N°3KULTUR | 27.02.20

Wie könnt ihr damit nur durchkommen?

In Sorry we missed you zeichnet Ken Loach das Portrait einer von der Finanzkrise existenziell gebeutelten Familie aus Newcastle, die angesichts prekärer Dienstleistungsjobs zu zerbrechen droht.

___________________

VON BENJAMIN HERR

Sorry we missed you
GB 2020, 101 Minuten,
Regie: Ken Loach, Drehbuch: Paul Laverty
Derzeit in den österreichischen Kinos

Abby ist als Pflegerin bei einer Agentur über einen zero-hours contract angestellt. Diese Arbeitsverträge garantieren keine fixe Stundenanzahl. Es ist oftmals Arbeit auf Abruf, bei der nur die tatsächlich gearbeitete Zeit abgegolten wird. Schätzungsweise arbeiten in Großbritannien 1,4 Millionen Menschen unter diesen Bedingungen: in Universitäten und in Restaurants, im Buckingham Palace oder eben wie Abby in der Hauskrankenpflege. Abby bereitet Essen zu, dokumentiert den Gesundheitszustand ihrer Klienten, wäscht sie und wechselt Bettunterlagen. Die Agentur, die ihr die Klienten vermittelt, bezahlt bloß den jeweiligen Besuch, An- und Abfahrt mit dem Bus zählen nicht zur Arbeitszeit.


WÖRTER: 1100

LESEZEIT : 10 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter:


Rick wiederum beginnt als selbstständiger Fahrer bei PDF (Parcels Delivered Fast). Auf der Beschreibung seiner Arbeitsrealität liegt der Fokus des Filmes. Der Zeitdruck bei PDF ist allgegenwärtig, die expected time of arrival alles. Ein Kollege drückt Rick eine Plastikflasche in die Hand mit dem gutgemeinten Hinweis »This is for pissing«. Angewidert wirft er sie daraufhin weg. Unweigerlich fühlt man sich bei solchen Szenen an die Realität in den Amazon-Lagerhäusern erinnert. Der Journalist James Bloodworth fand beispielsweise in seiner Undercover-Reportage Hired: Six Months Undercover in Low-Wage Britain heraus, wie sehr der Arbeitsdruck die Klopausen der Arbeiterinnen beschränkte. Die Angst, aufgrund der Klopause zu lange vom Arbeitsplatz weg zu sein, lies auch diese zur Plastikflasche greifen.

Rick hetzt durch Newcastle, er wird pro ausgeliefertem Paket bezahlt. Die Szenen, in denen er von seiner Tochter begleitet wird, zählen zu den schönsten des Films. Am Ende steht aber eine Abmahnung von Maloney, dem Supervisor des Depots (exzellent, Ross Brewster!). Rick versteht das nicht: »It’s my van, it’s my insurance, it’s my daughter. I thought it was my business?« – »Yeah it is, but it’s our franchise.« Kann man an einem Tag nicht arbeiten, muss man einen Ersatzfahrer finden – oder 150 Pfund Strafe zahlen. Dieses System ist Standard und hat verheerende Folgen, wie das reale Beispiel des Briten Don Lane zeigt. Als Bote bei DPD musste auch er sich um einen Ersatzfahrer kümmern, wenn er seine Schicht nicht einhalten konnte. Das führte dazu, dass er als Diabetiker mehrere Arzttermine nicht wahrnehmen konnte. Er starb mit 53 Jahren. 

Der Scanner und Rick

Die Arbeiter bei PDF erledigen ihre Arbeit alleine und sozial isoliert. Das morgendliche Einräumen der Pakete in den Van bietet die einzige Möglichkeit zu einem kurzen Austausch zwischen den Kollegen. Lediglich in einer Szene kommt Protest vor und dieser wird von Maloney schnell im Keim erstickt. Zusätzlich steigert der Einsatz von Tracking-Technologie die Profitabilität der Fahrer und unterwirft sie einem verschärften Kontrollsystem. Die Stärken des Films bestehen zweifellos in den gründlich recherchierten Einblicken in diese Technologie. Der Scanner, den Rick und seine Kolleginnen bei Dienstantritt ausgehändigt bekommen, ist dazu da, um Pakete zu kommissionieren, macht aber auch konstante Zeitmessungen. »Lots of bloody bleeping. It always knows where I am«, meint Rick an einer Stelle zu seiner Tochter Liza. Es misst die Produktivität einzelner Arbeiter und in weiterer Folge die des ganzen Lagers. »This box is in competition with all other black boxes in this country.«

