N°11| KULTUR | 03.11.21

Rechnen nach Plan

 

Seit hundert Jahren hält sich die Erzählung, dass es ohne Markt keine planbare Wirtschaft geben kann. Im Chile der beginnenden 1970er Jahre hat Salvador Allende das Gegenteil bewiesen.

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VON BARBARA EDER 

Barbara Eder lebt und arbeitet als Universitätslektorin und freie Journalistin in Wien.

Fotocredit: Gui Bonsiepe

Der 15. Juli 1971: Salvador Guillermo Allende Gossens, chilenischer Präsident und vormaliger Spitzenkandidat der Unidad Popular (UP), befindet sich seit acht Monaten im Amt und forciert die Umsetzung seines ambitionierten Programms. Nachdem das Wahlbündnis der UP – ein Zusammenschluss aus Sozialisten, Kommunisten, Christlicher Linker und kleineren Linksparteien – am 4. September 1970 die Mehrheit der Stimmen gewinnen konnte, stehen erneut Veränderungen an. Bislang hat Allende Sozialprogramme geschaffen, Bildungs- und Gesundheitsreformen beschlossen, Löhne erhöht und Land verteilt. In der Mittagszeit des 15. Juli unterzeichnet er im Roten Salon des Palacio de La Moneda ein Papier, das eine der bedeutendsten Verfassungsreformen Chiles besiegelt. Es schafft die juristischen Voraussetzungen für die Verstaatlichung der wichtigsten Industriezweige des Landes, allen voran des Kupferbergbaus. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die chilenischen Minen noch in den Händen amerikanischer Konzerne, darunter Cerro Corporation, Kennecott und Anaconda. 

In der 2020 bei Bahoe Books erschienenen Graphic Novel Die Jahre von Allende von Carlos Reyes und Rodrigo Elgueta ist die Szene der Autorisierung von historischen Zitaten umsäumt, die sich direkt an die Leserinnen richten. Ohne viele Worte antizipieren sie ein freudiges Ereignis: »¡Por fin el Cobre es nuestro!« (»Endlich gehört das Kupfer uns!«) exklamiert etwa eine Superman-Figur auf einem nachgezeichneten Plakat des Grafikers Hernán Vidal. Auf einem anderen feiert ein kleiner Junge mit chilenischer Flagge den Sieg über die imperiale Herrschaft: »Chile se pone los pantalones largos« (»Chile hat wieder die Hosen an«), »ahora el cobre es chileno!!« (»Kupfer ist ab jetzt chilenisch!!«). Rodrigo Elgueta hat die Agitationsgrafiken in Die Jahre von Allende nahezu originalgetreu wiedergegeben, die Gegenbewegung zur (post-)kolonialen Exploitation erscheint darin auch als nationale. Im Chile des Jahres 1971 verbirgt sich hinter dem Schlagwort »Nacionalización« jedoch nicht platter Populismus, sondern ein breit angelegter Wirtschaftsplan. Er stellt die Wiederaneignung jener Produktionsmittel in Aussicht, die bislang unter ausländischer Kontrolle standen, und soll zugleich den Weg zur ökonomischen Unabhängigkeit einer noch jungen sozialistischen Republik ebnen – mit neuartigen Ansätzen einer computergestützten Gesamtwirtschaftsplanung. 

Während Allende noch signierte, ratterten im Hintergrund schon die Fernschreiber. Fernando Flores, technischer Direktor der chilenischen Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO, war im Jahr 1970 mit der Schaffung der dazugehörigen Infrastruktur beauftragt worden. Im Rahmen des Projekts »Cybersyn« verfolgte er das Ziel, die Wirtschaft Chiles zentralistisch zu regulieren, der britische Unternehmensberater und Kybernetiker Stafford Beer stand ihm dabei zur Seite. Im Juli 1971 wurde das chilenische »Cybernet« in Betrieb genommen, bestehend aus rund 500 Fernschreibern und sechs Experten, die für die Interpretation der übertragenen Daten aus den sechs wichtigsten Branchen des Landes verantwortlich zeichneten. Täglich erhielten sie Informationen zu Verbrauch und Produktion in den Wirtschaftszweigen Energie, Kupfer, Stahl, Petrochemie, Fischfang und Transport. Sie gruppierten die Zahlenkolonnen auf Monitoren und stellten Vergleiche an. Daraus wurden Schlüsse über weitere Entwicklungen gezogen, entschieden wurde noch am selben Tag. 

»Cybersyn« war nicht einfach ein elektronisches Netzwerk, bestehend aus den avanciertesten Artefakten einer dazumal noch in den Kinderschuhen steckenden Informations- und Telekommunikationsindustrie; es galt als Pilotprojekt zur ersten technisch gesteuerten Volkswirtschaft der Welt. Seine Zentrale bestand aus einem sechseckigen Raum, ausgestattet mit sieben drehbaren Sesseln aus weißem Fiberglas. An ihren Armlehnen befanden sich nebst Aschenbechern Knöpfe mit geometrischen Formen, die den Datenabruf jederzeit möglich machten. Alle Informationen, die den »Operations Room« im Herzen von Santiago de Chile erreichten, wurden durch einen IBM-Computer ausgewertet, das dazugehörige Programm arbeitete unter anderem mit Bayes-Filtern und wurde von Isaquino Benadof entwickelt. Der in Stanford ausgebildete chilenische Informatiker äußerte sich im Nachhinein nahezu prosaisch über das Vermögen seiner Software. Stafford Beer dagegen, der 1971 im Auftrag von Fernando Flores nach Chile gereist war, sah darin ein potentes, kybernetisches Steuerungsinstrument. Er verglich »Cybersyn« immer wieder mit einem Nervensystem und stellte oftmals naturalisierende Analogien zwischen Datenleitungen, Transportwegen und zerebralen Vorgängen her. 


WÖRTER: 1703

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