N°12/1| KULTUR | 01.12.21

»In Mexiko ist vom Staat keine Hilfe zu erwarten«

 

Fernanda Melchor ist eine der wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas und bekannt für schonungsloses Erzählen. Ein Gespräch über ihre Romane Saison der Wirbelstürme und Paradais, Gewalt und Misogynie in ihrer Heimat Mexiko und die heilende Wirkung der Psychoanalyse.

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JANA VOLKMANN IM GESPRÄCH MIT FERNANDA MELCHOR

Jana Volkmann | Ihre Romane sind in Ihrer Heimat Mexiko verortet, das ist ein großes und ungeheuer diverses Land – können Sie uns einen kurzen establishing shot geben: Was macht das Setting Ihrer Romane aus?

Fernanda Melchor | Ich komme aus Veracruz, einer Hafenstadt in der Mitte des riesigen Bundesstaates Veracruz. Der Bundesstaat liegt am Golf von Mexiko, Erdölvorkommen und ein Monopol auf die Küste haben ihn sehr reich gemacht. Gleichzeitig gibt es aber auch viel Armut und viele Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Der gesamte Südosten Mexikos ist verarmt. Veracruz, Chiapas, Oaxaca. Dort gibt es die schlechtesten Schulen und den größten indigenen Bevölkerungsanteil in Mexiko. Es ist so etwas wie der Süden des globalen Südens. Darüber schreibe ich normalerweise. Wenn man in den Norden des Landes nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten geht, ist die Kultur eher texanisch und von Cowboys geprägt. Ich fand immer, dass der Staat Veracruz in der Literatur sehr schlecht vertreten ist. Es wurde nicht viel darüber geschrieben, wie es ist, in Veracruz zu leben, den Reichtum der Tropen und der Touristen zu erleben, aber auch die Armut und Gewalt, die diese Gesellschaft durchdringen. Und die besondere Art, wie die Menschen an einem Ort leben, an dem drei Viertel des Jahres die Temperatur nie unter 30 Grad sinkt. Über die Hitze, das Meer und die Verzweiflung. Ich wollte das Veracruz zeigen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin in der Mittelschicht aufgewachsen und hatte das Privileg, aufs College zu gehen. Aber gleichzeitig stamme ich aus einer Familie, in der Frauen keinen Universitäts­abschluss hatten. Ich war die erste Frau mit einem Masterabschluss. In meiner ganzen Familie, sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits, obwohl wir zur Mittelschicht gehören, wurde von Frauen nicht erwartet, dass sie einen Beruf ausüben, um für sich selbst sorgen zu können. Und ich bin damit aufgewachsen, dass meine Eltern eine wirklich schwierige Beziehung hatten. Sie haben zu jung geheiratet. Meine Mutter war 18, als sie mich bekam, und sie waren zu jung und unerfahren. Mein Vater war ein Alkoholiker. Er hat vor langer Zeit mit dem Trinken aufgehört, aber er hat ein Problem mit dem Trinken, und meine Mutter hat psychische Probleme. Ich habe also schon früh Dysfunktionalität erlebt. Und wenn man in einer dysfunktionalen Familie aufwächst, lernt man, die Bosheit und die Bedürftigen zu sehen. Man lernt zu erkennen, was Schaden anrichtet. Ich glaube, das macht einen zu einem guten Menschen. Viele Dinge, mit denen ich aufgewachsen bin, kommen in meinen Büchern vor, weil es für mich unmöglich war, sie nicht aufzuschreiben. Es war die Art, wie über Frauen gesprochen wurde. Und die Gewalt, die alles durchdringt, und vor allem die Schwierigkeit, in Mexiko zwischen dem Staat und dem organisierten Verbrechen zu unterscheiden. Ich glaube, dass alle Schriftstellerinnen politisch sind. Politik fließt immer in das Schreiben ein. Ich bin nicht scharf darauf, in meinen Büchern über Politik zu sprechen. Ich bin nicht besonders daran interessiert, den Leuten zu sagen, was sie zu tun haben, aber es ist unvermeidlich, dass ihre Sorgen und Nöte in einer realistischen Erzählung landen. 

JV | Neben diesen realistischen Erzählungen spielen in Ihren Büchern Mythologien und Volksmärchen eine Rolle.

FM | In Veracruz gibt es eine sehr interessante Mischung aus Katholizismus, der von den Spaniern vor 500 Jahren gebracht wurde, und dem Glauben der Ureinwohner, der sich hartnäckig hält und viele Jahre lang als Aberglaube galt. Zusätzlich gibt es viele afrikanische Religionen, die mit der Sklaverei ins Land kamen. Es ist wie in der Karibik, an jenen Orten, wo sich viele Wege gekreuzt haben, wie zum Beispiel in Kuba, Puerto Rico oder Haiti, oder auch in Kolumbien. Es gab dort wichtige Häfen, die für Sklaverei und Piraterie bedeutsam waren, und es gibt Karneval, Mardi Gras, Musik und Volksdichtung. Ich glaube, man nennt es die afro-karibisch-andalusische Kultur. Obwohl Veracruz nicht in der Karibik liegt, sondern am Golf von Mexiko, hat es Anteil an dieser Kultur. Manche Menschen glauben an Geister, die von menschlichen Körpern Besitz ergreifen, und sie glauben, dass Krankheiten durch die Luft übertragen werden können, durch böse Schwingungen oder Luftströme. Es gibt viele Praktiken, die nichts mit der katholischen Kirche zu tun haben, die aber trotzdem angeboten werden, weil die Menschen an sie glauben. Und Alternativen zur medizinischen Versorgung, weil man mehr an den Heiler als an den Arzt glaubt. All das findet Platz in meinem Buch Saison der Wirbelstürme. Es ging mir darum, eine Figur zu schaffen, die als Sündenbock für all die Ängste in dieser kleinen Gemeinde dient. Diese Figur, die Hexe, ist also gleichzeitig eine Frau und ein Mann, und sie ist gleichzeitig mächtig und wehrlos. Sie entscheidet, wer lebt und wer stirbt, und sie hat wirtschaftliche Macht, sie braucht keinen Mann neben sich, um eine Position einzunehmen. Sie ist wie die Superfrau, die jeder zu zerstören versucht, aus Hass und Angst vor mächtigen Frauen. Und natürlich ist sie auch eine Metapher, um über Frauenfeindlichkeit zu sprechen. Letztlich wollte ich die Figur aber so konstruieren, dass man, wenn man anfängt, das Buch zu lesen, mitbekommt, was die Leute in der Gemeinde über sie denken. Es geht um Religion, um Klatsch und um übernatürliche Kräfte. Und je mehr man liest und die Perspektive der anderen Leute kennenlernt, desto menschlicher wird die Figur.

JV | Ihre Romane handeln von extremen Gewalterfahrungen. In Saison der Wirbelstürme wird eine als Hexe berüchtigte Frau ermordet, mit jedem neuen Kapitel nähert man sich den dunkelsten Abgründen einer von Brutalität gegen Frauen gezeichneten Gesellschaft. Und in Paradais zieht Franco, ein saturierter Upperclass-Sprössling, den Gärtner Polo in eine Spirale aus Gewaltexzessen. Was ist da für eine dämonische Kraft am Werk?


WÖRTER: 3127

LESEZEIT : 17 MINUTEN

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