N°4KULTUR | 27.03.20

Im Verborgenen: A crack in everything

Es ist etwas faul im Staate Österreich: Feminizide sind heuer, genauso wie letztes Jahr, erneut im entsetzlichen europäischen Spitzenbereich. 

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Von Julya Rabinowich

Illustration: Christoph Kleinstück

Es gibt vieles, das im Verborgenen blüht. Geheimnisse zum Beispiel. Dunkle Geheimnisse. Geheimnisse, deren Enthüllung eine Lebenslüge offenlegen könnten. Das zum Einsturz bringen, was im hellen Licht nach außen getragen werden soll. Lebenslügen, Lebensblessuren, Lebensbedrohungen. Das, was im Verborgenen blüht, kann morbide Blüten treiben. Kann Menschen an Leib und Seele verstümmeln, zerbrechen, biegen und verrenken. Die Blumen des Bösen können leise vor sich hinranken, wenn die Außenstehenden nicht hinsehen. Oder nicht hinsehen wollen. Ein Kind, das befürchtet, die Familie zu zerstören, wenn es die stumme Übereinkunft des Zurschaugestellten und des Verschwiegenen bricht, leidet doppelt. Es leidet an dem, was sich hinter den Familienwänden nach innen Bahn bricht, an der Grenzüberschreitung und an der Misshandlung. Und zusätzlich leidet es an der Last, zu schweigen. Um nichts zum Einsturz zu bringen. Weil es erwünscht wird. Weil ein Aufbrechen der Gewalt, ein Öffentlichwerden die Erwachsenen bedroht und vor einen Point of no Return stellen würde. Auch eine Frau, die ihre seelischen und körperlichen Wunden versteckt, leidet doppelt. An der Erniedrigung und der Verletzung. Und an der Lüge und der Angst vor dem Urteil von außen. Es muss meist viel passieren, bis sich die Opfer der Gewalt nach außen wagen. Die Stimme erheben. Die Hand nach der Hilfe ausstrecken. Das ist die dunkle Seite dieser Bedrohung. Aber es gibt keine Finsternis ohne Licht. Nicht umsonst singt Leonard Cohen: »There is a crack in everything, that’s how the light gets in«. Der Wall des Schweigens, das den Status quo stützt und schützt, muss also eingerissen werden, bevor das Licht hineinkommen kann. Wie aber schafft man es, ein krankes, ein kränkendes, ein krankmachendes System zu verlassen? Wo ist der Beginn des Widerstands? 

In der Erkenntnis, dass man Hilfe braucht, und in dem Entschluss, sie sich zu holen. Für eine Frau oder ein Kind, die misshandelt werden, ist ein Anvertrauen der erste Punkt auf dem Drahtseilakt zur Plattform der Befreiung. Die Gewaltbetroffenen machen also den ersten, den wichtigsten, den gewichtigsten Schritt. Und dann? Was geschieht, wenn es so weit ist? Wenn es so weit ist, brauchen Gewaltbetroffene offene Ohren. Sie brauchen offene Arme. Sie brauchen, einem Menschen gleich, der sich vor den Flammen in seinem Heim auf das Fensterbrett in großer Höhe geflüchtet hat, der zögert, den letzten Schritt zu tun, und sich in die Tiefe fallen zu lassen, ein rettendes Sprungtuch. Und das, was sowohl Betroffene als auch die Helfenden brauchen, ist ein breites Wissen um Angebote und Möglichkeiten, die man jenen, die das Schweigen brechen, zur Verfügung stellt. Gut informierte und gut vernetzte Hilfe ist die beste Hilfe. Die Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt, diejenigen, denen die Opfer sich anvertrauen, die Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen, die hinzugezogen werden, die Lehrer und Lehrerinnen: Sie alle sollten wissen, wohin ein Opfer sich wenden kann und wie die konkrete Hilfestellung aussehen könnte. Der Weg, der vor den Betroffenen liegt, sollte mit Begleitung in Angriff genommen werden. Schnürt euren Schuh. Der Weg führt über das Schweigen hin zu Vertrauen und Ändern – wie schon zuvor festgehalten, ist es ein dramatischer Drahtseilakt, bei dem jeder Schritt mit Bedacht gesetzt werden muss.

