N°12POLITIK | 31.10.19

»Ein kognitiver Schock«

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat mit Crashed. Wie die Finanzkrise die Welt verändert hat die Geschichte der Großen Rezession niedergeschrieben. Ein Gespräch über die neue Architektur des Weltkapitalismus und darüber, was Linke daraus lernen können.

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ADAM TOOZE IM GESPRÄCH MIT SETH ACKERMAN

Seth Ackerman | Du beschreibst die globale Finanz- und Wirtschaftskrise als Moment, in dem große Entscheidungen getroffen werden mussten. Nach dem »Ende der Geschichte« gab es wieder politische Handlungsfähigkeit. Aber diese Handlungsfähigkeit fiel visionslosen Personen zu, die selbst technokratisch denken. Statt Charles De Gaulles oder Franklin D. Roosevelt gab es Angela Merkel und Barack Obama.

Adam Tooze | Es war ein unwahrscheinlicher Zufall, dass ausgerechnet sie die Manager der Krise wurden. Die Europäer waren in den Jahren vor 2008 nicht in der Lage, zu sagen: Die Finanzindustrie hat potenziell explosive Auswirkungen für das Projekt der Eurozone, also brauchen wir eine Bankenunion, und zwar von Anfang an. Sie haben den Finanzsektor nie als einen Bereich gesehen, der historisch vergleichbar ist mit anderen Sektoren des Kapitalismus, wie Kohle und Stahl oder dem Agrarsektor, denen eine gewaltige, explosive, transnationale Krisendynamik innewohnt.


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SA | Warum haben sie das nicht gesehen?

AT | Zum Teil war es die Unfähigkeit des neoliberalen Denkens. Sie haben das Ausmaß der europäischen Integration nicht verstanden. Sie dachten nicht, dass europäische Banken so gefährlich werden konnten, wie sie es wurden. Sie verstanden nicht, dass die Europäer durch und durch finanzialisiert waren und zwar noch mehr als die Vereinigten Staaten. Ich glaube auch, dass es eine schicksalshafte Fügung war, dass das Scheitern der Schaffung eines Europäischen Staates 2005 und die Wirtschaftskrise 2008 zusammengefallen sind. 2005 begann der Beitrittsprozess der Türkei zu stottern und die geplante Europäische Verfassung scheiterte. Dadurch verfestigte sich eine sehr beschränkte, nationalstaatliche Vorstellung davon, was die EU sein könnte. Just in dem Moment, als die finanzielle Integration explodierte, eine transatlantische Dimension annahm und die europäischen Banken komplett in diesen Prozess hineingezogen wurden.

SA | Der Grund für das Scheitern der Referenden zur europäischen Verfassung 2005 war aus meiner Sicht mangelnde Legitimität. Die Wähler hatten das Gefühl, dass die europäische Integration ein Rammbock war, der eingesetzt wurde, um ihren Lebensstandard zu reduzieren.

AT | Sicherlich, und das dauert bis heute an. Es ist unglaublich, dass die Europäische Zentralbank kein Mandat hat, sich um Beschäftigung zu kümmern. Sogar die US-Noten- bank, das Zentrum des globalen Finanzsystems, hat das. Ihr Chef Ben Bernanke sagte es frei heraus: »Ich werde keine Zinsen senken, solange die Arbeitslosigkeit nicht unter sechs Prozent gefallen ist.« Wenn die Eurozone diese Art von Management gehabt hätte – und das ist wirklich kein revolutionäres Projekt – hätte das einen substanziellen Unterschied gemacht. Es hätte gezeigt, dass die Europäische Zentralbank nicht nur dafür da ist, Banken zu retten und die Inflation auf null zu halten, sondern dafür, Generationen von jungen Menschen in Europa dabei zu helfen, einen Job zu finden. Die Unfähigkeit der europäischen Eliten, die grundlegende Logik von Hegemonie zu verstehen – dass du der Bevölkerung tatsächliche Zugeständnisse machen musst – ist wirklich unglaublich.Vielleicht sah man die außergewöhnliche Entwicklung in Deutschland, das seine politische Ökonomie zwischen den späten 1970er und den frühen 2000er Jahren völlig umgedreht hat, als beispielhaft dafür an, dass man auch ohne Zugeständnisse durchkommen kann. Aber die Wahrheit ist: Man kann eben nicht damit durchkommen. In Deutschland hat die SPD dafür politisch mit ihrem Leben bezahlt, sie wird sich davon nie erholen.

SA | Was kann man heute politisch aus der Beschäftigung mit der Eurokrise lernen?

