Demokratie in allen Bereichen […], dazu ist die Linke, diese unbequeme Linke, unentbehrlich.

Wer sie bejaht, hat die Pflicht, an ihr Kritik zu üben, von ihr Abschied zu nehmen, hieße Abschied zu nehmen […] von der Zukunft und der Phantasie. Und dazu bin ich als Siebzigjähriger nicht alt genug.«