N°10 KULTUR | 30.09.20

Race against time

2020 wird das Jahr sein, in dem Donald Trumps erste Amtszeit zu Ende geht. Und eines mit Filmen, die spät, gar nicht oder rückwärts im Kino laufen. Über Filmbilder weißer Wut und das Zurückdrehen der Uhr.

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Von Drehli Robnik

2020 ist wegen Corona im Kino alles anders. Sogar Tenet, jener Großfilm, von dem manche hoffen, er könne dazu beitragen, dass alles wieder wie früher wird, ist ostentativ anders. Dass es wieder wie früher wird, davon handelt er auch, aber anders – geht es in Tenet doch ums Zurücklaufen in der Zeit, hier benannt als »Inversion« und vermittelt durch rückwärts ablaufende Bewegungen. Christopher Nolans pompöser Thriller steht im Zentrum des Versuchs, Kino auf Normalbetrieb hochzufahren: ein sogenannter tentpole release, um den hier nun weniger die Verwertungszyklen eines Franchise kreisen, sollen als vielmehr das Kino insgesamt. Kino als eine Form der Versammlung mit massenhaft-anonymen, nicht elitenkulturell aufgeputzten Anderen außerhalb der Wohnung (wo Home-Office/-Schooling/-Caring und Platzsparen regieren, weil die Reichen in der Stadt mehr Platz wollen).

Als tentativer tentpole soll Tenet ostentativ nicht nur die Welt retten (wie es bei einem James Bond-artigen Film üblich ist), sondern gleich auch das Kino. Da wird’s also grundsätzlich. Tenet heißt ja Grundsatz, wörtlich »er/sie hält«. Und »er/sie besitzt«. Beim großen Kino geht es immer um Besitzfragen, um Definitionsansprüche, Kapitalverhältnisse und wie sie zum Bild werden; das ist in Tenet besonders grundsätzlich ausformuliert. So wie das Geld allem Tun, zumal der Arbeit, einen Bemessungsgrund gibt, indem es gelebte und gefühlte Zeiten auf ein abstraktes Allgemeinmaß bringt, so tritt hier eine formelhafte Abstraktion, wie sie vielen durchgeplanten Filmen anhaftet, recht direkt hervor: Tenet macht empfundenes Leben – Figuren, Beziehungen, Handlungen – zu Variablen eines umfassenden Schemas von Vor- und Rücklauf. 

Der Witz dieses Films, sein spezifisches »Kapitalversprechen«, liegt aber woanders, einen Dreh weiter. Tenet – »er hält«, was er verspricht, wie jeder Film der Hausmarke Nolan: Dass es nämlich ausnehmend klug zugeht, dass wir von Inversion, Palindrom und Großvater-Zeitreiseparadox reden können, das ist das kulturelle Distinktionskapital, zu dessen Shareholdern Tenet uns macht. Ums Kapital muss man sich schließlich immer sorgen. Auch hier. Erstens sollen wir darüber besorgt sein, ob diese Mega-Produktion eh genug einspielt, um das Kino zu retten – ein Fall von Inversion in Sachen Investition: Unser wegen Überlänge besonders teures Tenet-Ticket gerät zu einer Art Kulturstandortspende; dies bei einem paradoxerweise »hochfragilen Blockbuster«, der Nolan volens inmitten seiner Allmacht einiges an Ohnmacht ausstellt, denn: Wir fragen uns bange, ob er uns hoffentlich eh plattwalzen wird; wir bewundern, wie sehr er alles ach so sinnlich zeigen kann, wenn er es nur lange genug wortreich erklärt. Grund zur Sorge ist zweitens das investierte Aufmerksamkeitskapital – unseres und das der anderen. Werden all die Leute da draußen, wie schon bei Nolans Inception oder Interstellar, aufgeschlossen und gewitzt genug sein, sich das zu geben? Wir selbst sind es ja nicht, die bei diesem Grundsatzfilm im Kino wegdösen oder auch im Wachzustand nicht ganz mitkommen. Oder doch?


WÖRTER: 1881

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