AT | Was wir 2008 und danach gesehen haben, ist, dass eine aktive Zentralbank im Prinzip machen kann, was sie will. Du kannst deinen Einsatz verdoppeln. Du kannst Schulden machen wie im Zweiten Weltkrieg. Solange du eine aktive Zentralbank hast, die den Finanzsektor eindämmt, gibt es nichts, was du nicht tun kannst. Du brauchst nur eine Zentralbank, die bereit ist, dem Finanzkapital zu sagen: Sorry, wir überfluten jetzt den Markt mit Geld. Was soll passieren? Unsere Währung wird abgewertet? Verklag mich doch! Dann werden eben unsere Exporte billiger. In der Eurozone gibt es Investoren, die operieren wie guatemaltekische Todesschwadronen. Sie disziplinieren und bestrafen Staaten – und die EZB unter Jean-Claude Trichet und Mario Draghi sagt dann dem jeweiligen Land: »Weißt du, wenn wir da nicht so genau hinschauen, dann wird das ziemlich hart für euch.« Sie setzen die Investoren für ihre politischen Ziele ein, um strukturelle Veränderungen in der Finanzpolitik der Staaten oder neue Fiskalregeln einzuführen. Was sie aber nicht verstehen, ist, dass du dann auch eine aktive Zentralbank brauchst, um den Schock abzumildern.

SA | Das letztendliche politische Ziel ist es aber, die Finanzpolitik dieser Länder zu verändern?

AT | Das Ziel ist, den europäischen Wohlfahrtsstaat zurückzubauen, um ihn fit zu machen für den internationalen Wettbewerb. Es ist Teil des umfassenden Projekts, die Balance zwischen Arbeit und Kapital zugunsten des Kapitals zu verschieben. In Deutschland etwa gab es die drastischste Verschiebung dieser Balance.

SA | Und das wurde von Sozialdemokraten gemacht.

AT | Exakt. Und unter Mitwirkung der großen Gewerkschaften.

SA | Du argumentierst, dass es China mit Kapitalkontrollen und anderen zentralisierten ökonomischen Eingriffen gelungen ist, nach der Krise Stabilität herzustellen. Trotzdem hat sich dieses Vorgehen nicht als alternatives Modell für andere Länder durchgesetzt.

AT | Chinas Ansatz ist ein neues altes Modell: Kapitalkontrollen, Regulierung von Banken, Eindämmung des Finanzsektors. Wir haben 2015 und 2016 gesehen, dass der Westen davon abhängig ist, dass China diesen Ansatz verfolgt. China ist für 30 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums verantwortlich – so viel wie die USA und Europa zusammen. Aber es ist nur stabil, weil es diese Mechanismen erfolgreich einsetzen kann. Sollte China wie wir werden, dann ist es damit vorbei.

SA | Das ist doch ein gigantischer Widerspruch. Die globalen Eliten setzen weiter auf die Ideologie der neoliberalen finanziellen Globalisierung. Aber sie sind darauf angewiesen, dass China das tut, was sie selbst verteufeln.

AT | Eine Währungspolitik, die von der quantitativen Lockerung, also der Ausweitung der Geldbasis durch Zentralbanken, die Wertpapiere aufkaufen, angetrieben wird, ist etwas völlig Neues. Es ist historisch. Wir wissen jetzt, was Zentralbanken alles tun können – mit Auswirkungen auf das gesamte Finanzsystem. Man muss kein hysterischer Wall-Street-Banker sein, um zu denken, dass wir es mit einer fundamentalen Veränderung in der Organisation der Kapitalmärkte zu tun haben. In Japan besitzt die Zentralbank inzwischen große Teile des Aktienmarktes, weil sie börsengehandelte Fonds aufkauft.

SA | Wenn ein sozialdemokratischer Politiker wie Jeremy Corbyn so etwas vorschlägt, ist der Aufschrei groß.

AT | Corbyns Schatten-Finanzminister John McDonnell hat ja eine »Quantitative Lockerung für das Volk« gefordert, also dass die Bank of England Geldschöpfung betreiben soll, um damit etwa öffentlichen Wohnbau und Transport zu finanzieren. Der Aufschrei war gar nicht so groß. Niemand kann heute mehr sagen, dass es das nicht geben kann. Weil es – für andere Zwecke – eben schon gemacht wurde. Wir sind nicht mehr in den 1980er Jahren.

SA | Wenn sie praktisch umgesetzt werden, wird das anders aussehen.

AT | Klar wird es Widerstand geben. Aber auf der Ebene der Ideen, im Entstehen neuer Modelle hat sich etwas verändert. Die neoliberale Behauptung »Es gibt keine Alternative« ist aufgebrochen. Aber es ist noch nichts Neues an ihre Stelle getreten. Die Finanzkrise war ein kognitiver Schock. Es war eine Krise der Makroökonomie. Wir brauchen eine neue Denkweise und die Krise hat sie hervorgebracht. Es gibt dafür noch kein Label und es ist noch unklar, in welche politische Richtung das geht. Aber hier wird gerade die grundlegende Architektur des globalen Kapitalismus neu gedacht.

Adam Tooze ist Professor für Geschichte an der Columbia University New York. Das Interview, welches Seth Ackerman mit ihm geführt hat ist in voller Länge in der US-amerikanischen Zeitschrift Jacobin erschienen. Aus dem Englischen von Benjamin Opratko.

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