N°3POLITIK | 01.03.21

Boom Boom Boomerang 

Europa setzt im Kampf gegen die Klimakrise auf Wasserstoff. Doch der Hype um das »grüne Gas« droht zum Einfallstor für die Lobby der fossilen Industrie zu werden.

________________________

VON JOHANNA BÜRGER

ILLUSTRATION: LEA BERNDORFER

Johanna Bürger lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien.


Wovon Jules Vernes in seinem Roman Die geheimnisvolle Insel 1874 schrieb, scheint man neuerdings auch in Wien und Brüssel für sich zu entdecken: Wasserstoff als Energieträger der Zukunft. Davon, dass Österreich zur »Wasserstoffnation Nummer eins« werden soll, sprach Bundeskanzler Sebastian Kurz im Juli 2019. Energie- und Klimaministerin Leonore Gewessler wird indes nicht müde, die Bedeutung der Linz-Deklaration (2018 unter der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft entstanden) als Wegbereiterin für die europäische Wasserstoffstrategie zu betonen. 

Auch wenn die österreichische Wasserstoffstrategie weiter auf sich warten lässt, steht fest, dass der österreichische Strombedarf bis 2030 bilanziell zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien abgedeckt werden soll. So ist es zumindest im Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) festgehalten. Doch auch der Energiebedarf in den Bereichen Wärme und Mobilität muss gedeckt werden. 

Die hiesigen Bemühungen, das Energiesystem zu dekarbonisieren, liegen ganz im europäischen Trend. 470 Milliarden Euro will die EU-Kommission bis 2050 in Wasserstoffprojekte investieren. Der Schwerpunkt soll auf grünem Wasserstoff liegen. Damit ist Wasserstoff gemeint, der nicht aus Erdgas, sondern durch Elektrolyse aus Wasser hergestellt wird – unter dem Einsatz erneuerbarer Energie. 

Die Wasserstoff-Farbenlehre

Wasserstoff – das am häufigsten vorkommende chemische Element des Universums – ist nicht gleich Wasserstoff. Gemeinhin wird zwischen grünem, blauem oder grauem Wasserstoff unterschieden. Grauer Wasserstoff wird aus fossilen Grundstoffen hergestellt, vorwiegend aus Erdgas. Die gängigste Methode dafür ist die sogenannte Dampfreformierung, bei der Wasserstoff in einem zweistufigen Verfahren aus Wasser und Methan (Hauptbestandteil von Erdgas) hergestellt wird. Als Nebenprodukt entsteht dabei Kohlenstoffdioxid. Blauer Wasserstoff unterscheidet sich vom grauen dadurch, dass ein großer Teil des ausgestoßenen CO2 unterirdisch gespeichert wird (Carbon Capture Storage). Diese Form der unterirdischen Speicherung ermöglicht es, 65 bis 80 Prozent des CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre fernzuhalten. Das Umweltbundesamt warnt jedoch davor, dass hier bei Leckagen umweltschädliche Auswirkungen auf Grundwasser und Boden zu befürchten sind. Eine Studie von Greenpeace Energy kommt zum Schluss, dass blauer Wasserstoff zudem eine erhebliche CO2-Bilanz aufweist, weil auch bei Förderung und Transport des Erdgases CO2 und Methan emittiert werden. Gleiches gilt für den jüngst hinzugekommenen türkisen Wasserstoff, der durch die thermische Spaltung von Methan hergestellt wird. Bei diesem Verfahren wird Wasserstoff in einem Hochtemperaturreaktor thermisch in seine Bestandteile Wasserstoff und Kohlenstoff zerlegt. Die Energie zur Elektrolyse von pinkem Wasserstoff stammt wiederum aus Atomstrom. 

Der einzige tatsächlich umweltfreundliche, nicht auf fossilen Energieträgern basierende Wasserstoff ist dagegen der grüne. Der für die Elektrolyse benötigte Strom wird dabei aus erneuerbaren Energiequellen bezogen. 

Laut einer Ende 2020 erschienenen Studie des Corporate Europe Observatory (CEO), einer lobbyismuskritischen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Brüssel, sind derzeit weniger als 0,1 Prozent des in Europa hergestellten Wasserstoffs tatsächlich erneuerbar oder »kohlenstoffarm« (blau, türkis, pink). Ganz anders sieht es freilich aus, wenn »kohlenstoffarmer«, »CO2-neutraler« oder auch »dekarbonisierter« Wasserstoff und erneuerbarer Wasserstoff unter der Kategorie »sauber« zusammengefasst werden, wie es die Europäische Kommission zu tun pflegt. Sie konterkariert damit klimarelevante Unterscheidungskriterien.


WÖRTER: 1518

LESEZEIT : ca. 6 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: