Unangenehme Notiz

von David Mayer

An dieser Stelle dokumentieren und kontextualisieren wir Beiträge aus fast fünf Jahrzehnten TAGEBUCH. In dieser Ausgabe: ein Beitrag des kommunistischen Lokalpolitikers und zeitweisen Mitherausgebers des Österreichischen Tagebuch Viktor Matejka.


517 wörter
~3 minuten

Von den kommunistischen Kommunalpolitikern der Zweiten Republik ist Viktor Matejka (1901–1993) sicher der populärste gewesen. Das lag vor allem an seiner ebenso unkonventionellen wie wirkungsvollen Amtsführung als Stadtrat für Kultur und Volksbildung der Stadt Wien: Er war von 1945 bis 1949 für die Wiedereröffnung der Theater, Konzertsäle und Kinos verantwortlich, initiierte im Künstlerhaus die antifaschistische Ausstellung Niemals
vergessen
, förderte die Musikschulen und Städtischen Büchereien und war darum bemüht, die vom Naziregime vertriebenen Künstler und Intellektuellen zur Rückkehr zu bewegen und ihnen Unterkunft wie Arbeit zu beschaffen. 

Viel weniger bekannt ist Matejka in seiner Eigenschaft als Mitherausgeber und leitender Redakteur des Tagebuch von 1950 bis 1957. Unter den Titeln Unangenehme Notizenund TB greift auf… greift ein… greift an… schrieb er scharfsinnige, oft vor Wortwitz funkelnde Kolumnen, die ihren jeweiligen Anlass überdauert haben – leider auch deshalb, weil die von ihm kritisierten Missstände immer noch oder wieder bestehen. Eine seiner ersten Unangenehmen Notizen erschien am 31. Mai 1947 im Österreichischen Tagebuch und setzte sich mit der vom ÖAMTC unterstützten Forderung nach finanzieller Entschädigung jener Landsleute auseinander, die in den Jahren 1938 bis 1944 Anrechtsscheine auf einen Volkswagen erworben, ihre Einlagen infolge der Niederlage Nazideutschlands jedoch verloren hatten. Der Überlebende der Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg hielt ihr Verlangen angesichts der allgemeinen Notlage nicht nur für belanglos, sondern – gemessen am Schicksal der vom NS-Regime Verfolgten und Beraubten – für geradezu unmoralisch. Die Tausend-Mark-Sperre, auf die Matejka in seiner Glosse anspielte, war eine Wirtschaftssanktion, die von der deutschen Regierung im Mai 1933 gegen die Republik Österreich verhängt worden war.

Viktor Matejka:
Was jeder Schulbub wusste –und andere unangenehme Notizen
Aus: 
Österreichisches Tagebuch
Nummer 20
31. Mai 1947
(…)

Autospekulanten

Der Oesterreichische Automobil-, Motorrad- und Touring-Club wandte sich an die Öffentlichkeit mit der Aufforderung, daß sich die geschädigten Volkswagensparer zur Entschädigung ihrer Ansprüche melden sollten. In ganz kurzer Zeit hatten sich über achttausend ehemaliger Volkswagensparer gemeldet. Ungefähr 70 Prozent hatten bereits je 990 Mark eingezahlt, die somit einer Fast-Tausend-Mark-Sperre verfielen, nachdem zuvor einer Tausend-Mark-Sperre ganz Oesterreich zum Opfer gefallen ist.

So verständlich es sein mag, daß die Volkswagensparer heute enttäuscht sind, so abwegig ist der Gedanke, sie entschädigen zu wollen, da ganz andere Kategorien von Opfern des Naziregimes nicht einmal im entferntesten entschädigt worden sind. Von denen, die in den Gefängnissen und Konzentrationslagern bis zu sieben Jahren gesessen sind, hat noch kein einziger etwa einen Verdienstentgang für seine Haftjahre bekommen. Von anderen Entschädigungen wie für Gesundheit und sonstiges Eigentum kann auch noch nicht berichtet werden, so daß alle bisher geleisteten Entschädigungen in keiner Weise den wirklichen Schäden von kämpfenden Opfern und Verfolgten des Naziregimes auch nur annähernd entsprechen.

Und in einer solchen Zeit wagt man es, an Entschädigungen für solche Leute zu denken, denen das Dritte Reich gerade gut genug war, endlich zu einem Auto zu kommen, während Millionen Menschen ihr Leben lassen mußten. Im Gegenteil, man sollte diese Autospekulanten des Dritten Reiches auf lange Zeit von dem Besitz eines Autos ausschließen.

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