N°12 | REZENSIONEN | 31.10.19

T wie Tränen

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VON NADINE KEGELE

Ilma Rakusa

MEIN ALPHABET

Droschl, 2019, 312 Seiten
EUR 23,00 (AT), EUR 21,50 (DE), CHF 33,50 (CH)

Auch Bücher haben Grenzen, wie Länder: gemacht, veränderbar. Die Grenze von Ilma RakusasWörter-Buch Mein Alphabet ist ihre Welt. Die Literaturwissenschaftlerin, -kritikerin, -übersetzerin und Schriftstellerin erinnert in Kurzprosa-, Interview- und Gedicht-Passagen Erlebtes, Erlerntes sowie Gefährten und Gefährtinnen aus ihrem bunten (während Migräne tagelang dunklen) Leben.Die »Erinnerung faltet sich aus« über Zeit (Kindheit, Studienjahre, Altern) und Raum (Ungarn, Italien, Slowakei, Russland, die eine und andere Wüste). Rakusa teilt einiges mit der Leserin. Die Fülle an Gedanken einer Belesenen: inklusive das ABC der kanonisierten Weltliteratur. Der mitunter kulturpessimistische Blick auf die Gegenwart: Jugendliche fänden es »cool, Kippen und Abfall« auf der Straße zu entsorgen, soziale Medien sorgten für eine »Verrohung der Sitten und der Sprache«. Banales wie Frühstücksrituale: Naturjoghurt, Banane, Tee, Zeitung. Besonderes wie die eigene Poetik: die »Dringlichkeit« und das »Gute, Wahre und Schöne«. Was jedoch nicht heiße, dass ihr Schreiben »explizite Ziele verfolgt, geschweige denn einem ›sozialen Auftrag‹ gehorcht«. Vielmehr erfährt der Leser in K wie Kleidung, dass Rakusa Röcke von Yamamoto liebt und echte Eleganz mit Stil korrespondiere, »mit Geld« habe »das eher wenig zu tun, nicht nur das Teure trägt zu Stil bei. Hingegen ein gewisser Geschmack.« Statt G wie Geld also über G wie Geschmack sprechen? (Der nach Pierre Bourdieu Teil des Habitus ist, und Habitus klassifiziert.)

Was jedoch nicht heiße, dass ihr Schreiben »explizite Ziele verfolgt, geschweige denn einem ›sozialen Auftrag‹ gehorcht«. Vielmehr erfährt der Leser in K wie Kleidung, dass Rakusa Röcke von Yamamoto liebt und echte Eleganz mit Stil korrespondiere, »mit Geld« habe »das eher wenig zu tun, nicht nur das Teure trägt zu Stil bei. Hingegen ein gewisser Geschmack.« Statt G wie Geld also über G wie Geschmack sprechen? (Der nach Pierre Bourdieu Teil des Habitus ist, und Habitus klassifiziert.)

Wer im literarischen Gegenüber von Mein Alphabet sich selbst erkennt, wird sich über die Spiegelung freuen. Wer nicht, wird S wie Soziales vermissen. Doch Schnittstellen der Poesie gibt es; hat Poesie doch das Zeug zu berühren – egal welche (Herkunfts-)Erfahrungen man besitzt. Und auch manche Weisheit wird grenzüberschreitend wirken. T wie Tränen: »Sie zulassen. Sich ausweinen.« Und: »Weinende Kinderunbedingt trösten.« Dass Anführungszeichen den »Mohrenkopf« nicht seiner Etymologie entheben und »Jedem das Seine« als Kommentar zur Vielzahl an modernen Joghurtvarianten irritiert, sei angemerkt, bevor mit etwas Gutem, Wahrem, Schönem geschlossen wird. H wie Haut: »Ich möchte um nichts in der Welt dickhäutig sein.«

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