N°11 | POLITIK | 03.11.21

Am Haken

Wie kann es sein, dass Menschen, die seit jeher vom Fischen leben, selbst nie Fisch auf den Teller bekommen? Eine Reportage aus Pakistan.

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VON ALIZEH KOHARI

Alizeh Kohari lebt und arbeitet als Journalistin in Karachi und Mexiko-Stadt und veröffentlicht regelmäßig in Harper’s, Wired und Caravan. Dieser Beitrag ist ursprünglich im Magazin The Baffler erschienen. Aus dem amerikanischen Englisch von Jana Volkmann.

Illustration: Lea Berndorfer

Die ganze Nacht war ein zorniger, unzeitgemäßer Regen von einem wankelmütigen Himmel gefallen. Gott hat den Maßstab verloren, sagte man, wie ein Busfahrer, der auf einem Highway dahinkriecht, aber auf einer Straße voll Schlaglöcher Gas gibt. Am Morgen hatte es aufgeklart. Der angeschwollene Fluss strudelte unter der Brücke.

Dort stand ein gutes Dutzend Fischer. Die Netze breiteten sich unendlich weit aus wie ein Taschentuch aus der Brusttasche eines Zauberers. Die Fischer spannten sie quer über den Kanal. Dann hieß es warten. In der Nähe des Schlammabscheiders zu fischen, verstößt gegen das Gesetz. Genau wie vieles andere.

Von der Brücke aus beobachtete jemand die Fischer. Minuten gingen ins Land, dann regten sich die Männer im Wasser wieder. »Männer« ist im Grunde der falsche Ausdruck: Viele waren noch Kinder, halfen ihren Vätern, Großvätern oder Onkeln. Im April, gen Ende der Saison, wimmelte es zumeist vor jhalli, einem kleinen und unbeliebten Fisch: zu viele Gräten, die entweder spitz im Hals kratzen oder kitzeln wie Federn.

Wahrscheinlich sind jene jhalli dem Tod auf ihrem Weg schon ein paarmal von der Schippe gesprungen. Je nach Ausgangspunkt ihrer Reise haben sie den Sturz vom Tarbela-Staudamm überlebt, sind an den beweglichen Toren mehrerer Schleusen vorbeigeschlingert oder größeren Fischen entwischt.

Konnten jhalli der losen Umarmung der ersten Netze entwischen, trafen sie schnell auf weitere: Am Lauf des Indus, dieses Wasserschnörkels, der erst südwärts fließt, dann nach Westen abbiegt und schließlich wieder in den Süden, hockten Männer und Frauen auf Booten und am Wasser vor ausgeworfenen Netzen.

Die Fischer klaubten Fische aus den Netzen. Die Jungen knieten im Wasser und tasteten mit den Händen an den Rändern des Kanals entlang, unter Steinen und in Spalten. Mehr Fische, mehr Geld. Währenddessen beobachtete der Mann auf der Brücke das Geschehen. Manche Netze sieht man sofort, andere nicht.


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