N°12 | KULTUR | 31.10.19

Steckbrief eines Friedfertigen

Über den Anarchisten Hubert Schwarzbeck, der vor dreißig Jahren, im November 1989, in Graz verstorben ist. Ein Destillat aus Briefen, Urkunden, Fotos und Befragungen.

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VON ERICH HACKL


Der k. k. Zollamtliche Offizial i. R. Matthäus Schwarzbeck war schon über sechzig und hatte nur noch vier Jahre zu leben, als er die junge, hübsche und mittellose Landarbeiterin Anna Gribitz heiratete. Am 7. Oktober 1906, zehn Monate nach der Trauung, brachte Anna in Marburg/ Drau ihren zweiten Sohn zur Welt, der noch am selben Tag auf den Namen Hubert getauft wurde. (Der erste, unehelich geborene, trug den Namen des Vaters, wurde aber immer nur Matzl gerufen.) Bald darauf ließ sich die Familie in Graz nieder, wo die beiden Brüder als Halbwaisen aufwuchsen. Sie kamen gut miteinander aus, auch wenn Anna den geistig schwerfälligen Älteren deutlich bevorzugte. Nach fünf Klassen Volks- und drei Klassen Bürgerschule besuchte Hubert die Höhere Gewerbeschule für Maschinenbau und Elektrotechnik, an der er im Juni 1924 mit Auszeichnung maturierte. Die Hoffnung seiner frömmelnden Mutter, er werde den Priesterberuf ergreifen, erfüllte sich nicht. Noch als Schüler war Hubert aus der Katholischen Kirche ausgetreten und hatte sich der sozialistischen Jugendbewegung angeschlossen. Er arbeitete als Monteur, dann als technischer Zeichner in der Firma Wilhelm Brückner, ehe ihm »infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Lage unseres Unternehmens«, wie es im Dienstzeugnis heißt, im November 1927 gekündigt wurde, und war anschließend als Heizungstechniker bei der Österreichischen Maschinen- bau-Aktien-Ges. Körtig beschäftigt, bis er auch dort »wegen der allgemein herrschenden Wirtschaftskrise« ausscheiden musste. Sein letzter Arbeitstag war der 31. März 1932. Anfang August desselben Jahres sollte er Graz blitzartig verlassen.


Hubert Schwarzbeck in seinem Beruf als Heizungstechniker der Firma Körtig, Graz.

Der Grund hierfür liegt in seiner Hinwendung zum anarchistischen Bund herrschaftsloser Sozialisten, der in der Steiermark besonders viele Anhänger hatte, und in der Bedeutung, die er der Vasektomie, also der Sterilisation des Mannes durch Durchtrennen der Samenleiter, für eine effektive Geburtenkontrolle beimaß. Erstens, weil die Sorge für eine Schar Kinder die Arbeiter davon abhielt, für ihre Rechte zu kämpfen; zweitens, weil diese Art der Empfängnisverhütung die Frauen von der Last und den Folgen unerwünschter Schwangerschaften befreite; drittens, weil sie nur einen kleinen Eingriff erforderte und bei Bedarf rückgängig gemacht werden konnte.

Zu den Grazer Anarchisten, die sich über das Vasektomieverbot hinwegsetzten, gehörte außer Hubert auch die Schneiderin Maria Wolf. Es ist gut möglich, dass sich die beiden bei einer Antikriegskundgebung, einer Theateraufführung oder einem der sonntäglichen Gruppenausflüge kennengelernt hatten. Überliefert ist Huberts Äußerung, dass er als junger Mann beschlossen habe, der erstbesten Frau, die ihm gut zu Gesicht stand, die Ehe anzutragen. Jedenfalls waren sie schon verheiratet, als sich die Familie Schwarzbeck im Februar 1931 in einem Fotostudio ab- bilden ließ: Anna im dunklen Kostüm und mit verächtlich geschürzten Lippen, flankiert von ihren ernst blickenden Söhnen, beide in Anzug und Mascherl, und neben Hubert die adrett gekleidete Maria, die als einzige ein Lächeln zumindest andeutet. Gewelltes Haar, unsicherer Blick, kindlich weiche Züge.

