N°9 KULTUR | 30.08.20

Zur Dialektik eines Klassikers

»Oswald der Montagnard«, vor 200 Jahren geborener Fabrikantensohn aus dem Wuppertal, wird Cotton-Lord, im Nebenberuf Kommunist und Revolutionär. Die Heimatstadt Barmen hat derzeit coronare Schwierigkeiten mit ihrem großen Sohn.

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Von Wolfgang Häusler
Illustration: Christoph Kleinstück

Am 28. November dieses Jahres jährt sich der Geburtstag von Friedrich Engels zum 200. Mal. Beginnend mit dieser Ausgabe erinnert Wolfgang Häusler, emeritierter Universitätsprofessor für Österreichische Geschichte, in einer dreiteiligen Serie an den Mitbegründer des Marxismus.

An der Stelle des bombenzerstörten Geburtshauses von Friedrich Engels in Barmen – der Platz im Bruch heißt heute Engels-Garten – steht ein Gedenkstein für »den großen Sohn unserer Stadt«: »Er ist der Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus.« Im Nachbarhaus, dem älteren Familiensitz von 1775, wuchs er auf. Das Gedenken an seinen 200. Geburtstag am 28. November steht unter keinem guten Stern. Das 1970 in Anwesenheit von Bundeskanzler Willy Brandt eröffnete Historische Zentrum im Engels-Haus, mit dem Museum der Frühindustrialisierung, ist seit 2016 geschlossen. Die Ausstellung, unter dem Motto Denker Macher Wuppertaler und unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet, wurde in der Kunsthalle Barmen vorbereitet, mit Höhepunkten wie Taufkleidchen, Originalseite des Kommunistischen Manifests und Taschenmesser von den Solinger Stahlarbeitern zum 70. Geburtstag. »Ohne Engels kein Marx«, textet das Begleitbuch. Die gleichzeitige Anwesenheit von Besuchern ist auf 25 beschränkt, in den einzelnen Räumen auf sechs, keine Tageskasse, Eintrittskarten nur online! Corona-bedingt ist das 7. Wuppertaler Geschichtsfest auf 2021 verschoben. Auch das moderne Wahrzeichen, die Schwebebahn von 1901 hoch über der Friedrich-Engels-Allee, will es mit neuen Wägen nicht recht funktionieren; derzeit gibts nur Wochenendbetrieb. Zwei Denkmäler prägen den Park: Alfred Hrdlickas gewaltsamer Marmorblock Starke Linke (1981) kontrastiert mit einem konfuzianisch erstarrten, sich den Rauschebart streichenden alten Engels im Gehrock, vier Meter hoch, eine milde Gabe der Volksrepublik China aus dem Jahr 2014. Die Schuhe wurden jüngst rot bemalt. Nebenbei: 1987 erhielt Staatsratsvorsitzender Erich Honecker anlässlich seines Besuchs im Engels-Haus von Udo Lindenberg eine E-Gitarre.

Die zusammenwachsenden Städte Elberfeld und Barmen wurden 1930 zu Wuppertal vereinigt, eine Folge des Wandels im 19. Jahrhundert von der Manufaktur zur Maschinenproduktion. Urgroßvater Johann Kaspar Engels gründete eine Bleicherei (1747) und Spitzenfabrikation und legte sich ein Wappen mit einem »Engel mit silbernem Flügel und goldblondem Haar« zu. Die Engels führten ihre Familie auf Hugenotten zurück und wurden Honoratioren der Stadt. Großvater Kaspar war unter Napoleon Munizipalrat, dann preußischer Stadtrat. Diese politische Konstellation verband Trier und das Wuppertal im Bergischen Land: Marx und Engels haben einen gemeinsamen historischen Hintergrund. Die Revolutionskriege brachten Frankreich das linke Rheinufer, der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 schuf neue Strukturen für das sich seinem Ende zuneigende Heilige Römische Reich. Mit der Erbmasse der geistlichen Kurfürstentümer an Rhein und Mosel konnte Napoleon ungehindert disponieren, durch die Schaffung von (Groß-)Herzogtümern, anachronistischen Kurfürstentümern und neuen Königreichen. Die Engels-Heimat wurde zum Großherzogtum Berg für Schwager Murat, das Königreich Westfalen, erweitert um Hessen, ging an den Kaiserbruder Jérôme, bekannt als König Lustik in Kassel. Das Protektorat Napoleons über den Rheinbund war der Todesstoß für das Alte Reich (1806). Ein Beispiel noch für den radikalen Wandel dieser Zeit: Essen, wo Krupp im 19. Jahrhundert sein Kohle- und Stahlimperium im Ruhrgebiet aufbaute, war das Territorium eines reichsunmittelbaren Äbtissinenstifts.

Schon in der frühen Neuzeit hatte Brandenburg am Rhein Fuß gefasst. Aus dem Jülich-Cleve’schen Erbfolgestreit, der Europa an den Rand eines Krieges mit Heinrich IV. von Frankreich geführt hatte, gewannen die Hohenzollern wichtige Territorien: 1614, im Vertrag von Xanten, erlangte der Kurfürst Cleve, Mark und Ravensberg. Im Wiener Kongress arrondierte Preußen mit Jülich und Berg, Trier und Köln seine ahistorisch benannte Rheinprovinz und Westfalen. Nun hatte der preußische Staat ein festes Standbein am Rhein; als Vermächtnis der napoleonischen Zeit blieb hier der Code civil in Kraft. Mit dieser Westorientierung wuchs Preußen in Deutschland hinein, während Österreich seine niederländische Position und den Komplex der vorderösterreichischen Territorien eingebüßt hatte. Das Rheinland modernisierte sich im Vormärz rasant mit Industrie, Banken und Eisenbahn – noch heute kommt man überraschend unmittelbar am Bahnhof vor dem Kölner Dom an. Der Zollverein zeichnete seit den 1830er Jahren die künftige Einigung unter Preußens Führung vor. 


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