6 | POLITIK | 01.06.21

Arbeit verbindet

Klasse vs. Identität – die seit Jahren schwelende Debatte hat mit Sahra Wagenknechts Buch Die Selbstgerechten eine neue, besonders polemische Aktualität erhalten. Eine Möglichkeit, die Frontstellung aufzulösen, könnte in einer Übersetzung des Begriffs »Klasse« liegen. 

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VON DAVID MAYER

David Mayer ist Redakteur des TAGEBUCH.

Illustration: Lea Berndorfer



Die heftige Auseinandersetzung in Deutschland um Sahra Wagenknechts neues Buch Die Selbstgerechten ist die nächste Runde in der sich zunehmend verbitternden Frontstellung zwischen kaum noch vereinbaren Ausrichtungen fortschrittlichen Sinnens. Und während man nun textlogisch genau an dieser Stelle lesen müsste, wie diese beiden Ausrichtungen heißen, empfiehlt es sich, kurz innezuhalten und zwei Verrückungen zu platzieren: Erstens, dass die im größten deutschsprachigen Land, gerade in der Partei Die Linke, geführte Debatte aus der Außenperspektive fast beneidenswert ist – es geht um grundsätzliche wie wichtige Fragen politischer Orientierung, die im rot-weiß-roten Hierorts auf großer Bühne nicht zu finden sind. Die in Deutschland in die Diskussion gebrachten »Normalen« sind in Österreich so normal, dass sie nicht einmal mehr benannt werden müssen. Zweitens, ohne disclaimer geht gar nichts. Wenn man den Streit mit »Klasse vs. Identität« auf den Punkt bringt, so tut man sich damit keinen Gefallen, denn – das ist den meisten Involvierten letztlich klar – wäre es so einfach, wäre alles viel einfacher.

Sahra Wagenknecht weiß, wen sie nicht mag: die von ihr als solche punzierten »Lifestyle-Linken«, die, urban und gebildet, gegen Ungleichheiten vor allem in Bezug auf Geschlecht, race und sexuelle Orientierung ins Feld ziehen und die angeblich grundlegenden sozialen Verwerfungen zwischen oben und unten nicht mehr beachten. Und sie weiß, wie sie diese Akteure reizen kann, nämlich indem sie sie – soweit sie politisch artikulationsmächtige Fürsprecherinnen ihrer jeweiligen Sache sind – als (relativ) Privilegierte ausweist. So what? Blendet man bei der Lektüre ihres Buches die bisweilen dreisten polemischen Stellen aus, so ergibt sich ein zumindest streckenweise stichhaltig argumentierter Text zu den Verwüstungen, die in Deutschland die drei Jahrzehnte währende Kombination aus neoliberaler Kürzungspolitik, Wiedervereinigung mit Ostverödung, Hartz IV und Exportweltmeisterschaft hinterlassen haben. Dann ließe sich auch trefflich über anderes streiten, etwa über die notorische Koketterie mit rassistischen Haltungen, die uninspirierte Nostalgie für die Erhard-Jahre oder die eigentümlich gezogene Trennlinie zwischen guter produzierender Industrie und habgierigen Finanzjongleuren.

Natürlich ist die jetzige Diskussion nur die aktuellste Erscheinungsform einer innerlinken Schürfstelle, die es schon sehr lange gibt, die aber seit den 1990er Jahren zur Wunde wurde, die chronisch nässt. Gemeint sind das Abgehen von »Klasse« und die Verschiebung zu »Identitäten« wie Geschlecht, race oder sexuelle Orientierung sowie das Aufweisen von »Intersektionalität« (also die Tatsache, dass man nie nur einer oder eine ist, immer auch vergeschlechtlicht, verhautfarbt und sexuell »orientiert« in der Gesellschaft existiert). Ein Narr, wer in solchen Anliegen nur Nebenschauplätze oder Themen von Minderheiten sähe. Es wäre aber auch eine Närrin, wer nicht sieht, dass diese Verschiebung nicht Ergebnis eines Aufbruchs, sondern der mit der Chiffre »1989« umrissenen Niederlage der Linken und des seitdem sprungartig unausgewogeneren Kräfteverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit ist. In der Vogelperspektive wird eine widersprüchliche Doppelbewegung deutlich: Selten zuvor hat es eine derartige Zunahme von Ungleichheit gegeben wie seit 1990, zumindest in den Zentren des Kapitalismus – eine Fünf-Minuten-Zusammenfassung von Thomas Piketty genügt, um das Ausmaß dieser Entwicklung zu erkennen. Das heißt auch: So schwach und in die Defensive gedrückt war die Linke, in welcher Variante auch immer, seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert nicht. Zugleich aber sind noch nie derartig viele Gleichheitsforderungen hörbar und Unterdrückungslagen aufgezeigt, manchmal für verschiedene Gruppen sogar gemildert worden. Auch wenn die Fortschritte dabei gesellschaftlich und im Ländervergleich denkbar ungleich verteilt sind, manche Errungenschaften waren bemerkenswert.

