N°12/1 | KULTUR | 01.12.21

Ins Gedächtnis Gesungene

 

Am Anfang und am Ende des Jahres 2021 stehen musikalische Hommagen an zwei linke ostdeutsche Schriftsteller: Thomas Brasch und Stefan Heym.

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VON JANNIK EDER

Jannik Eder ist Lektor des TAGEBUCH.

Die biografischen Parallelen von Thomas Brasch und Stefan Heym sind augenscheinlich: Beide entstammen jüdischen Familien. Beide kehren nach 1945 aus dem Exil nach Deutschland zurück, genauer gesagt in die Deutsche Demokratische Republik. Beide sind »eigenwillige« Genossen, liegen mit dem Regime über Kreuz, unterzeichnen 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Beider Wirken ist untrennbar mit der DDR verbunden und mit Ost-West-Konflikten, auch auf persönlicher Ebene.

Dann die genauso augenscheinlichen Unterschiede: Heym, 1913 in Chemnitz geboren, flieht 1933 aus Deutschland, kommt 1944 mit den US-Truppen zurück und hält es nach dem Krieg noch bis 1952 in den USA aus, bis der McCarthyismus ihn neuerlich nach Deutschland treibt. Er entscheidet sich für die DDR, wo er als antifaschistischer Heimkehrer privilegiert lebt und Preise gewinnt. Nach anfänglicher Unterstützung widersetzt er sich dem Regime. Rüber macht Heym allerdings nie. Zwei Monate nach der Wiedervereinigung zieht Heym mit der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), Vorgängerin der Linkspartei, in den deutschen Bundestag ein; er wird gar dessen Alterspräsident.

Brasch wird 1945 im englischen Exil geboren, die Familie kommt 1947 in die DDR. Thomas besucht unter anderem die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee in Naumburg (Saale) und studiert Journalistik in Leipzig. Sein Vater fungiert ab 1966 als stellvertretender Minister für Kultur, aber statt einer politischen Karriere gibt es für den nicht linientreuen Sohn bald Ärger: Exmatrikulation, Verbot seiner Theaterstücke, Haftstrafe. 1976 schließlich übersiedelt der Dissident nach West-Berlin. Er tritt nie einer Partei bei. Er bleibt gegenüber der DDR immer kritisch und ihr doch treu. Eine seiner zentralen Positionen: Der Westen ist selbst mindestens so sehr Unrechtsstaat, wie dieser es dem Osten unterstellt zu sein.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Heym und Brasch wiederum: Beide versterben Ende des Jahres 2001, Heym am 16. Dezember, Brasch am 3. November. Ergo haben beide 2021 den 20. Todestag. Und wie es bei runden Gedenkjahren so ist, zumindest das Werk der Künstler erfährt ein Aufleben. So erschien am 1. November Stefan Heyms endlich ins Deutsche übertragener Weltkriegsroman Flammender Frieden (erstmals 1944 unter Of Smiling Peace veröffentlicht), am 11. November kam die Verfilmung von Thomas Braschs Leben mit dem Titel Lieber Thomas in die Kinos. 

Und dann wären da noch die zwei musikalischen Hommagen an die Schriftsteller. Sowohl Masha Qrella mit dem Album Woanders als auch die Gruppe Heym mit Vom Aufstoßen der Fenster widmen sich der Vertonung ihrer Lyrik.

Heym besteht aus dem Schauspieler und Musiker Robert Stadlober, der die Lieder komponiert hat, Klara Deutschmann und Daniel Moheit. Das Trio kam exklusiv zusammen, um Stefan Heym musikalisch hochleben zu lassen. Vom Aufstoßen der Fenster soll kein Pop-Album sein, sondern ein Hörspiel.

Die Musikerin Masha Qrella hingegen, die ihre Karriere in der Berliner Postrock-Szene begann und seit 2002 als Solokünstlerin sechs Alben veröffentlicht hat, produzierte Woanders zunächst als Theaterinszenierung und als Hörspiel. Erst dann entwickelte sie die Stücke zu einem Konzept-Doppelalbum weiter. Released wurde es bereits im Februar 2021 – also ein Dreivierteljahr vor dem runden Brasch-Todestag. Der Grund? Die Plattenfirma Staatsakt gibt Auskunft: »Als Freunde des Lebens und Verweigerer des allzu Offensichtlichen haben wir das Release auf den 76. Geburtstag von Brasch gelegt.«

Qrella zimmert mit Woanders ein musikalisches Gehäuse für 17 Brasch-Gedichte, durch das das eine Mal Melancholie weht und in dem ein anderes Mal Wave und beinahe Techno pulsieren. Das Lied Geister ruft eine Erscheinung hervor: den im Hier und Jetzt leibhaftigen Brasch, wie er im grellen Flackerlicht eines Clubs steht; er sagt seine Verse auf, sie durchstechen das Wummern und den Kunstnebel. Qrella richtet den Spot weniger auf Braschs politische Haltung, sondern mehr auf seine Identitätssuche, seine Utopien und Dystopien. Etwa auf innere Zerrissenheit und Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung: »Aber wo ich lebe / Da will ich nicht sterben / Aber wo ich sterbe / da will ich nicht hin / Bleiben will ich / Wo ich nie gewesen bin« (Bleiben); auch einen poetischen Vorgriff auf Fragen zur künstlichen Intelligenz zitiert Qrella: »Nach der Arbeit an den Maschinen / Träumen die Leute von den Maschinen / Wovon träumen die Maschinen / Nach der Arbeit an den Leuten?« (Maschinen).

Das Trio Heym geht die Sache anders an. Kein kühler Electro-Wave, sondern Gitarre, Akkordeon und Oboe dienen der Zur-Musik-Werdung der frühen Gedichte Stefan Heyms. Musikalisch ist alles recht reduziert, der Fokus liegt auf dem Text, so erscheint die Charakterisierung als Hörspiel durchaus plausibel. Behutsam bergen Stadlober und Co einen fragilen Schatz: Verse Stefan Heyms, die verglichen zur bekannteren Prosa bislang weniger Beachtung fanden. Und auf die Gefahr hin, dass knappe Instrumentierung und sachte Melodien etwas einlullen, kommen zwischendurch Genies an Marmortischen oder ein knackiger Deutscher Zuchthausmarsch daher – eine verzerrte Gitarre, da wird’s den einen oder die andere fast reißen.

Wie jede Übersetzung braucht auch eine von Lyrik zu Pop Fingerspitzengefühl. Und wenn die Musikerin einen ähnlichen ästhetischen Ansatz verfolgt wie der Dichter, kann Großes entstehen; perfekt vorgeführt etwa von Masha Qrella auf Woanders. Im besten Fall gelingt es nicht nur, Literatur in eine andere attraktive Gestalt zu morphen, sondern auch die Aufmerksamkeit eines neuen Publikums zu gewinnen.


Masha Qrella
WOANDERS
Staatsakt, 2021

Heym (Deutschmann, Moheit, Stadlober)
VOM AUFSTOSSEN DER FENSTER
Argon, 2021