N°3KULTUR | 01.03.21

Johannes Gierlinger
Die Trümmer der Geschichte montieren

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VON MARGIT NEUHOLD

Margit Neuhold ist Redakteurin bei Camera Austria International.

Im Wiener Märzpark, wo sich einst die Gräber der Opfer der Märzrevolution von 1848 befanden, kamen am 11. Juni 2016 Rechtsextreme zusammen und starteten einen Protestzug gegen Zuwanderung und Migration. »Sie sehen sich als Erben der Revolution von 1848«, kommentiert eine Stimme aus dem Off. In unmittelbarer Nähe, auf der Märzstraße, findet die Gegendemonstration statt. Hier marschieren die Menschen »Schulter an Schulter gegen Faschismus«. So beginnt Johannes Gierlingers recherchebasierter Filmessay Die vergangenen Zukünfte (2021), der seinen Ausgangspunkt in ebenjener Märzrevolution 1848 nimmt und einzelnen Strängen einer komplexen politischen Geschichte folgt. 

Der Filmemacher möchte wissen, was von den Ideen einer Revolution bleibt. Im Untergeschoss des Wiener Rathauses, in dem das Wiener Stadt- und Landesarchiv liegt, legt ein Historiker Dokumente zur Geschichte der Revolution von 1848 aus und spricht über die damaligen Ereignisse und über die Gefallenen. Bis heute gibt es kein übernationales gemeinsames Gedenken an die Ereignisse von 1848.

Eine Kommentatorin sucht Plätze des kollektiven Erinnerns auf, wie etwa den Gedenkstein der hingerichteten Haupträdelsführer des Wiener Oktoberaufstandes 1848 im Währinger Park, den ehemaligen jüdischen Friedhof in Währing oder das Denkmal für den im Kampf gegen die Revolutionäre gefallenen k. u. k. Oberleutnant Johann Kallinich im Wiener Prater; und sie überlegt, welche Denkmäler fehlen. Verschränkt werden diese Bilder mit dem gegenwärtigen politischen Geschehen auf der Straße: den Aufmärschen am 1. Mai, den jährlichen Demonstrationen gegen den Akademikerball oder auch den Protesten der Fridays-for-Future-Bewegung.

Johannes Gierlinger fragt, wie wir die Ereignisse rund um die Revolution 1848 betrachten und wie wir sie kollektiv begreifen können. Welche Ein- und Überschreibungen finden im öffentlichen Raum und in Institutionen statt? Welche Narrative werden bedient und wessen Version der Ereignisse steht im Vordergrund? Wie verändert sich unser zukünftiges Verständnis der Revolution durch Umbrüche und Wandel?