Diese Doppelbewegung hängt zusammen – und zwar nicht im Sinne einer Verschwörung selbstgerechter akademischer Linker, die angeblich nur noch über sich, aber nicht mehr über die Welt sprechen wollen. Der Zusammenhang liegt in der eigentümlichen doppelten Dynamik kapitalistischer Entwicklung begründet: Diese drängt einerseits zur Vereinheitlichung und Homogenisierung. »Und die gleiche Exploitation der Arbeitskraft ist das erste Menschenrecht des Kapitals«, heißt es bei Marx in Band 1 des Kapital – zu Ende gedacht, würde ein laborreiner Kapitalismus irgendwann zu einer Welt mit global einheitlichen (also einheitlich niedrigen) Arbeits- und Lohnbedingungen führen. Wenn sich seit 1990 Kapitallogiken so frei entfalten können wie seit hundert Jahren nicht, dann hat dies auch Raum für diese »Gleichheitspulsation« geschaffen. Zugleich ist mit dem Kapitalismus die Schaffung und Zementierung von Differenzen aller Art auf engste verbunden – am unmittelbarsten im Nebeneinander von Lohnarbeit und Sklaverei (die historisch ihren Höhepunkt nicht in grauer Vorzeit, sondern im 19. Jahrhundert, also im Zeitalter der Industriellen Revolution hatte). Die Maschine lief und läuft noch immer mit tausendfach abgestuften Unterschieden: zwischen Männern und Frauen, In- und Ausländern, Kolonialherren und Kolonisierten, Alten und Jungen. Diese Unterschiede – hergestellt durch »Tradition«, Gesetz oder bloße Gewalt – ermöglichten und ermöglichen es, Arbeit dort zu erzwingen, wo sie unter Marktbedingungen niemand leisten wollte, die für alles Leben fundamentale Reproduktionsarbeit unbezahlt außer Markt zu lassen oder einfach nur einen nach Status (und damit Löhnen) differenzierten Arbeitsmarkt herzustellen.

Wenn etwas »selbstgerecht« an jenen Linken ist, die als ihre vornehmste Aufgabe eine identitäre Orientierung, also eine Stärkung von Gruppen mit spezifischen Unterdrückungserfahrungen betrachten, dann ist es das unter ihnen verbreitete Narrativ über die eigene Entstehung. Sie sehen sich als historische Antwort auf eine die längste Zeit auf »Klasse« verengte Linke, die zwar die ganze Menschheit angerufen, aber letztlich nur weiße Männer in den Fabriken des globalen Nordens effektiv vertreten habe. Und dies auch noch mit der metaphorischen Krücke von Haupt- und Nebenwiderspruch legimitierte. Nicht dass eine solche Erzählung zur Geschichte der Linken völlig aus der Luft gegriffen wäre – es gab einen Grund, warum sich, um nur ein Beispiel zu nennen, nach der Erfahrung von 1968 eine autonome Frauenbewegung herausbildete. Aber sie geht auch mit einem Willen zur Lücke darüber hinweg, in welchem Maße die Arbeiterbewegungen seit ihrer Entstehung zur intellektuellen wie politisch praktischen Brennlinse für alle denkbaren Unterdrückungslagen wurden. Gern markiert mit »Frage« – die »nationale«, die »koloniale«, die »Frauenfrage« etc. –, gehörten ethnisierte, rassialisierte und vergeschlechtliche Unterdrückung seit dem 19. Jahrhundert zum Repertoire der klassischen Linken (was nicht heißt, dass die jeweiligen Antworten aus heutiger Sicht genügen könnten; gleichwenig, dass nicht auch innerhalb der Linken dieselben Unterdrückungsmechanismen reproduziert worden wären). In den Zentren kapitalistischer Entwicklung waren die Arbeiterbewegungen auch immer Konglomerate von regional ausgeprägten Identitäten; man denke nur an die deutsche Sozialdemokratie, die sich dieses Identitätsankers stark bediente. Und die größten Umwälzungen für Bauern und Bäuerinnen vollzogen sich im 20. Jahrhundert unter dem Einfluss linker Bewegungen. In ihren dynamischsten Zeiten bildeten große linke Formationen breite Allianzen verschiedener identitärer Lagen – mit ein Grund, warum die 1920er Jahre immer wieder als historische Erfahrungsfolie herangezogen werden (und damit sind beileibe nicht nur die Kommunismen unter unmittelbarem Einfluss der Oktoberrevolution gemeint). Wenn heute von »neuer« und »verbindender« Klassenpolitik die Rede ist, dann kann diese auf viele Vorläufer zurückgreifen.