Im Jahr darauf durchsuchte die Polizei zwei als »Geheimkliniken« bezeichnete Wohnungen, in denen die Vasektomien vorgenommen worden waren, und ver- haftete die Anführer, Ärzte und Assistentinnen. Hubert Schwarzbeck entzog sich der Festnahme durch Flucht. Am 14. August 1932 traf er in Spanien ein, ohne seine Frau, die wie alle anderen Angeklagten im Juni 1933 vom Verbrechen der schweren körperlichen Beschädigung freigesprochen, aber in der Berufungsverhandlung ein Jahr später als vorgebliche Operationsschwester zu einer achtmonatigen Kerkerstrafe verurteilt wurde. Im anarchistischen Umfeld taucht ihr Name nie wieder auf und man weiß von ihr nicht mehr, als dass sie im Jänner 1939 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Feldhof eingeliefert wurde, wo sie am 15. April 1941 starb, im Alter von 35 Jahren, was den Verdacht nährt, dass sie wie hunderte andere Patientinnen der Anstalt im Zuge des NS-Euthanasieprogramms ermordet worden ist. Rätselhaft, warum Hubert sie in ihrer Notlage verlassen, ungewiss, ob er in der Ferne noch an sie gedacht hat.


Anna Schwarzbeck zwischen ihren Söhnen Matthias (»Matzl«) und Hubert. Rechts Huberts erste Frau Maria Wolf.

Kein Wunder, dass er gerade in Spanien Zuflucht ge- sucht hatte: Hier gab es mit der Confederación Nacional del Trabajo (CNT) die stärkste anarchosyndikalistische Gewerk- schaft Europas, mit der Federación Anarquista Ibérica (FAI) eine schlagkräftige revolutionäre Organisation. Außerdem war 1931 die Zweite Republik ausgerufen worden, weite Teile der Bevölkerung verbanden mit ihr die Hoffnung auf soziale Reformen und kulturelle Erneuerung. Als Maschi- nenbauingenieur brachte Hubert gute Voraussetzungen mit, eine angemessene Beschäftigung zu finden und tat- sächlich begann er im März 1933 bei der Madrider Firma Boetticher y Navarro zu arbeiten, die Heizkessel, Aufzüge und Klimaanlagen herstellte. Unbekannt, was er außer Spanischlernen in der Zwischenzeit getan und wovon er seinen Lebensunterhalt bestritten hat.

Noch vor seiner Ankunft in Madrid war er der CNT beigetreten, in der er sich mit dem Maurer Saturnino Palencias Bravo und dem Möbeltischler Julián García Gonzalo anfreundete, die seit langem in der Gewerkschaft aktiv waren. Über sie muss Hubert auch mit Saturninos Schwester Carmen und mit Juliáns Schwager Fernando Cedrón Lupiáñez bekannt geworden sein. Es ist anzunehmen, dass Carmen und Fernando während des Bürger- kriegs heirateten, vielleicht im Spätherbst 1936, denn bei den ersten Kampfhandlungen Mitte Juli war Carmen noch ledig und wollte sich sofort zu den Frauenmilizen melden, was ihr vom Bruder strikt untersagt wurde. So radikal die Anarchisten in ihren Maßnahmen und Zielen auch waren, im Privatleben gebärdeten sich viele wie kleinbürgerliche Sittenwächter. Dass sie manchmal auch Vernunft walten ließen, erweist sich wiederum an Saturninos Verhalten, als er sich einem bewaffneten Trupp in den Weg stellte, der einen konservativen Nachbarn festnehmen wollte. Darle el paseillo, hieß der in den ersten Kriegswochen verbreitete terroristische Brauch, wirkliche oder angebliche Faschisten aufzustöbern, abzuführen und in einem Kellerloch oder
auf freiem Feld zu erschießen. Auch Julián verhinderte in Horcajada de la Torre, einem Dorf der Provinz Cuenca, die Hinrichtung eines Arztes, der für einen Sympathisanten der Frankisten gehalten wurde, und von Hubert weiß man, dass ein Filmarchitekt dank seiner Intervention mit dem Leben davonkam. Er war zeitlebens überzeugter Pazifist, deshalb trat er im November 1936 auch einer Pioniereinheit der Republikanischen Volksarmee bei, die im belagerten Madrid Befestigungsarbeiten durchführte. Von einer Waffe machte er nie Gebrauch.

