N°10POLITIK | 30.09.20

Chinamericas Ende

Verstärkt durch die Covid-19-Pandemie werden zunehmend Stimmen laut, die vor einem weiteren Aufstieg Chinas warnen. Neue Publikationen wollen die Öffentlichkeit überzeugen, die Volksrepublik nicht mehr als Partner, sondern als Feind zu sehen.

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Von Felix Wemheuer

Illustration: Christoph Kleinstück

Der Aufstieg der Volksrepublik China nach 1949 ist, bezogen auf das Wirtschaftswachstum und die Steigerung von Wohlstand, eine Erfolgsgeschichte. Innerhalb von 70 Jahren gelang es China von einem der ärmsten Länder der Welt zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufzusteigen. Nach der »Reform und Öffnung« 1978 unter Führung von Deng Xiaoping entschied die chinesische Regierung, das Land und auch seine riesige Masse an »Wanderarbeiterinnen« als »Werkbank der Welt« ausländischen Investoren zur Verfügung zu stellen. Den Platz an der Peripherie in der globalen Arbeitsteilung des kapitalistischen Weltsystems nahm die Parteiführung zunächst bewusst in Kauf. Die USA und andere westliche Länder waren bereit, einen Technologietransfer in die Volksrepublik zuzulassen. Der Grund war nicht zuletzt, dass die Volksrepublik seit dem Besuch von US-Präsident Richard Nixon 1972 ein faktischer Verbündeter der USA gegen die Sowjetunion geworden war. 

China gehörte seit den 1990ern zu den größten Gewinnern des globalen »amerikanischen Friedens«, der nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers in Osteuropa etabliert wurde. Die Volksrepublik bekam Zugang zu westlichen Märkten und wurde Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Die Arbeitsteilung mit den USA als dem »Headquarter« und China als »Werkbank« führte allerdings zu einer nie dagewesenen gegenseitigen Abhängigkeit beider Länder. In der Obama-Ära wurde dieses Verhältnis von Forschern als »Chinamerica« bezeichnet. Die USA häuften gegenüber China ein riesiges Handelsdefizit an und die Volksrepublik wurde zu einem der Hauptschuldner des Landes. Die Kehrseite der rasanten Industrialisierung des »Reichs der Mitte« und anderer Länder des Globalen Südens ist die Deindustrialisierung der USA. Die Verarmung breiter Schichten der US-amerikanischen Bevölkerung könnte durch das Angebot von günstigen Konsumartikeln von der chinesischen »Werkbank« abgemildert werden.

Die chinesische Führung plant schon seit 1978, dass sich das Land durch »industrielle Aufwertung« in globalen Produktionsketten nach oben arbeiten soll. Bis 2049, dem 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, soll China eine führende Industrienation werden. In den letzten Jahren konnten chinesische Firmen wie Huawei, Alibaba oder Tencent Hochtechnologieprodukte auf westlichen Märkten etablieren. Die US-Regierung unter Donald Trump sieht in der Abhängigkeit beider Staaten eine große wirtschaftliche »Asymmetrie« zuungunsten der USA. Im Mai behauptete Trump in einer Grundsatzrede: »China hat unsere Fabriken überfallen, unsere Jobs ausgelagert, unsere Industrien ausgeweidet, unser interkulturelles Eigentum gestohlen und seine Verpflichtungen in der Welthandelsorganisation verletzt.« Seit Amtsantritt propagiert Trump eine »Entkopplung« der USA von China und hat einen Wirtschaftskrieg entfacht. Ins Visier werden besonders die auf dem amerikanischen Markt erfolgreichen chinesischen IT-Firmen genommen. Deren Zugriff auf Daten in sozialen Medien wird als »Bedrohung für die nationale Sicherheit« dargestellt. Im Juli erklärte US-Außenminister Mike Pompeo schließlich, Nixons Version, China durch Zusammenarbeit zu einem vertrauenswürdigen Partner zu machen, sei gescheitert. Leider habe die Politik seiner Vorgänger einen »Frankenstein« geschaffen.


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