N°6 | KULTUR | 01.06.21

Lukács und der Plan

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VON DAVID MAYER

Österreichisches Tagebuch

Nr. 1, Jänner 1949

Bruchreich war das Leben des Philosophen und Marxisten Georg Lukács (zu diesen Brüchen – und den ihnen eigenen Kontinuitäten – siehe den Beitrag von Patrick Eiden-Offe in dieser Ausgabe des TAGEBUCH). Während das vor knapp hundert Jahren erschienene Buch Geschichte und Klassenbewusstsein als Gründungswerk des sogenannten Westlichen Marxismus gilt, wird der »frühe« wie auch der »späte« Lukács als einer der wichtigsten Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts zitiert. Zu Lukács’ Wirken gehören indes auch seine der Kommunistischen Partei dienenden Interventionen als politischer Intellektueller zwischen den 1920er und 1950er Jahren. Lukács veröffentlichte auch in der KPÖ-nahen, 1946 gegründeten Kulturzeitschrift Österreichisches Tagebuch (ab 1950 Tagebuch). Ein erster Text findet sich im Januar 1949. Hier scheint sich Lukács ganz der Parteisache zur Verfügung zu stellen und kultiviert den nach dem Krieg verbreiteten Optimismus, eine sozialistische Planwirtschaft werde einen Sprung menschlicher Entwicklung ermöglichen. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich auch hier ein Autor, der vom ideologisch Vorhersehbaren in feinen Linien abweicht. Das gilt zum Beispiel für die Anschauung, dass der Sozialismus auch ethisch zu begründen sei, oder den Verweis auf die Marx’sche Idee der bisherigen Geschichte als bloße »Vorgeschichte« (und damit auf eine im kommunistischen Parteimarxismus wenig geübte Bezugnahme auf den frühen Marx).

Georg Lukács

Planwirtschaft und marxistische Weltanschauung

»Die wirtschaftlichen und politischen Kämpfe greifen ständig auf weltanschauliches Gebiet über. Das ist nicht nur die Taktik der heutigen Reaktion, die ununterbrochen versucht, das geschlossene Lager der Arbeitenden durch Aufwerfen von weltanschaulichen Fragen zu zersetzen (z. B. indem sie die Verstaatlichung der Schulen als einen Angriff auf die Religion darstellt), sondern es ist immer eine notwendige Folge großer gesellschaftlicher Umwälzungen. So agitiert die katholische Reaktion damit, daß das Weltbild des Marxismus einerseits nicht den neuesten Entdeckungen der modernen Wissenschaft entspricht, andererseits, daß es trostlos ist und keinerlei Perspektiven bietet, daß es nicht imstande ist, der menschlichen Tätigkeit große, über den individualistischen-egoistischen Interessen stehende Ziele zu setzen, daß es keinen ethischen Inhalt geben kann, der das menschliche Leben sinnvoll machen würde.

[…]

Deswegen nehmen wir an, daß es nicht überflüssig ist, einmal so eine zentrale Frage, wie die Planwirtschaft, in ihren weltanschaulichen Zusammenhängen zu betrachten […].

[…]

Die Entstehung des Menschen wurde durch die Entwicklung der Arbeit eingeleitet und sie wird durch die zielgelenkte, planmäßige gesellschaftliche Arbeit beendet. Damit wird, wie Marx sagt, die ›Vorgeschichte‹ der Menschheit abgeschlossen und damit wird die wirkliche Geschichte der befreiten, der tierischen Überreste ledig gewordenen Menschheit beginnen.

[…]

In diesem Zusammenhange müssen wir die Planwirtschaft, wenn wir ihre kulturelle und sittliche Bedeutung erfassen wollen, betrachten. Jeder Marxist kennt die politischen und wirtschaftlichen Vorbedingungen der planmäßigen Produktion: das arbeitende Volk ergreift Besitz von den Produktionsmitteln, hebt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auf. 

[…]

[D]er Plan bedeutet die Macht des Menschen über die wirtschaftlichen Kräfte der Gesellschaft, er bedeutet die wirkliche Erfüllung der Freiheit des Menschen, er bedeutet die Selbsterschaffung des neuen, wirklich kollektiven Menschen und bedeutet die endgültige Überwindung der aus der Klassengesellschaft mitgebrachten Bestialität.«