N°3KULTUR | 27.02.20

Wilhelm Reichs Solitär

Mehr als 80 Jahre nach ihrem erstmaligen Erscheinen ist Reichs Massenpsychologie des Faschismus soeben in der Originalversion von 1933 neu aufgelegt worden.

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VON HELMUT DAHMER

Wilhelm Reich MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS
Der Originaltext von 1933 Psychosozial Verlag, 2020, 280 Seiten EUR 33,90 (Ö), EUR 32,90 (D),CHF 41,90 (CH)

Unter den sogenannten Freudo-Marxisten, die in den Jahren 1925 bis 1935 versuchten, den historischen Materialismus Marxens und den biologischen Sigmund Freuds zu kombinieren, um ihre Gegenwart – und besonders Das deutsche Rätsel (Trotzki 1932) – zu verstehen, war Siegfried Bernfeld (Sisyphos, 1925), der erkannt hatte, dass die Psychoanalyse eine neuartige Wissenschaft eigener Art, nämlich eine »Kritische Theorie« ist, wohl der bedeutendste Theoretiker. Wilhelm Reich aber formulierte ihr politisches Programm (Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse, 1929/34). Seine 1930 bis 1933, also während der Agonie der Weimarer Republik geschriebene Massenpsychologie des Faschismus ist ein Solitär. Keiner seiner psychoanalytischen Kollegen, weder die von den Nazis Vertriebenen noch die im sicheren Ausland Lebenden wagten es, den braunen Stier bei den Hörnern zu packen und Hitlers Erfolg – die Organisation einer viele Millionen starken, kriegsbereiten Gefolgschaft – politisch-psychologisch zu deuten. Zwar hatte Freud schon 1920 in Massenpsychologie und Ich-Analyse über die Struktur massenfeindlicher Massenbewegungen aufgeklärt, doch die organisierten Freudianer, auch die sozialistischen, waren an seinen »kulturkritischen« Schriften wenig interessiert. Erst Theodor W. Adorno erkannte 30 Jahre später die Bedeutung der Freudschen Massenpsychologie für ein Verständnis des Faschismus. 

»ALS REICHS MASSENPSYCHOLOGIE IM SEPTEMBER/ OKTOBER 1933 ERSCHIEN, WAR ER BEREITS NACH DÄNEMARK GEFLOHEN; DIE NAZIS HATTEN SEINE SCHRIFTEN VERBOTEN UND ÖFFENTLICH VERBRANNT, IHN SELBST AUSGEBÜRGERT.«

Als Reichs Massenpsychologie im September/Oktober 1933 erschien, war er bereits nach Dänemark geflohen; die Nazis hatten seine Schriften verboten und öffentlich verbrannt, ihn selbst ausgebürgert. Seine Parteigenossen (von der stalinisierten KPD und der Komintern) und seine freudianischen Kollegen (von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und ihrer verbliebenen deutschen Sektion, der DPG) bekamen es mit der Angst zu tun, schlossen ihn aus und ächteten ihn. In seiner »Vorrede zur I. Auflage« schrieb Reich im Oktober 1933: »Die deutsche Arbeiterklasse hat eine schwere Niederlage erlitten […]. Der Faschismus hat gesiegt und baut seine Positionen mit allen verfügbaren Mitteln, in erster Linie durch kriegerische Umbildung der Jugend, stündlich aus.« Das war nicht nur eine Kritik der (stalinistischen) Propaganda, wie sie der linientreue Ernst Bloch zwei Jahre später in Erbschaft dieser Zeit formulierte, sondern ein Angriff auf die »Generallinie« von KPD und Komintern, die sich in der Illusion wiegten, Hitler werde bald »abgewirtschaftet« haben und die Macht dann den Kommunisten (im Exil, in den Lagern und im illegalen Widerstand) zufallen. Vermutlich hat Reich Trotzkis Aufrufe gegen Hitler aus den Jahren 1929 bis 1933, die in einer ganzen Serie von Broschüren in Deutschland verbreitet wurden, als braver kommunistischer Parteisoldat zunächst noch ignoriert. Doch in der Sache hatten die Stalinisten, die den Verfasser der Massenpsychologie des Faschismus alsbald einen »Trotzkisten« nannten – was damals so etwas wie eine »Fatwa« war – recht, denn wie Trotzki sah Reich, dass es sich beim deutschen Faschismus um eine Massenbewegung handelte und dass Politik und Propaganda der Komintern-Führung in den vier Jahren bis 1933 für die kampflose Niederlage der deutschen Arbeiterorganisationen verantwortlich waren. 

