N°4KULTUR | 31.03.21

Lob dem Freud

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VON DAVID MAYER

Vor 75 Jahren erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Österreichisches Tagebuch. Versehen mit dem Untertitel Wochenschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft wurde sie im Globus-Verlag der KPÖ herausgebracht. Schon in der ersten Ausgabe lässt sich jener Ton erahnen, der für die bis 1969 unter KP-Ägide erscheinende Zeitschrift kennzeichnend wurde (und erst recht für das unabhängige Nachfolge-Projekt Wiener Tagebuch bestimmend war): eine erkennbar linke, marxistische Rahmung, bei gleichzeitiger Lust an Heterodoxie und Pluralität. So holte der (durchaus unterschätzte) Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und Volksbildner Walter Hollitscher (1911–1986) keinen geringeren als Sigmund Freud auf das Hymnen-Podest der Erstausgabe. Das ist nicht nur angesichts der intellektuellen Verheerungen des erst ein Jahr zuvor niedergerungenen Nationalsozialismus bemerkenswert, sondern auch mit Blick auf die schmähende Ablehnung, die der offizielle Parteikommunismus sowjetischer Prägung stets gegenüber Freud und der Psychoanalyse vorführte.

Walter Hollitscher

Sigmund Freud

Zu den gewaltigsten geistigen Produktivkräften unseres Landes, eingeschreint in die Einzelpersönlichkeit eines Mannes, zählte Sigmund Freud. Sein Name war und ist in der Vorstellung des Auslandes mit Oesterreich [sic!] und Wien verbunden. Hier aber hat er es nicht einmal zu einer ordentlichen Professur gebracht! Und die Gemeinde Wien hat seinerzeit die Umbenennung der Berggasse, in der er lebte und wirkte, zur ›Freudgasse‹ wegen der Höhe der ›Umbenennungsspesen‹ ad acta gelegt.

[…]

Dabei war Freuds Theorie von allem Anfang an in einem dialektischen Sinn dualistisch: neben den sexuellen Triebkräften wurden die der Selbsterhaltung in ihrer vollen Bedeutung anerkannt. Und Freuds wissenschaftliche Theorie des Gewissens, des ›Ueber-Ich‹ [sic!], wie er es nennt, macht die Einpassung des Individuums in das vorgefundene gesellschaftliche Milieu psychologisch verständlich. Es gehört heute bereits ein ungewöhnliches Maß an Borniertheit dazu, jene Funde Freuds von vornherein abzulehnen. Man kann sich aber vorstellen (oder es nachlesen), daß der Empfang, den die wissenschaftliche Welt seinen Lehren bot, ›kein freundlicher‹ war. 

[…]

Andersartiger Widerspruch kam vom genau entgegengesetzten Lager: […] Sie, die Vertreter des historischen Materialismus, warfen Freud eine psychologisierende Geschichtsbetrachtung vor.

[…]

Ich meine, daß ein gutes Stück dieser Einwände zu Recht besteht, daß Freud hier tatsächlich in den historischen Vorstellungen des mitteleuropäischen Liberalismus befangen ist […]. Es liegt in dieser Beurteilung ein Stückchen Tragik, denn Freuds Intentionen sind die des menschheits- und fortschrittsfreundlichsten Humanismus, der in unseren Tagen laut geworden ist. Er trug dazu bei, der Unwissenheit und dem Aberglauben ein Gebiet geistig-rationalen Festlandes abzuringen, auf dem sich sicher stehen und beständig aufbauen lässt.