Frauenhäuser, Gewaltschutz- und Kinderschutzzentren sind viel mehr als nur ein Hilfsangebot. Es sind vorübergehend zur Verfügung gestellte sichere Häfen, in die das Lebensboot, das in unerwartete Stürme geriet, vor Anker gehen kann, bis der Wellengang abgeflaut ist. Seien wir uns einig, am allerschönsten wäre es, wenn man all diese Frauenhäuser, Gewaltschutzzentren und Kinderschutzzentren gar nicht bräuchte, weil alles in himmlischer Ruhe und erleuchtetem Equilibrium verweilt. Aber: Es ist nun einmal nicht so. In keiner Art und Weise. Seien wir uns einig, dass es, ganz im Gegenteil, nie genug sichere Häfen geben kann. Es ist an der Zeit, die im Verborgenen blühenden dunklen Geheimnisse und die Lebensstürme mit Hard Facts zu untermauern, um dem bildhaften Erleben ein präzises Wissen hinzuzufügen. »10 bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Österreich sind von schweren Formen von Gewalt betroffen«, weiß Mag.a Petra Birchbauer von der Organisation Rettet das Kind. Die Gefahr lauert nicht so sehr in der dunklen Gasse als in den eigenen vier Wänden, an exakt jenem Ort, der der sicherste Ort für Frauen und Kinder sein sollte: das eigene Heim, die eigene nähere Umgebung. Die gefährlichste Zeit für Frauen ist übrigens jene Übergangszeit zwischen Ankündigung der Trennung und deren endgültiger Umsetzung. Objektdenken ist tief in dem Unterbewussten einiger Männer verankert. Auch hier gilt übrigens: Bildung und Erziehung verhindern viel Unheil, das Bewusstwerden seiner eigenen Abgründe könnte einen möglichen Täter dazu bewegen, sich rechtzeitig Hilfe zu holen, um mit Aggressionen konstruktiver umzugehen. Wir brauchen nicht nur Opferschutzzentren. Wir brauchen genauso Anlaufstellen für gewaltaffine Männer. Wir müssen nicht nur auf einer Seite ansetzen, sondern gleich an mehreren. Birgitt Haller aus dem Institut für Konfliktforschung in Wien hält fest: »Bei manchen Gewaltformen ist es wahrscheinlicher, Opfer eines (Ex-)Partners, Familienmitglieds oder Freundes zu werden, als diese durch einen Unbekannten zu erleiden. Um solchen Gewalthandlungen entgegentreten zu können, braucht es einerseits adäquate gesetzliche Regelungen, andererseits müssen die Opfer auch bestmöglich – mit dem Ziel des ›Empowerments‹ – unterstützt werden.« Niederschwelligkeit und leichte Erreichbarkeit der Hilfsangebote sind vor allem für Kinder und Jugendliche von immenser Wichtigkeit. Je einfacher sie an Hilfe kommen, desto schneller werden sie diese Hilfe erhalten. Die offenen Ohren und die Hilfsangebote sind aber nicht die absolute Lösung des Problems von Gewalterfahrung. Die Gesellschaft reagiert zwar sensibilisierter als vor einigen Jahrzehnten. Aber diese Entwicklung ist lange nicht abgeschlossen. Wir haben noch recht viel Luft nach oben. Leider. Bei tödlicher häuslicher Gewalt liegt Österreich immer noch im europäischen Spitzenbereich. Erst letzte Woche fanden wieder solche Morde von einem durchdrehenden Ehemann statt: Er löschte Frau, Tochter und Sohn aus. Es gibt noch verdammt viel zu tun, und da helfen Querschüsse nur sehr bedingt weiter, um es sehr, sehr, wirklich sehr höflich auszudrücken. Immer wieder werden entmutigende und rückständige Aussagen getätigt, dass Frauenhäuser die Ehen gefährden würden. Dass die sich in Sicherheit bringende Ehefrau ihrem Mann nur übel mitspielen wolle. Dass es böse Berechnung eiskalter Emanzen sei. Opfer-Täter-Umkehr ist nichts Unbekanntes in Österreich. Das ist nicht nur unkonstruktiv. Nein. Es ist zerstörerisch und es ist gefährlich. Wie kann das sein, jetzt, im Jahre 2019?

