N°12REZENSIONEN | 31.10.19

Franz Marek – Ein Leben im »Aktiv«

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VON DAVID MAYER

Maximilian Graf, Sarah Knoll, Ina Markova, Karlo Ruzicic-Kessler FRANZ MAREK
Ein europäischer Marxist

Mandelbaum, 2019, 328 Seiten EUR 15,00 (AT), EUR 15,00 (DE), CHF 35,90 (CH)


Es ist ein willkommener Zufall: Just wenige Wochen vor dem Erscheinen dieser TAGEBUCH-Ausgabe ist im Wiener Mandelbaum Verlag eine erste Biografie Franz Mareks (1913–1979) erschienen – des kommunistischen Aktivisten, Widerstandkämpfers, Parteifunktionärs, später innerparteilichen Kritikers sowie über all diese Rollen hinweg regen Publizisten, der 1970 aus der KPÖ ausgeschlossen wurde. Bis zu seinem Tod 1979 wirkte er als Chefredakteur maßgeblich daran mit, das Wiener Tagebuch zu einem erhöhten publizistischen Versammlungsort für linke Debatten in Österreich zu machen.

Mareks Leben war von einer hier kaum darstellbaren Kette von politischen Ereignissen bestimmt, von seinen unterschiedlichen biografischen Gesichtern trugen fast alle Narben, manche stolz, andere entstellend. Es scheint daher auf den ersten Blick nur passend dass diese Biografie als Wagnis gestaltet ist – ein Text zwischen Forschungsarbeit und Lebensdarstellung für ein breiteres Lesepublikum, ein Buch, das gleich vier Zeithistorikerinnen als Autorinnen hat.

Das Autorenkollektiv ist weite Wege in verschiedene Archive gegangen. Das dabei Zusammengetragene wird behände in einen politischen Kontext gestellt. Irritierend: Für die Jahre des Austrofaschismus wird durchgehend die Bezeichnung »Dollfuß-Schuschnigg-Regime« verwendet. Hier hat jemand offenbar einen mutlosen Kompromiss mit einem neuen Konsens verwechselt. Was derweil gut gelingt, ist die Darstellung des Stalinisten Marek, der in den Nachkriegsjahren alle politischen Wendungen mitmachte, ja sie oft als vorderster Übersetzer in die Parteiöffentlichkeit trug. Man verfolgt den quälend langsamen Prozess, in dem sich durch viele politische Hammerschläge in Marek Zweifel und Kritik an der offiziellen kommunistischen Politik formten. Und man »glaubt« Marek seine biografische Wandlung vom loyalen Funktionär zum ökumenischen Linken eurokommunistischer Orientierung – weil auch Menschen mit einer Neigung zu Nuance und Debatte einer größeren Sache wegen diese Neigung bisweilen tilgen können. Zugleich zeigt der Text einige der Schwächen der deutschsprachigen Zeitgeschichtsforschung: Fragen und intellektuelle Probleme gibt es kaum, das Vergangene hat sich aus den Fakten zu erschließen, an Sprache und Erzählform bleibt man wenig interessiert, obwohl sowohl das Genre Biografie als auch kollektive Autorenschaft darauf drängen würden. Das Panorama zu den Jahren um 1968 vermittelt die Unruhe und Bewegung dieser Zeit lebendig, aber dissidente Kommunismen und eine breitere Geschichte der »Linken« tauchen erst im Kontext Mareks eigener Dissidenz auf. Und bis zum Schluss bleibt unklar, wie sich der Untertitel Ein europäischer Marxist rechtfertigt. Einige Details sind farbkräftig: So der Hinweis, dass Rudi-Marek Dutschke, zweiter Sohn der bekannten Führungsfigur der deutschen Studentenbewegung, seinen zweiten Rufnamen als Referenz an Franz Marek erhielt. Hier, wie an vielen anderen Stellen, zeigt die Biografie die Stärken einer professionellen Abwägungskultur: Zwischen Franz Marek und Rudi Dutschke gab es offenbar eine Zeit lang Kontakte – für sich genommen schon eine überraschende Verbindung innerhalb eines diversen linken Milieus im deutschen Sprachraum seit Ende der 1960er Jahre. Ein wirklich inhaltlicher Austausch lässt sich aber nur vermuten, nicht schlüssig zeigen. Eine wichtige und lesenswerte Biografie über ein Leben im »Aktiv«, die leider fachtypisch oft im »Deskriptiv« verharrt, den Lesenden zugleich aber den in Biografien häufigen »Suggestiv« erspart.