N°12 | DEBATTE | 31.10.19

Un grande buffone

Sein ganzer Habitus war zutiefst kleinbürgerlich, der eines gut gekampelten, unsicheren Strebers. Nach Ibiza- und Spesenskandal ist Heinz-Christian Strache nun endgültig Geschichte.

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VON RICHARD SCHUBERTH


Der Neonazi Gottfried Küssel nahm Heinz-Christian Strache nicht nur nicht für voll, er hat ihn auch durchschaut. Strache, so Küssel, habe »nie unsere Blutgruppe gehabt«, aber »im stillen Kämmerlein« habe er »den großen Nationalsozialisten gespielt«.


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Wer das als ideologische Entlastung des gestürzten FPÖ-Obmannes
in den Zeugenstand rufen will, verkennt den genuin österreichischen Aggregatszustand rechter Gesinnung. Hier gibt es keine authentischen Nazis, weil es keine Authentizität gibt, im postmodernen Freiluftlabor namens Österreich. Niemand, der wie ein Nazi handelt, wie ein Nazi denkt und wie ein Nazi fühlt, will einer sein. Wie Quecksilber geht die rechte Jauche hoch, zerrinnt und fließt an anderer Stelle wieder zusammen. Ein Prachtexemplar dieser austriakischen Posse war Heinz-Christian Strache.

Wird er uns fehlen? Beim Blick auf den eiskalten Engel Kickl und und den engelhaften Eiszapfen Hofer wird man sich eingestehen müssen, zumindest einen begnadeten Komiker verloren zu haben. Der Faschismus- und Populis- mustheorie hatte Strache (im Gegensatz zu Jörg Haider) wenig hinzuzufügen, er interessiert als Psychogramm, das ihn und eine ganze Generation junger FPÖ-Pimpfe zu einer projektiven Einheit verschmolz, deren Hordenführer er war. Zu Beginn seiner Karriere bezeichnete ich ihn einmal als »Peter Alexander des rechten Ressentiments«. Denn früh zeigte sich hinter seiner glutäugigen Dobermannattitüde das wienerisch Unernste, Schusselige, nach allseitiger Anerkennung Gierende, sein ganzer Habitus war zutiefst kleinbürgerlich, der eines gut gekampelten, unsicheren Strebers. So sehr er mit dem proletarischen Erdberger Umfeld prahlte, in dem er aufwuchs, er ist ein Kind des abgesunkenen Mittelstandes. Volks- und Hauptschule führten ihn durch den Spießrutenlauf katholischer Erziehung.

»WITZFIGUREN SIND ZUMINDEST LUSTIGE KERLCHEN. DIE MATA- DORE, WELCHE WIRKLICH ZUSTECHEN, KOMMEN ERST.«

Auch das Milieu der Wehrsportgruppen war keines, das Arbeiterkinder anzog, sondern seelisch verwaistes und verrohtes Kleinbürgertum; die schla- genden Burschenschaften indes waren dem gelernten Zahntechniker ohne Matura Sehnsuchtsorte homophiler Ge- borgenheit und elitären Bewusstseins. In Strache konservierte sich die puber- täre Phase, da er noch kein Rechter war, sondern in deren Ideologie reinwuchs, als Mittel zum Zweck, überhaupt ein- mal wer zu sein. Erst die Camouflage von weltanschaulicher Authentizität verband ihn mit den gleichgearteten juvenilen Fans. Doch mehr noch war es dieses Eiern, Schwanken und Wabern, das diese instinktiv an ihn band, die tägliche durch Angriff sich überwinden müssende Verhaltensunsicherheit, die zutiefst fragile Männlichkeit, die sich ständig als ganzer Kerl zusammenreißen muss. Straches unreife Bewunderung für serbische und russische Machos, Warlords, Mafiosi, Oligarchen war durchaus echt, mehr als nur Anbiedern an ein migrantisches Wählersegment; und die Liebe wechselseitig.

Dass der Cavaliere zudem ein korrupter Gauner und Abzocker ist, wäre im Wertekodex seines Umfeldes der geringste Makel: Die Verquickung von sich als neue Ordnung aufspielendem Zivilisationsbruch, Halbwelt und Plünderökonomie gehört zum guten rechten Ton, der stets nur die misstönende Parodie der subtileren Korruption arrivierter Eliten durch das prollige Personal auf der Abbruchkante des Mittelstandes darstellt.

Nein, die größte Gefahr für seine Partei, die größte Enttäuschung für seine Follower war seine militante Verbindlichkeit, die Kreide, die Kurz ihn fütterte und nach der er japste wie ein Hündchen, sein narzisstischer Hang zu allseits bewunderter Staatsmännischkeit, der ihm von den Bannerträgern der rechtsnationalen Halberektion als Impotenz ausgelegt worden wäre. Über gefrorenen Schlamm geht sich’s leichter, werden seine frostigen Nach- folger mit Ernst Jünger sagen, Strache planschte zu sehr in handwarmem Schlamm. Witzfiguren sind zumindest lustige Kerlchen – wer Strache als das Nonplusultra rechter Bösartigkeit wer- ten will, wird einsehen müssen, dass er nur den Clown in der Corrida gab. Die Matadore, welche wirklich zustechen, kommen erst.

Richard Schuberth lebt und arbeitet als freier Autor in Wien.

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