Körperliche Züchtigung ist seit 1977 in Österreich verboten. Es hat sich noch nicht bei allen rumgesprochen, dass zwischen verantwortungslosem Laissez-faire und dem Gürtel beziehungsweise Teppichklopfer auf Kinderhaut noch andere Methoden gibt, dem Nachwuchs zu begegnen. Zwischen der tödlichen heißen Dusche und der Päppelung verwöhnter Tyrannen liegen Welten. Die Erfahrungen als Kind züchtigender Eltern lassen sich unter anderem so subsumieren: Wie ohnmächtig, wie verschreckt sich ein solches Kind fühlt, dessen Integrität dadurch ins Wanken gebracht wird! Gewalt zerstört jenen wechselseitigen Respekt, der für gelingende Erziehung notwendig ist. Man verschafft sich keinen Respekt mit Schmerz, nur Angst und verdrängte Gegenaggression. Diese Gegenaggression fördert aber weitere Gewalt. Deren Ächtung setzt sich ohnehin nur durchmischt durch. Letztes Jahr wurde ich in einem Supermarkt Zeugin, wie eine Frau ihr zweijähriges Kind heftig ins Gesicht schlug. Ich und ein anderer Kunde gingen dazwischen. Und noch einer. Der ging aber auf uns los. In Verteidigung der gesunden Watschn und deren segensreichen Folgen. So sieht jener Nährboden aus, der das im Verborgenen Blühende fördert. Das ist der Nährboden, der das Schweigen vertieft und Menschen, die Hilfe brauchen, davon abhält, diese Hilfe zu suchen und sich jemandem anzuvertrauen. Das ist perfektes Düngemittel für die im Schweigen wuchernden Blumen des Bösen. Wir müssen hier laut und deutlich widersprechen. Immer. Mehr noch, wir müssen uns eindeutig positionieren. Wenn das Schweigen wächst, müssen wir die Stimme sein, die dieses Schweigen bricht. Und noch etwas: Die Hilfe für die Betroffenen darf weder politisch noch medial ausgeschlachtet werden. Häusliche Gewalt ist alltäglich und weitverbreitet. Das ist schon lange Zeit so und furchtbar. Das politische Bedürfnis, auf Gewalt gegen Frauen hinzuweisen, ist derzeit immens. Das wäre an und für sich erfreulich. Würde sich da nicht eine selektive Wahrnehmung zeigen. Denn angesprochen wird oft nur bestimmte Gewalt gegen Frauen. Solche, die sich medial ausschlachten lässt und die eindeutige Zuweisungen ermöglicht. Ein Schelm, der daraufhin zu zweifeln beginnt, ob es tatsächlich um Hilfe und gesellschaftliche Ächtung geht oder doch um anderes. Denn der patriarchal irregeleitete Flüchtling alleine ist es nicht, der Frauen gefährlich werden kann. Man braucht nicht so zu tun, als ob es im eigenen Land keine Strukturen gäbe, die Frauen jährlich zur tödlichen Gefahr werden. Das Besitzdenken, die Grenzüberschreitung sind auch recht deftig autochthon. Was also tun? Es ist eigentlich ganz einfach. Jene, die Hilfe brauchen, sollen sie bekommen. Und jene, die Grenzen verschieben und verletzen, müssen klare Grenzen aufgezeigt bekommen. Und zwar von uns allen, von der ganzen Gesellschaft. Gewalt muss etwas sein, das unsere Gesellschaft von Grund auf ablehnt und nicht kleinzureden versucht oder gar beschönigt, wenn es gerade opportun erscheint. Standpunkte haben übrigens mit Stehen und nicht mit Umfallen zu tun, sonst hießen sie ja Umfallpunkte. Gehen wir das an. There is a crack in everything. That’s how the light gets in.