N°4KULTUR | 31.03.21

Versuch über Dialektik

Das »Denken in Gegensätzen« entspricht einer Gesellschaft der Gegensätze. Und Adorno hatte recht: Das Ganze ist das Unwahre.

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VON MICHAEL SCHARANG

Michael Scharang lebt als Schriftsteller und Essayist in Wien. Zuletzt erschien von ihm 2020 bei Suhrkamp der Roman Aufruhr (besprochen von Alfred J. Noll in TAGEBUCH N° 6/2020).

Dialektik ist kein Instrument, um Erkenntnis zu erlangen, sie ist keine Denkmethode. Dialektik, sagt Adorno, ist die Bewegung der Dinge selbst. Das hat ihm den Vorwurf eingetragen, Gnostiker zu sein. Gnostiker ist jemand, der ein Wissen um göttliche Geheimnisse hat. Der Vorwurf ist klüger, als derjenige weiß, von dem er stammt.

Die Gnosis hat einen ähnlich schlechten Ruf wie die Mystik. Er fußt auf Vorurteil und Unwissen. Spricht Robert Musil von tagheller Mystik, weiß er, was diesem Phänomen innewohnt. Ein Mystiker war jemand, der sich so lange in Gott versenkte, bis er erkannte, dass es nur einen Gott gibt, den Menschen. Mystiker waren die Todfeinde aller Religionen. Ein berühmter ägyptischer Mystiker wurde von den führenden Männern des Islam hingerichtet, seine zahlreichen Anhänger flüchteten nach Südspanien, wo sie die bis heute berühmten Universitäten errichteten, in denen große Leistungen erbracht wurden, insbesondere auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Mathematik – Errungenschaften, die später von den katholischen Machthabern Nordspaniens zunichte gemacht wurden.

Der heutige Gnostiker bemüht nicht Gott, er versetzt sich in die Bewegung der Dinge, um diese zu erkennen. Erst wenn man Teil dieser Bewegung ist, vermag man sie geistig zu erfassen und in der Folge zur Sprache zu bringen. Versetzt man sich in die Bewegung der Dinge, gewinnt man ein Wissen, zwar nicht um göttliche Geheimnisse, aber um die Geheimnisse der Wirklichkeit.

Hegel sagt, die Wissenschaft analysiere die Welt, die Kunst stelle sie dar, Philosophie aber sei die Deutung der Welt. Was ist Deutung? Die Hegel’sche Deutung der Welt ist verwandt dem Diktum Adornos von der Dialektik als Bewegung der Dinge selbst. Das eine wie das andere ist keine empirische Untersuchung, dem einen wie dem anderen wohnt ein Moment der Spekulation inne. Es gilt, sich in die Welt, in die Bewegung der Dinge zu versenken – als Voraussetzung dafür, etwas über sie sagen zu können.


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