Bis zu seinem Eintritt in die Volksarmee, in der er es wegen seiner Verlässlichkeit und Disziplin zum Komman- danten im Rang eines Majors brachte, war Hubert bei Boetticher y Navarro stellvertretender Betriebsratsvorsitzender gewesen. Die Arbeiterdelegierten führten das Unternehmen, nach einer Umstellung auf die Produktion kriegswichtiger Güter, mit viel Umsicht, weshalb der in die frankistische Zone geflüchtete Direktor Carlos Knapp bei seiner Rückkehr Anfang April 1939 – zwei Tage nach dem Fall der Hauptstadt – befriedigt feststellte, dass der Maschinenpark unversehrt geblieben sei. Trotzdem wurden die Mitglieder des Betriebsrats verhaftet, eingesperrt und wie Hunderttau- sende andere Republikaner der Adhesión a la rebelión angeklagt. Das behauptete Delikt, Unterstützung des Aufstands, verkehrte die Tatsachen, da es ja die Militärs unter General Franco gewesen waren, die sich gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung erhoben hatten.

Hubert Schwarzbeck wurde am 6. April 1939 in seiner Wohnung von zwei Gestapobeamten festgenommen, zum Verhör in die Deutsche Botschaft gebracht und noch am selben Tag in die Polizeidirektion überstellt. Damit begann sein Leidensweg durch vier heillos überfüllte Zuchthäuser – Porlier, Torijos, Ocaña und Guadalajara –, deren Insassen Nacht für Nacht aus ihren Zellen geholt und auf Friedhöfen exekutiert wurden. Mehr als Hunger, Durst, Ungeziefer und Krankheit schwächte die Gefangenen die Ungewissheit, ob und wann die Gewehrsalven sie treffen würden. Man fragt sich, woher Hubert die Kraft nahm, in dieser Situation nicht zu verzweifeln. Wie er Jahre später seinen Angehörigen erzählte, habe ihn am meisten der fruchtlose Hass seiner Gefährten auf ihre Peiniger erschüttert. Am 8. Februar 1940, kurz bevor ihm »wegen Schädigung deutscher Belange« die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, erging das Urteil gegen die Betriebsratsmitglieder von Boetticher y Navarro; weil ihnen die politische Polizei kein Blutdelikt nachweisen konnte, kamen alle mit einer Freiheitsstrafe davon, die in seinem Fall 20 Jahre betrug. Im Juni 1943 wur- de sie auf 12 Jahre herabgesetzt.

Ein halbes Jahr früher, während er noch in Ocaña einsaß, 66 Kilometer südlich von Madrid, erhielt Hubert die Erlaubnis, alle zwei Wochen einen Brief zu schreiben, und zwar an Carmen Palencias, die inzwischen zweifache Mutter war. Ihre erste Tochter, Azucena, war am 1. Juli 1937 in Cuenca zur Welt gekommen, wohin Julián die Frauen und Kinder seiner eigenen und die der verschwägerten Familie Palencias evakuiert hatte; die zweite, Ángeles, am 23. Juni 1940 in Madrid. Zum Zeitpunkt von Ángeles’ Geburt lebte Julián nicht mehr. Er war als Hauptmann der anarchistischen Columna del Rosal zum Tod verurteilt worden. Seine Tochter Joaquina hat mir erzählt, dass sie ihn vor der Hinrichtung noch einmal sehen durfte. Bei dieser Gelegenheit flüsterte er der Elfjährigen seinen letzten Willen ins Ohr: ¡Véngame! Räche mich!