Reichs »sexualökonomische« Interpretation des (antisemitischen) Massenwahns und des Führer- und Gemeinschaftskults war in jedem Betracht eine Pionierarbeit. Wilhelm Reich, Erich Fromm, Theodor Geiger und Siegfried Kracauer haben (unabhängig voneinander) gleichzeitig das Feld der Mentalitätsforschung eröffnet. Fromm, in dessen (auf einer großen Fragebogen-Enquete basierender) »sozialpsychologischer Untersuchung« Einstellungen von Arbeitern und Angestellten am Vorabend des Dritten Reiches ermittelt und zur sozialen Lage der Befragten ebenso wie zu deren politischen Optionen in Beziehung gesetzt wurden, kannte Reich nicht, da sie bis 1980 unveröffentlicht blieb. Fromm unterschied bereits autoritäre, radikale und rebellische Haltungen beziehungsweise Persönlichkeitstypen oder »Charaktere«. Für Trotzki (Porträt des Nationalsozialismus, 1933), Geiger (Die soziale Schichtung des deutschen Volkes, 1932), Kracauer (Die Angestellten, 1930) und Reich bildeten die Zwischenschichten (der »alte« und der »neue« Mittelstand), die angesichts der politischen Spaltung der Arbeiterorganisationen zum Nationalsozialismus tendierten, das eigentliche Problem. »Etwa vierzehn Millionen Kleinbürger stehen ungefähr dreizehn Millionen feindlicher Arbeiterstimmen gegenüber«, schrieb Trotzki im August 1932. »Die buntscheckigen Massen des Kleinbürgertums, abgekehrt von den alten Parteien oder erstmalig zu politischem Leben erwacht, haben sich um das Hakenkreuzbanner geschart. Zum ersten Mal in ihrer ganzen Geschichte zeigen sich die durch Lebensbedingungen und Gewohnheiten, durch Traditionen und Interessen geschiedenen Zwischenklassen – Handwerker, Krämer, die ›freien Berufe‹, Angestellte, Funktionäre, Bauern – in einem Marschzug vereint, in einem wunderlicheren, phantastischeren, zwiespältigeren, als es die Bauernzüge des Mittelalters waren.« Und weiter: »Die Verzweiflung des Kleinbürgertums mußte [in Deutschland] den Charakter der Weißglut annehmen, um Hitler und seine Partei auf schwindelnde Höhen zu erheben.« 

Was Reich die »Schere« zwischen Ökonomie und Ideologie (oder auch zwischen dem empirischen oder Alltags-Klassenbewusstsein auf der einen und dem der Arbeiter-Klasse von Theoretikern und Parteiführern »zugerechneten« oder »zugeschriebenen« Bewusstsein auf der anderen Seite) nannte, führten Geiger wie Fromm auf ungleichzeitige, inerte »Mentalitäten« oder »Sozialcharaktere« zurück, die eine einfache »Übersetzung« der ökonomischen Interessenlage in ihr entsprechende politische Optionen verhinderten. 

Reich hielt die Sexualunterdrückung im Dienst der Klassenherrschaft, die in (patriarchalisch-autoritär strukturierten, Sozial-Charaktere formierenden) Familien bewusstlos praktiziert wurde, für das entscheidende Hindernis einer Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft. Sie lähme die eigentliche »Bewegungskraft der Geschichte«, die »vegetative« oder sexuelle Energie, die »Glückssehnsucht« der Massen. Darum überwiege in deren Mentalität die Angst vor einer Revolution, die Eigeninitiative verlange, den »Umwälzungswunsch«. Fromm nannte das 1941 Die Furcht vor der Freiheit. Die Propaganda der Kommunisten habe die Massen nicht erreicht, weil sie den – im Alltagsbewusstsein zentralen – Wunsch nach sexueller Befreiung ignoriert habe. Hitler hingegen »enthüllte«, ohne recht zu wissen, was er tat, »die soziale Macht der Phantasie«. Die antikapitalistische, vegetativ-kosmische, sexuelle Sehnsucht der Massen habe ihn an die Macht getragen, weil er seiner Gefolgschaft »nationale Freiheit« verhieß, ihr Selbstwert-Gefühl (als »Herrenrasse«) stärkte und sie gegen die »Juden« – als Repräsentanten des Kapitalismus und der Kastrationsdrohung – mobilisierte. »Hitler«, so Reich in seiner politischen Autobiographie Menschen im Staat aus dem Jahr 1938, »befreite [die subjektiv revolutionär aufgewühlten Massen] von der Verantwortung für das eigene Schicksal, das ihnen die deutsche revolutionäre Bewegung auflud. ›Hitler kann alles und macht alles für uns‹, hieß es. Und er konnte alles und tat das Unglaublichste, weil ihm die Angst der Masse vor der Revolution half. Gleichzeitig befriedigte er die revolutionäre, antikapitalistische, sozialistische Sehnsucht der Masse illusionär in der Phantasie.« 

Die Besonderheit der Reichschen Version von Psychoanalyse war zum einen die Fetischisierung der »Genitalität«, zum andern eine Behandlungs-»Technik«, die auf die Durchbrechung der sexualrepressiven Charakter-»Panzerung« zwecks Herstellung von »orgastischer Potenz« zielte. Er schrieb auch, die Freudsche Psychoanalyse und der Faschismus seien Todfeinde und jeder Versuch psychoanalytischer Therapeuten, sich mit den Nazis zu »arrangieren«, komme einem Verrat an der eigenen Sache, der Freudschen Aufklärung, gleich. Die von ihm konzipierte »Sexualökonomie« sollte die Grundlage für eine neuartige »Sexualpolitik« abgeben, die imstande wäre, die Arbeiter-Jugend zu mobilisieren. Die Befreiung der (genital zentrierten, heterosexuellen Sexualität) sollte der Befreiung von Lohnarbeit den Weg bahnen. 

