N°9| KULTUR | 01.09.21

Über Unherrschaft

Der Streit über die Wesensform des Anarchismus ist so alt wie die Idee selbst. Ein Plädoyer für einen anthropologischen Perspektivenwechsel im Anschluss an David Graeber, der am 2. September letzten Jahres verstorben ist.

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VON FLORIAN MÜHLFRIED

Florian Mühlfried ist Sozialanthropologe und lebt in Wien und Tiflis. Sein Buch Unherrschaft und Gegenherrschaft erscheint demnächst bei Matthes & Seitz.

David Graeber während der Besetzung der Universität von Amsterdam im Jahr 2015. Foto: Guido van Nispen

Frei von Herrschaft – so stellt man sich das Leben im realen Anarchismus gerne vor. Frei von Herrschaft, so heißt auch ein Buch des vor einem Jahr verstorbenen David Graeber über die Grundzüge einer anarchistischen Anthropologie. Es geht um Werte wie Geselligkeit, Einstimmigkeit, Wohlstand und Schönheit sowie um »Einrichtungen der direkten Demokratie, des Konsens und der Vermittlung«. Mit diesen begrifflichen Einordnungen steht Graeber ganz in der Tradition von Pjotr Kropotkin, der anarchistische Praxis durch vier Grundsätze geprägt sieht: moralische Sittlichkeit, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und gegenseitige Hilfe. Auch die meisten anderen Ansätze verorten Anarchie als Resultat von Solidarität, Gemeinwohl und Empathie, die in horizontalen Verfahren, Selbstorganisation und einem unbedingten Vorzug der Gemeingüter zum Ausdruck kommt – zum Beispiel Ilija Trojanow in seinem Vorwort zum 2013 erschienenen Sammelband Anarchistische Welten.

Anarchismus wird hier einerseits als Abwesenheit gedacht – eben als die Abwesenheit von Herrschaft. Diese Lesart wird durch die Begrifflichkeit selber nahegelegt, schließlich besteht sie aus dem griechischen Wort für Herrschaft und einem negierenden Präfix. In diesem Sinne wäre Anarchie wohl am besten mit »Nichtherrschaft« zu übersetzen. Andererseits wird Anarchismus als eine Form des guten und gelingenden Miteinanders gefasst, das statt Entfremdung Solidarität und statt Kapital Commons produziert. Häufig geschieht diese Setzung von positiven Werten als konstitutiv für den Anarchismus unter negativen Rückgriff auf das Menschenbild von Thomas Hobbes, dem zufolge der Mensch als des Menschen Wolf zu begreifen ist. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass Menschen in krisenhaften Situationen immer wieder spontan mit Solidarität reagieren – beispielsweise in New Orleans, nachdem die Stadt vom Hurrikan Katrina 2005 verwüstet worden und staatliche Hilfe weitgehend ausgeblieben war. Und überhaupt, so meinen manche, müsse man nicht ständig verallgemeinern und im Kleinen das Große suchen; in diesem Sinne erfüllt sich der Kommunismus für Graeber auch nicht ausschließlich (oder vielleicht auch gar nicht) in einem politischen Großprojekt, sondern in jeder alltäglichen Tat des selbstlosen Gebens – also in der Gabe, die keine Gegengabe erzwingen will.

Gegenherrschaft

Als positiv »gefüllte« Nichtherrschaft gedacht kommt Anarchie ohne ein konstitutives Außen aus, also ohne Abgrenzung gegen eine anderweitig verortete Herrschaft. Hier gibt es allerdings Widerspruch, nicht zuletzt aus der Sozialanthropologie und verwandten Disziplinen. In seinem Buch The Art of Not Being Governed (2009) konstituiert James Scott anarchistische Praxis in Abgrenzung zu (proto-)staatlich organisierter Herrschaft, die historisch gesehen meist in gut beherrschbaren Flachlandregionen ihren Ausgang nahm. Wer staatlichen Zwangsmaßnahmen wie Sklaverei, Militärdienst oder Steuerpflicht entkommen wollte, dem blieb laut Scott nur der Rückzug in abgelegene Regionen (Hochgebirge, Wüsten oder Meere). Das Gleiche galt auch für die Flucht vor mittelbar durch staatliche Präsenz (und den mit ihr einhergehenden typischen Siedlungsmustern) generierten Phänomenen wie Seuchen oder Hungersnöten. Einmal angekommen, passten die neuen Bewohner ihre wirtschaftlichen, sozialen und politischen Praktiken der neuen Umgebung an. Wer vorher seinen Acker, Garten oder Weinberg bewirtschaftet hatte, lebte fortan als Pastoralnomade von der Aufzucht von Schafen, Ziegen, Rentieren oder Kamelen oder als Seenomade vom Fischfang. Politisch, so Scott, organisierten sich die Neuankömmlinge in egalitären Gemeinschaften, die er dezidiert als anarchistisch bezeichnet.


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