Saturnino wäre wahrscheinlich ebenfalls exekutiert worden. Aber bei Kriegsende tauchte er für ein paar Monate bei Verwandten auf dem Land unter und dann gelang es ihm mit viel Glück, einer Verhaftung zu entge- hen. Auch Fernando, Carmens Ehemann, blieb weitgehend unbehelligt. Er hatte sich von seinem Frontabschnitt nach Madrid durchgeschlagen, galt als politisch unzuverlässig, wurde aber nicht oder nur für ein paar Tage eingesperrt. Es ist anzunehmen, dass er bald wieder als Kunsttischler zu arbeiten begann.

Aus Huberts Briefen an Carmen lassen sich wegen der Zensur keine Rückschlüsse auf die Zustände in den Verliesen ziehen. Soweit er sie überhaupt zur Sprache brachte, dann in einem beruhigenden Tonfall: Er habe zu essen, er sei gesund. Er sorgte sich um ihre Töchter, speziell um Ángeles, die an Tbc erkrankt war, gab Ernährungsratschläge, sparte nicht an Lob, schrieb ihr die Namen von Bekannten auf, die sie aufsuchen sollte, damit sie bei den neuen Machthabern für ihn intervenierten. Warum Carmen, die immerhin eine verheiratete Frau war (auch wenn die standesamtliche Trauung vom Franco-Regime nicht anerkannt wurde), mit ihm in Verbindung stand und an den Besuchs- tagen für eine halbe Stunde sogar die mühselige Fahrt nach Guadalajara auf sich nahm, lässt sich nur mit ihrer unglücklichen Ehe erklären. Aber vielleicht hatten sie sogar ihr Bruder und Fernando darum gebeten. Der Genosse aus Österreich, wir dürfen nicht zulassen, dass er in seiner Zelle verfault, kannst du dich um ihn kümmern. Auch Fernando, das ist erwiesen, besuchte ihn manchmal im Gefängnis.

Dann plötzlich, am 17. Februar 1944, wurde Hubert auf Widerruf entlassen, vermutlich auf Drängen der Firmenleitung von Boetticher y Navarro, die ihn tags darauf wieder einstellte. In seiner Wohnung waren längst andere Leute einquartiert, so dass Fernando ihn mit nach Hause nahm, in eine Mietskaserne in Atocha, in der sich Hungerleider, Kriegsversehrte und Schleichhändlerinnen die Klinke in die Hand drückten. Auf 35 Quadratmeter zwei, nunmehr drei Erwachsene, die beiden Mädchen, dazu noch die 15-jährige Joaquina (ihre verwitwete Mutter hatte die Kinder aus Not unter der Verwandtschaft aufteilen müssen), der Hubert von Anfang an missfiel: Dieser Blick, mit dem er die Frauen von oben bis unten musterte, sogar mich. Er hat uns buchstäblich mit den Augen ausgezogen. Sie vergoss keine Tränen, als er drei Monate später wieder verhaftet wurde. Aber davor war es zum Bruch zwischen Carmen und ihrem Onkel gekommen, Joaquina hörte die Frauen in der Küche reden, dass es zwischen den beiden im Bett nicht mehr geklappt habe. Das große Wort habe Carmens Mutter geführt, eine unerbittliche Alte, die an Fernando alles bekrittelt habe: seinen Sanftmut, seine Nachgiebigkeit, dass er kein Fleisch aß, que no tiene huevos. Ein Schwächling.

