N°11 | POLITIK | 03.11.21

»Die arbeitende Klasse war nie einheitlich«

Die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja beschäftigt sich mit jenen, denen letztes Jahr schlagartig Systemrelevanz beigemessen wurde – den verkannten Leistungsträger:innen. Ein Gespräch über falsche Vorstellungen von Leistung, den verpönten Klassenbegriff und die Abhängigkeit des Kapitalismus von Unterschieden zwischen den Arbeitenden.

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DAVID MAYER IM GESPRÄCH MIT NICOLE MAYER-AHUJA

Nicole Mayer-Ahuja lehrt und forscht als Arbeitssoziologin an der Universität Göttingen. In vielen Publikationen plädiert sie für eine historisch perspektivierte und die globalen Ungleichheitsverhältnisse beachtende Sicht der aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt. Bis 2021 fungierte sie als Direktorin des ebenfalls in Göttingen angesiedelten Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI), einem Zentrum der deutschsprachigen Arbeitssoziologie. Gemeinsam mit Oliver Nachtwey gab sie kürzlich Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft (Suhrkamp) heraus.

David Mayer | »Die im Dunkeln sieht man nicht« – dieses Brecht-Zitat habt du und Oliver Nachtwey eurem Sammelband Verkannte Leistungsträger:innen vorangestellt. In fast zwei Dutzend Beiträgen geht es darin um jene, ohne deren Dienste unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Kannst du in groben Zügen umreißen, wer da was tut und was diese Arbeiten verbindet?

Nicole Mayer-Ahuja | Die verkannten Leistungsträgerinnen und Leistungsträger sind eine Gruppe, die zweierlei gemeinsam hat: Auf der einen Seite geht es um Menschen, die gesellschaftlich hochgradig nützliche Arbeit leisten, weil sie an der Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Strukturen beteiligt sind. Also diejenigen – jetzt liste ich mal unvollständig auf –, die Kranke pflegen, die Kinder erziehen, die dafür sorgen, dass Essen auf den Tisch kommt, etwa in der Nahrungsmittelindustrie, die in der Logistik für den Warenumlauf sorgen oder Mobilität im weiteren Sinne ermöglichen. Auf der anderen Seite verbindet diese Menschen, dass sie dafür, dass sie gesellschaftlich so nützliche Arbeit leisten, unter ausgesprochen prekären Bedingungen arbeiten. Viele können von ihren Löhnen nicht gut leben, sie sind in rechtlicher Hinsicht weniger abgesichert als andere, bleiben oft nicht lange in einer Arbeit und stehen nicht selten ohne Betriebsrat da. Was viele der in unserem Band porträtierten Gruppen auch noch verbindet, sind Ähnlichkeiten im Arbeitsprozess: Dieser vollzieht sich häufig im Dunkeln – ein typisches Beispiel wäre die Wäscherei im Krankenhaus oder der Reinigungsdienst im Bürogebäude. Und: Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind häufig mit starker Arbeitsverdichtung konfrontiert. Zuletzt gilt für die verkannten Leistungsträger, dass sie wenig gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Insgesamt handelt es sich also um eine Gruppe, bei der sich der materiell hohe Gebrauchswert ihrer Arbeit weder in materielle noch symbolische Anerkennungsformen übersetzt.

DM | Viele dieser Akteure wurden im Frühjahr 2020 während des ersten Lockdowns plötzlich als systemrelevant sichtbar, erhielten Applaus. Hat sich in den letzten eineinhalb Jahren an ihrer Situation etwas geändert?

NMA | Die kurze Antwort wäre: nein. Es gab zwar eine symbolische Aufwertung, aber real hat sich für die Beschäftigten wenig verändert. Im Einzelhandel gab es eine Zeit lang Gutscheine und Bonuszahlungen. Aber in dem Moment, in dem es hieß, ein wichtiger Schritt angesichts der Nützlichkeit dieser Arbeit wäre eine Tarifbindung, da war sofort das Ende der Fahnenstange erreicht. In Deutschland gelten Tarifverträge nur mehr in jenen Fällen, in denen Unternehmen als tarifgebunden deklariert sind, und die tarifvertragsfreien Zonen weiten sich stetig aus. Zugleich gab es, und da wird es dann schon wieder gefährlich, vor allem wenn man es aus historischer Sicht betrachtet, eine Diskussion um eine staatlich verfügte Dienstverpflichtung in systemrelevanten Berufen, mit entsprechenden Vorgaben und Einschränkungen.

DM | Und von der anderen Seite her, hat der Applaus den Arbeiterinnen und Arbeitern einen Raum für Widerstand eröffnet?

NMA | Bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst in Deutschland konnte man das durchaus beobachten. Ein neues Selbstbewusstsein lässt sich auch an verschiedenen Arbeitskämpfen ablesen, so wie an jenem an der Berliner Charité. Diese Mobilisierungen haben ihren Ursprung in der Zeit vor der Pandemie, aber der in der Berliner Auseinandersetzung geführte Slogan »Mehr von uns ist besser für alle« spiegelt die Pandemieerfahrung wider, weil das Interesse an guten Arbeitsbedingungen mit einem öffentlichen Interesse an einer funktionierenden Gesundheitsversorgung verknüpft werden kann. Das Schreckgespenst von Bergamo [die italienische Stadt hatte zu Beginn der Pandemie enorm hohe Todeszahlen, teilweise wurden Leichen mit Militärfahrzeugen abtransportiert, Anm. d. Red.] war ja auch eines der unzureichenden Versorgung und überforderter Gesundheitsbeschäftigter, die Erkenntnis, dass ein kaputtgespartes Gesundheitssystem tötet.


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