N°9| KULTUR | 01.09.21

»Ich« und ich

 

Erinnerungen an den Schriftsteller Wolfgang Hilbig, der dieser Tage 80 Jahre alt geworden wäre.

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Von Karsten Krampitz

Karsten Krampitz ist ständiger freier Mitarbeiter des TAGEBUCH. Der Historiker und Schriftsteller lebt und arbeitet in Berlin und Klagenfurt.

Du kannst nicht sagen: Ich bin tot« ist der Satz von Wolfgang Hilbig, der sich mir ins Gedächtnis gegraben hat. Der Satz sei ein Widerspruch in sich, ein Paradoxon. Wir saßen in der Schwarzen Pumpe in Prenzlauer Berg beim Bier. Anfang der Nullerjahre war das. An dem Tag habe ich nicht gefragt, warum er wieder trinkt. Mein soziales Umfeld bestand zum großen Teil aus Säufern und Junkies; meine Eltern waren Alkoholiker, mein Bruder ebenso. Der Suff der andern war der Normalzustand. Und bei Wolfgang Hilbig freute ich mich, dass er mit mir trank. Über die Jahre hinweg ist das vielleicht vier-, fünfmal passiert. Dass ich ihn gut kannte, kann ich also nicht sagen. Noch gut erinnere ich mich an den sächsischen Singsang in seiner Stimme, den ich hier nicht wiedergeben will. Jedenfalls dachte ich damals, er sei sowas wie der letzte Sachse in Prenzlauer Berg, denn jetzt kämen die Schwaben. Mit seinem literarischen Werk habe ich mich erst viele Jahre später eingehender auseinandergesetzt – leider zu spät, um ihn noch zu befragen. Was ich sehr bedaure.

Wolfgang Hilbig wäre am 31. August 80 Jahre alt geworden. Womöglich war er der wortmächtigste Literat, den die DDR hervorgebracht hat – nur war er eben kein »DDR-Schriftsteller«. Zu keinem Zeitpunkt fühlte er sich dem sozialistischen Realismus verbunden. Er war sehr belesen, war aber nur acht Jahre zur Schule gegangen. Wolfgang Hilbig war ein Arbeiter, war Werkzeugmacher, Rohrschlosser, Heizer, nur war er eben kein »Arbeiter-Schriftsteller«, wie ihn sich die SED wünschte. Der Bremer Literaturprofessor Wolfgang Emmerich sagt über den Büchner-Preisträger Hilbig: »Kein anderer Autor aus der DDR hat das Missverhältnis von behaupteter Förderung und Privilegierung einerseits und realer Missachtung und Entwürdigung der sogenannten Werktätigen in seinem Land anderseits so erfahrungsgesättigt und genau, so sprach- und bildkräftig – und gleichzeitig mit befreiendem Hohn und Spott – dargestellt wie er.« Nachzulesen im unlängst im Verbrecher Verlag erschienenen Sammelband Wolfgang Hilbig und die (ganze) Moderne. Hohn und Spott trifft es gut, bei Abwesenheit jeglicher Ironie … 

2002 sollte ich für die Berliner Zeitung ein Sachbuch rezensieren, Der deutsche Pop-Roman von Moritz Baßler. Neben Autoren wie Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre war darin überraschenderweise auch Wolfgang Hilbig aufgeführt. Als ich ihm davon erzählte, dass er neuerdings, freilich mit gewissen Abstrichen, als Pop-Literat gilt, wollte er den Band unbedingt haben. Im Kapitel, das ihm gewidmet war, hatte Moritz Baßler, der heute Literaturprofessor in Münster ist, Hilbigs Humor kritisiert, der eigentlich kein Humor war. In dem Roman Das Provisorium, der im Jahr 2000 bei Fischer herauskam, schreibt Hilbig an einer Stelle über die Konsumtempel des Westens: »Denn die Welt ist dort, wo sich Käufer und Verkäufer mit leuchtenden Gesichtern am Eingang zum Elysium begegnen […] Shopping macht frei, so steht es in attraktiven Lettern über all diesen Eingängen zu lesen […]«. 


WÖRTER: 1936

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