Solange Hubert noch in Madrid inhaftiert war, in Santa Rita und Carabanchel Alto, konnte ihn Carmen problemlos besuchen. Als er jedoch im Mai 1944 in das Konzentrationslager Nanclares de la Oca überstellt wurde, in der baskischen Provinz Vitoria, folgte sie ihm mit ihren Töchtern. Sie nahm sich ein Zimmer in einer Pension der Ortschaft und ernährte sich und die Mädchen durch Näharbeiten für die einheimischen Frauen, unter denen sie mit ihrer modischen Kleidung und ihrem eleganten Auftreten hervorstach. Auch Hubert hatte sich, im Lager, eine Sonderstellung verschafft. Er stand in Verbindung mit dem Leiter der American Relief Organizations in Madrid, einem Quäker, der den Staatenlosen materiell unterstützte, und beeindruckte den Anstaltsdirektor durch Vorschläge, wie die grassierende Korruption einzudämmen wäre. Als es ihm dann noch gelang, an ein gefälschtes Taufzeugnis zu kommen, stand der Heirat nichts mehr im Weg. Vielleicht war es zu diesem feierlichen Anlass, vielleicht schon früher, dass Carmen mit den beiden Mädchen das Lager betreten durfte. Azucena erinnert sich, wie sie zu dritt in einen Gottesdienst platzten, in einer ungeheizten Baracke, in der ausgemergelte Gestalten am Boden kauerten und laut beteten, sie war entsetzt. Jahrzehnte später erzählte Hubert mit einem Augenzwinkern, dass er in der Hochzeitsnacht vor Übermüdung eingeschlafen sei, was ihm Carmen lange nicht verziehen habe.

Sechs Wochen nach der Trauung, am 20. März 1945, wurde Hubert in das Lager Herrera de la Mancha, rund 160 Kilometer südlich von Madrid, überstellt. Wieder folgte ihm Carmen; sie fand ein Zimmer in der nahen Kleinstadt Manzanares, verdiente sich den Lebensunterhalt wie zuvor mit Näharbeiten und schickte die Töchter in eine Privatschule, zu einem alten Lehrer, der mitten im Diktat einnickte. Im

Rückblick stellen sich die anderthalb Jahre in Manzanares für Azucena und Ángeles keineswegs als bedrückend dar, im Haus und in der Nachbarschaft gab es Spielgefährt- innen zuhauf, dazu Hunde, Katzen, einen Brunnen im Hof und Ziegen, die durch die Straße getrieben wurden. Am Wochenende brachte Hubert aus dem Lager einen Sack mit trockenem Brot mit und einmal rollte eine Limousine mit offenem Verdeck durch die Ortschaft, der Caudillo auf Durchreise hob huldvoll die Hand und Ángeles, die im Spalier ganz vorne stand, ekelte sich vor seinen feisten behaarten Fingern. Zu Hubert hatten sie gleich Vertrauen gefasst. Er war liebevoll, gerecht, geduldiger als ihre Mutter. Aber noch war die Erinnerung an ihren Vater lebendig, er schrieb ihnen aus Madrid, schickte zu den Feier- und Geburtstagen Glückwunschkarten, legte kleine Geschenke bei.

Ende September 1946 wurde Huberts Antrag auf Repatriierung endlich stattgegeben. Auf derselben Route, aber getrennt voneinander gelangten sie über Madrid nach Barcelona: er in Polizeigewahrsam, Carmen und die beiden Mädchen mit schwerem Gepäck (ein Koffer war ihnen noch auf dem Bahnhof gestohlen worden). Erst am Pier, ehe sie an Bord des Dampfers Ciudad de Valencia gingen, wurden Hubert die Handschellen abgenommen.

Die buntgemischte Gesellschaft von Rückwanderern zerstreute sich bald nach der Ankunft. Genua, Udine, Klagenfurt. In Graz wurden sie von niemandem erwartet. Obwohl sie den genauen Zeitpunkt wusste, an dem Hubert mit seiner neuen Familie eintreffen würde, hatte es Anna Schwarzbeck vorgezogen, ins Kino zu gehen. Aus ihrer Abneigung gegenüber der Schwiegertochter und den Enkelkindern machte sie bis zu ihrem Tod kein Hehl.