Wer indes »Klasse« als verbindende politische Achse wieder ins Spiel bringt, der oder die triggert Abwehrreflexe bei jenen, die Identitätspolitik als die wichtigste Emanzipation von früherer Selbstbeschränkung erachten. Schnell ist der Verdacht zur Hand, es handle sich um einen rhetorischen Schafspelz für den Wolf von Haupt- und Nebenwiderspruch. Wird da nicht wieder eine spezifische Lage, nämlich jene in der Arbeitswelt (und die damit verbundenen Identitäten) über die anderen erhoben? Hier liegt ein Missverständnis zu »Klasse« vor – ein Missverständnis, das in gewissem Sinne unvermeidlich ist. Denn »Klasse« ist ein vielgestaltiger Begriff, der schon bei Marx zwischen verschiedenen Ebenen von Abstraktion schwang (wie unterschiedlich die Interpretationen des Begriffs in der Geschichte der Linken ausfielen, illustriert die von Mario Candeias herausgegebene Textsammlung Klassentheorie. Vom Making und Remaking hervorragend). Und ja, auf der Ebene konkreter Subjektivierung – dort, wo Klassensituationen zu politischen Positionen von Akteuren werden – hat »Klasse« eine identitäre Dimension, die rein logisch auf Augenhöhe mit jeder anderen Identität funktioniert. Der alte Begriff »Klassenstolz« leuchtet diesen Umstand scharf an.

Zugleich verweist »Klasse« auf abstrakterer Ebene auf andere Beziehungen. Früher hätte man gesagt, es gehe um das »Verhältnis zu den Produktionsmitteln«. Etwas aktualisiert und näher am Kern ist bei diesem Klassenbegriff nichts anderes als die jeweils historische Organisationsform von »Arbeit« gemeint. Es geht hier um einen Begriff von Arbeit, der all jene Aktivitäten und Praktiken enthält, die Gesellschaft als soziales, tausendfach verwobenes Ganzes möglich machen (mit dichten regionalen und nationalen Verknüpfungen, aber auch zahllosen globalen Verbindungen). Ein Arbeitsbegriff, der (bezahlte wie unbezahlte) Reproduktionsarbeit, prekäre Selbstständigkeit, aber auch durch Gewalt erzwungene Arbeit einschließt. Dieser Umstand – die soziale Produktion und Reproduktion unser aller Leben – verbindet alle nur denkbaren Identitäten. Er bedingt und erklärt unterschiedliche Unterdrückungslagen zwar nicht zur Gänze (Wer würde heute noch die Eigenlogik von Rassismus, Sexismus oder Homophobie, die sich über das Feld der »Arbeit« hinaus in die Sphäre des Alltagslebens der Betroffenen erstreckt, infrage stellen?), aber immerhin soweit, dass sie mit anderen Lagen im Verhältnis stehen. Dass »Arbeit« dabei kein neutraler Metabolismus ist, der natürlich »lebt«, sondern einen Ort ständiger Auseinandersetzung, oft auch offener Kämpfe darstellt, muss kaum hinzugefügt werden: Wer macht was für wen unter welchen Bedingungen? Wer bestimmt über Anstoß zur und Ablauf von Arbeit sowie über Verteilung und Genuss ihrer Früchte? In dieser abstrakteren Sicht kann »Klasse« beanspruchen, kategorial etwas anderes anzusprechen als die mit verschiedenen »-ismen« erfassten Identitäten. Das Schlagwort von der »verbindenden Klassenpolitik« ist aus dieser Perspektive ein großer Wurf – wobei der eigentliche Kern der Botschaft nicht in den Hauptwörtern »Klasse« oder »Politik« liegt, sondern in »verbindend«. Es ist diese Dimension, der dem Begriff »Klasse« seinen besonderen Charakter gibt und über das Partikulare jeder denkbaren Identität hinausweist. Man sollte ihn nicht mit jenem Klassenbegriff verwechseln, der eine konkrete Bewusstseinsbildung voraussetzt und sich neben alle anderen Bewusstseinsformen einreihen muss. Klänge es nicht allzu sehr nach einem sozialdemokratischen Wahlkampfslogan aus den 1970er Jahren, man könnte sagen: Arbeit verbindet.