»Sorry we missed you« steht nicht nur auf den Zetteln von PDF, wenn die Kundinnen nicht zu Hause sind. Es ist auch die Überschrift für eine Familie, die keine Zeit mehr für sich findet. Liza räumt spätabends leise das Geschirr weg, während ihre Eltern, ermattet vom dichten Arbeitstag, vor dem laufenden Fernseher schlafen. Momente, in denen die Familie glücklich miteinander ist, gibt es nur wenige. Man sieht sie weder mit Freunden, beim gemeinsamen Kochen noch beim Sport. Rick und Abby haben keine Zeit als Paar. Soziale Bezugspunkte während ihrer 14-stündigen Arbeitstage gibt es kaum. Damit gelingt dem Film nicht nur die Thematisierung prekärer Beschäftigung, sondern er verknüpft diese auch mit ihren Auswirkungen auf das Leben abseits davon.

Gleichzeitig gewichtet der Film die Arbeitsrealitäten von Rick und Abby ungleich. Sowohl in der filmischen Darstellung als auch bei den Auswirkungen auf die Familie steht die Arbeit von Rick im Vordergrund. Es ist Abby, die ihr Auto verkauft, damit Rick den Kredit für den neuen Van stemmen kann. Es ist Abby, die fortan mit dem Bus fahren muss und dementsprechend weniger Klienten schafft. Und es ist Abby, die man während des Films telefonieren sieht, wenn sie ihren Kindern sagt, wo das Essen steht. Aber es ist auch die Situation von Abby, die im Hintergrund bleibt. Damit gelingt es dem Film, die strukturelle Beiläufigkeit, die Pflege- und Sorgearbeit erfährt, latent abzubilden. 

Loach filmt mit

Loach bleibt naturalistisch und beobachtend. Wie schon in früheren Arbeiten drehte er weitgehend mit Laien. Rick wird beispielsweise vom 45-jährigen Kris Hitchen gespielt. Dieser war zuvor Fabrikarbeiter, Friedhofsgärtner, Friseur und Spengler. »Wir haben für diesen Film keine Schauspieler gesucht, sondern Menschen, die glaubhaft die Personen des Films verkörpern können«, sagt Rebecca O’Brien, die Produzentin des Films. Auch um die Arbeitsabläufe im Depot, in dem Rick jeden Morgen seine Pakete in den Van schlichtet, authentisch abzubilden, wurde auf Hintergrundrecherchen zurückgegriffen. Die Statisten in den Depot-Szenen waren oder sind Paketzusteller. »Sie wussten also ganz genau, worauf es in diesen Szenen ankam. Sie kannten den Zeitdruck, die Anspannung und die Hektik der Paketverteilung«, so Ken Loach. Alle Statisten hatten für die Depot-Szenen ihre jeweilige Rolle und spielten sie, als wäre es ein echter Arbeitsablauf. Loach und sein Team filmten mit.

Realität

Durch den dokumentarischen Charakter des Films entstehen intime Einblicke in die Lebenswelten der Akteure. Sei es, wenn Abby sich mit den pflegebedürftigen Klienten unterhält, oder wenn der Sohn Seb in den Streitgesprächen seinen Eltern das gepriesene Zukunftsversprechen in seiner cleveren und zurückgezogenen Art zurückschmettert (»What jobs, what good jobs?«). In all diesen Momenten fühlt man sich als stiller Beobachter, der das Dargebotene zufällig mitbekommt. Man spürt die zugige Luft in dem einfachen Haus der Familie, die (soziale) Kälte des Depots und die Enge, die eine Situation geprägt von Ausbeutung mit sich bringt. 

Im Rahmen der Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes im Mai letzten Jahres sagte Paul Laverty, Autor des Drehbuches und langjähriger Weggefährte von Loach: »Acht Menschen, acht Milliardäre besitzen so viel wie die Hälfte der Menschheit. Das klingt nach einem Science-Fiction-Script, aber es ist Realität«. Sorry we missed you taucht tief in diese Realität ein und spätestens am Ende des Films will man wissen, was sich Abby ein paar Szenen früher schon gefragt hat, als sie Rick das Telefon entreißt, um direkt mit Supervisor Maloney zu sprechen: »How can your company get away with it?« – Wie kann Ihr Unternehmen damit nur durchkommen?

Lost your password? Please enter your username or email address. You will receive a link to create a new password via email.