Im sexuellen Bedürfnis – beziehungsweise in der sexuellen Energie, die er später »Orgon«-Energie nannte – sah Reich die eigentliche Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung: Ohne Sexualrepression konnte die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht bestehen; Reformisten und Stalinisten hatten diesen Kern jeder Ausbeutung ignoriert und waren darum gescheitert; der Demagoge Hitler aber hatte instinktiv die Sehnsucht der Massen nach nationaler und sexueller Befreiung erkannt und seine Propaganda darauf abgestellt. Das Hakenkreuz, die Abstraktion eines kopulierenden Paares, sprach die unbewussten Wünsche der Gefolgschaftsmasse eher an als Hammer und Sichel, so Reich im vierten Kapitel seiner Massenpsychologie des Faschismus

Reich wähnte, die NS-Jugend-Organisationen, die den Einfluss der autoritären Familien schwächten und den Jugendlichen eine gewisse sexuelle Freizügigkeit ermöglichten, seien eine »sozialistische« Errungenschaft, die vielleicht sogar zur Überwindung des Faschismus von innen führen könne. Er übersah, dass solche »Freiheiten« – wie andere Privilegien – für »Arier« reserviert waren und dass das totalitäre Regime einen Vernichtungskampf nicht nur gegen interrassische Verbindungen, also »Rassenschande« mit »Untermenschen«, sondern gegen jedwede sexuelle Devianz führte. Sicher war sich Reich, dass die Befreiung der (genitalen) Sexualität mit dem Fortbestand des Kapitalismus inkompatibel sei und die sexuelle Revolution der sozialistischen den Weg bahnen werde. In den höchst entwickelten kapitalistischen Gesellschaften der Nachkriegszeit ist es nach und nach zu einer Reduktion der traditionellen Sexualrepression gekommen. An die Stelle von Verpönung und Pönalisierung ist die Lockerung der Sexualtabus, ja, die Propagierung eines »gesunden Sexuallebens« getreten. In Pseudonatur und Kritik schrieb folgerte der Autor dieser Zeilen vor mehr als 25 Jahren (im Anschluss an Herbert Marcuse): »Der an wirtschaftliche und prokreative Zwecke nicht mehr gebundenen Sexualität [wurde] ein von den Sphären der Arbeit und des politischen Handelns abgeschiedener Naturschutzpark zugewiesen, in dem fast nichts mehr Natur ist, alles Veranstaltung, und dessen Existenz zwar Gesundheitswert hat, für das allgemeine Schicksal von Gesellschaft und Natur aber folgenlos bleibt. Die sexuelle ist nicht nur von den anderen Praktiken isoliert, sondern auch von ihren Sublimationen, von der erotischen Kultur wie von der Aura, die dem verpönten Glück traditionell anhing. Solchermaßen isoliert, verliert sie ihre Bedeutung für die Lebensgeschichte der Individuen wie für die Sozialgeschichte. Die entsublimierte Libido hat ihr subversives Potential eingebüßt; als entgiftete, sterilisierte wird sie dem Kompensationsarsenal der Klassengesellschaft einverleibt«. 

Nach Krieg und Holocaust wollte 1945 im von den Alliierten besetzten Deutschland keiner mehr Nazi sein. Der schuldbeladenen Hitler-Gefolgschaft hatte es die Sprache verschlagen, und sie suchte ihr Heil in der Derealisierung der NS-Ära. So war die »demokratische« Ordnung der beiden deutschen Teilstaaten auf Sand gebaut. Seit deren »Wiedervereinigung« aber drängt der lange verhohlene nationalsozialistische »Untergrund«, bestens konserviert und intergenerationell vermittelt, mit Macht ans Licht. Die Ungleichheits- und Krisenverwalter in Parteien und Staat stehen den Nazis von heute, die keine sein wollen, ratlos gegenüber. Die seit 1945 eingeübte kollektive Amnesie hindert sie, ihren Gegner zu erkennen, geschweige denn, ihn rechtzeitig zu bekämpfen. Dabei gilt 2020, was schon 1930 galt: Gelingt es nicht, die parlamentarische zur Wirtschaftsdemokratie zu erweitern, dann werden die neuen Faschisten die »Abgehängten«, »Zurückgesetzten«, »Verunsicherten« und »Gekränkten« abermals zu einer Gefolgschaft formieren, die Demokratie und Menschenrechten den Garaus macht. In dieser Situation ist es nützlich, Reichs mehr als 80 Jahre alte Massenpsychologie, die soeben erstmals wieder in der Originalversion von 1933 erschienen ist, noch einmal zur Hand zu nehmen. 

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