Es hätte nicht Graz zu sein brauchen. Nach seiner ersten Verhaftung hatte Hubert die Auslieferung an Nazideutschland gedroht, nach der zweiten war über ihn der Ausweisungsbefehl verhängt worden und er hatte gehofft, nach Casablanca abgeschoben zu werden. Später fragte ihn ein Mitarbeiter der US-amerikanischen Hilfsorganisationen, ob er gegebenenfalls bereit wäre, sich nach Ecuador evakuieren zu lassen. Lateinamerika, weit weg vom zerstörten, verarmten, hungernden Europa, war eine reelle Option. Noch während der Schiffsreise trug sich das Ehepaar mit der Absicht, nach Venezuela auszuwandern. Als Techniker wäre Hubert dort willkommen gewesen und die Nachrichten aus Österreich waren wenig ermutigend. Deshalb hatte er sich auch nicht bemüht, seinen Stieftöchtern deutsch beizubringen. Nun saßen sie, zwei oder drei Tage nach der Ankunft, nebeneinander in einer Grazer Schulbank, verstanden kein Wort und wurden von der Lehrerin gerügt, wobei sie auch die Rüge nicht verstanden. Die Zeit verflog, sie lernten schnell, wechselten nach der Volksschule aufs Gymnasium, dann auf eine Handelsakademie, sie studierten, arbeiteten, heirateten, bekamen Kinder. Trotzdem stand nicht alles zum Besten und das hatte nichts mit Huberts urologischen Beschwerden zu tun, die ihn seit den Kerkerjahren plagten, auch nichts mit seinem zähen, langwierigen Bemühen um eine Amtsbescheinigung als politisch Verfolgter und am wenigsten mit seiner Arbeit als technischer Leiter der Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- kranke, in der seine erste Frau zu Tode gekommen war. Da- rüber wurde nicht gesprochen, von der Vergangenheit fiel kein Schatten auf das weite Grün zwischen den Pavillons, in denen er im weißen Arbeitsmantel verantwortungsvoll seinen Tätigkeiten nachging, bevor er sich in die Dienstwohnung zurückzog, in der Carmen das Kommando führte.

Sie war es, die ihnen predigte, den leiblichen Vater aus ihrem Gedächtnis zu löschen. Er hat dich gehasst, sagte sie zu Azucena, und zu Ángeles: Er wollte, dass ich abtreibe, als ich mit dir schwanger wurde. Ángeles war robuster als die Ältere, auch wenn sie weiterhin, eigentlich bis heute, unter den Folgen ihrer Tuberkuloseerkrankung litt, und machte sich nichts aus der Enthüllung. Sie sieht sich als »Überläuferin«, die von Österreich sofort begeistert war. Vom ersten Schneefall, den sie erlebten, war Ángeles so überwältigt, dass sie die Zeit übersah und erst in der Dunkelheit nach Hause kam. Der Pracker, den ihre Mutter hervorholte, hinterließ keine bleibenden Schäden.

Anders verhielt es sich mit Azucena. Sie war zart wie Fernando, sie hatte seine dunkle Haut, die Carmen mit Kamillentee aufzuhellen versuchte, sie trug – wie übrigens auch Ángeles – seine künstlerischen Neigungen in sich, die ihre Mutter gnadenlos unterdrückte. Tú que eres tan buena. Meine Große. Meine Gute. Die immer nachgibt. An diesem Zwiespalt, zwischen dem Besitzanspruch ihrer Mutter und der Sehnsucht nach ihrem Vater, die sie sich nicht eingestand, drohte sie zu zerbrechen.

