N°12 | REZENSIONEN  | 31.10.19

Hüterin der Erinnerung

________________________

VON JENS KASTNER

Enzo Traverso

LINKE MELANCHOLIE
Über die Stärke einer verborgenen Tradition
Unrast, 2019, 296 Seiten
EUR 20,40 (AT), EUR 19,80 (DE),
CHF 28,90 (CH)



WÖRTER: 308

LESEZEIT : 2 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter:


Es ist ein melancholisches Buch, das der Historiker Enzo Traverso über linke Melancholie geschrieben hat. Aber nicht depressive Verstimmungen durchziehen die gesammelten Aufsätze, sondern es ist der stete Versuch, der Melancholie eine kämpferische Seite abzugewinnen, der Traversos Texte durchzieht. Der Zusammenbruch des Staatssozialismus vor 30 Jahren, die »Niederlagen von 1989«, wird dabei zum Dreh- und Angelpunkt von systematischen Gedanken zur Rolle von Erinnerung in der Geschichte der Linken. Die Melancholie unterhalte eine besondere Beziehung zur Erinnerung, sie sei »ihr Vehikel, ihr Träger, ihr Hüter«. In den fortschrittsgläubigen Erzählungen der Linken aber hatte das Nachsinnen über Scheitern und Niederlagen wenig Raum. Es ist eine »verborgene Tradition«, die Traverso ausgraben und fruchtbar machen möchte für kommende Kämpfe. Dazu taucht er ein in die künstlerische Moderne, in postkoloniales Filmen und in die Frage nach Rolle und Bedeutung von Geschichte und Erinnerung in der marxistischen Theorie.

In den Filmen von Chris Marker, Carmen Castillo und Ken Loach sieht
er Beispiele einer »melancholische[n] Kunst«. Sie feiern nicht mehr Stärke und Siege der Linken, sondern helfen, ihre Niederlagen, Versäumnisse und ihr Scheitern zu bearbeiten. Insofern zeigt Traverso auch auf, wie und inwiefern Filme »die mentale und emotionale Landschaft der Linken« gleichermaßen abbilden und gestalten können.

All die Beispiele stützen sein Plädoyer für das Bergen der verborgenen Tradition. Dann aber fällt das Buch leider auseinander, aus der vielschichtigen aber konkreten Beschäftigung mit der Melancholie wird die relativ beliebige Vielfalt einer Aufsatzsammlung. Ohne Zweifel enthält etwa der Text über die Bohème interessante Gedanken zum Verhältnis von Lebensstil und Politik, die Frage der Melancholie wird darin aber nicht einmal gestreift. Auch Traversos Interpretationen des Briefwechsels zwischen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin oder der Benjamin-Lektüre Daniel Bensaids sind zweifelsohne gehaltvoll. Aber inwiefern die Melancholie mit »Hoffnungen, Utopien und Revolutionen« verbunden ist, bleibt eher Ahnung als bewiesen. Vielleicht aber ist gerade das der melancholische Kern dieses schönen Buches.

Lost your password? Please enter your username or email address. You will receive a link to create a new password via email.
We do not share your personal details with anyone.