Hubert mischte sich nicht ein. Aber er schlug seine Stieftöchter auch nie, die er 1952 adoptierte, und er bestand darauf, dass sie ihrem Vater schrieben. Sie taten es mit Widerwillen. Mi querido papá deseo que estés bien nosotras bien. Hubert musste ihnen jeden Brief aufsetzen, sie schrieben ihn ab und er führte penibel Buch über die Korrespondenz. Fernandos Briefe, die sie kaum lasen, und seine wechseln- den Anschriften, die ihnen nichts bedeuteten, hätten ihnen verraten, wie es in seinem Leben weiterging. Er heiratete, bekam einen Sohn, flüchtete nach Frankreich, emigrierte mit dem Großteil seiner Geschwister nach Uruguay. Noch bevor er nach Europa zurückkehrte, brach die Verbindung ab. Zum letzten Mal schrieben ihm seine Töchter an Heiligabend 1958. Zweieinhalb Jahre später nahm es Hubert auf sich, Fernando über die Tatsachen in Kenntnis zu setzen. »Als die Mädchen noch klein waren, haben wir ihnen die Briefe vorgeschrieben und sie gezwungen, Dir zu schrei- ben. Sonst durften sie nicht spielen gehen. Später, als sie schon größer waren, haben sie Dir auf unser Zureden hin ein paarmal geschrieben, und nun, da sie erwachsen sind, sind wir der Meinung, daß sie tun und lassen können, was sie wollen, und wir nicht länger verpflichtet sind, sie zum Schreiben zu drängen.«


Carmen Palencias.

Auf diesen Brief erfolgte keine Antwort. Erst viele Jahre später, lange nach Huberts Ableben und nach dem Tod seiner Frau, die durch krampfartige Anfälle, bei denen sie am ganzen Leib zu zittern begann, alle unbequemen Fragen abgeblockt hatte, und nachdem auch Fernando gestorben war –, erst dann fanden der eine und der andere Zweig der Familie zueinander. Aber das ist eine eigene Geschichte, die lässt sich hier nicht erzählen. Nur soviel: Als er 1971 pensioniert wurde, übersiedelte Hubert mit Carmen in eine Wohnung im Stadtteil St. Leonhard. Er betrachtete sich weiterhin als einen Anarchisten, auch oder gerade weil er die Bergpredigt über alles stellte, und erteilte denen, die ihn anhören wollten, einige Lehren. Seinem Enkel Robert Korp zum Beispiel, dass man, mittellos und hungrig, ein Restaurant betreten, dort ein Menü der unteren Preisklasse verzehren und ohne zu zahlen wieder gehen darf. Dem Anarchismusforscher Reinhard Müller, dass man einen Beruf ergreifen soll, der einen nie abhängig macht von staatlichem Terror. Einem Großneffen seiner Frau, José Luis Palencias, dass man in Zeiten wie diesen besser keine Kinder in die Welt setzt. Allerdings verschwieg er auch nicht, dass er, weil Carmen unbedingt einen Sohn haben wollte, die Vasektomie, der er sich seinerzeit unterzogen hatte, rückgängig zu machen versuchte, was weder ihm noch einem Arzt gelang.


Hubert Schwarzbeck mit Carmen Palencias und ihren Töchtern Azucena und Ángeles.

Er war friedfertig, prinzipienfest, mit zunehmendem Alter etwas sonderbar. Aber er war auch, sagt Robert, ein ziemlicher Weiberheld. Dieser Seite seiner Persönlichkeit war sogar Azucena ausgesetzt, bei einem traumatischen Zwischenfall, der umso schlimmer war, als sie ihm bis dahin grenzenlos vertraut hatte. Die ganze Familie wusste von seinem Verhältnis mit einer Pflegerin am Feldhof. Ihr blieb auch nicht verborgen, und sie nahm es mit Humor, dass er als Pensionist einmal die Woche in ein Sexkino ging, nicht ohne Carmen vorher mit 50 Schilling Bußgeld milde zu stimmen.

Hubert Schwarzbeck starb, im November 1989, den außergewöhnlichen Tod eines Anarchisten: im Bett und im Beisein seiner Angehörigen, die ihn für einen Sozialdemokraten hielten. Den Fall der Berliner Mauer hat er gerade noch mitbekommen, sagt seine Enkeltochter, die wie ihre Tante Ángeles heißt. Es steht in den Sternen, ob er über die Folgen glücklich geworden wäre.


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Erich Hackl lebt und arbeitet als Schriftsteller und literarischer Übersetzer in Wien und Madrid.

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